Capital Wirtschaftsnachrichten


12.06.2026 12:47

Mit einer Strafanzeige wegen möglicher Marktmanipulation hebt der Gesamtbetriebsrat der Commerzbank die Übernahmeschlacht auf die nächste Eskalationsstufe

Das Übernahmeangebot der Unicredit für die Commerzbank wird jetzt die Justiz beschäftigen. Wie Commerzbank-Betriebsratschef Sascha Uebel Capital bestätigte, will der Gesamtbetriebsrat Strafanzeige wegen des Verdachts der Marktmanipulation und der Irreführung gegen unbekannt stellen. Hintergrund sind Vermutungen, wonach die Unicredit ihren Bestand an Commerzbank-Aktien über Derivategeschäfte aufgebauscht haben könnte.

„Ich kann bestätigen, dass heute eine außerordentliche Sitzung des Gesamtbetriebsrats stattfindet“, zitierte ihn zuerst das „Handelsblatt“. „Dabei soll beschlossen werden, dass der Gesamtbetriebsrat seinen Vorsitzenden beauftragt, Strafanzeige wegen des Verdachts der Marktmanipulation und Irreführung nach Paragraf 119 und 120 WpHG gegen unbekannt zu stellen“, so Uebel weiter. Marktmanipulation ist in Deutschland eine Straftat.

Bislang hatte der Commerzbank-Vorstand an die Finanzaufsicht Bafin appelliert, die Derivate-Positionen der Unicredit genau zu prüfen, und liefert dazu regelmäßig Daten. Weil die Prüfung aber dauern wird, könnte die Anzeige des Betriebsrates eine Beschleunigung des Verfahrens ermöglichen und die Staatsanwaltschaft ins Spiel bringen. Unicredit käme damit in eine Position, sich gegen Ermittlungen zu verteidigen, was Kräfte binden und das Verfahren weiter verkomplizieren könnte.

Die Commerzbank äußerte sich auf Capital-Anfrage nicht zur Ankündigung der Strafanzeige. Unicredit verwies auf frühere Aussagen, wonach man die Vorwürfe zurückweise. 

Commerzbank-Betriebsrat: „Logischer nächster Schritt“

Die Commerzbank, die Einsicht ins Aktionärsregister nehmen darf, hat nach eigenen Angaben keinen einzigen institutionellen Investor identifiziert, der seine Papiere an Unicredit verkauft hat. Die angedienten Aktien stammten „fast ausschließlich von mit Unicredit verbundenen Banken und Parteien, die vor dem Übernahmeangebot keine wesentlichen Anteile an der Commerzbank gehalten haben“, so die Bank. 

„Die Belegschaft ist aufgrund der Vorkommnisse der vergangenen Wochen derart wütend, dass eine Strafanzeige aus meiner Sicht der logische nächste Schritt ist“, sagte Uebel dem „Handelsblatt“. Unicredits Angebot für die Commerzbank sei wirtschaftlich unattraktiv, weil der Tauschkurs unter dem Marktpreis liegt. Dass trotzdem so viele Aktien angedient worden seien, sei nicht rational erklärbar. „Ich habe wie viele Beschäftigte in der Commerzbank den Verdacht, dass der Kapitalmarkt damit bewusst in die Irre geführt werden soll“, sagte Uebel. „Es soll der Eindruck erweckt werden, als habe Unicredit die Übernahme der Commerzbank schon so gut wie in der Tasche, doch dem ist nicht so.“

Kern der Auseinandersetzung ist der Umfang der von Unicredit-Investoren angedienten Commerzbank-Aktien (Tender): Unicredit hat nach eigenen Angaben bislang 10,9 Prozent der Aktien angedient bekommen, nachdem sie vor Abgabe des Übernahmeangebotes bereits 26,77 Prozent der Anteile hielt. Im Raum steht der Verdacht, dass Unicredit Commerzbank-Aktien aus dem eigenen Bestand verliehen hat und auf deren Basis Derivate aufgelegt wurden, die wiederum als Grundlage für angediente Aktien dienen.

Die Angebotsfrist läuft noch bis 16. Juni mit einer verlängerten Phase bis zum 3. Juli.

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Der erwartete dramatische Preisanstieg beim Öl ist bisher ausgeblieben. Dafür gibt es mehrere Gründe, von denen einer den Markt komplett verändern könnte

Als US-Präsident Donald Trump seiner „Epic Fury“ Lauf ließ und Ende Februar gemeinsam mit Israel das Regime des Iran angriff, kursierten dramatische Prognosen: Der Ölpreis, so warnte Larry Fink, Chef des Vermögensverwalters Blackrock, könne infolge des Kriegs auf 150 Dollar pro Barrel (ein Barrel = 159 Liter) steigen und „eine globale Rezession“ auslösen. Saad al-Kaabi, der Energieminister von Katar, sagte voraus, der zu erwartende Preisanstieg werde „die Volkswirtschaften der Welt in den Ruin treiben“. Auch er nannte 150 Dollar als absehbaren Preis. Die Bundesregierung reagierte in Panik und spendierte den Deutschen einen Tankrabatt.

Tatsächlich kam es zu einem Preisanstieg, als der Iran die Straße von Hormus sperrte und damit deutlich weniger Rohöl auf den Weltmarkt ließ. Allerdings bleiben die aktuellen Kosten weit von den Horrorprognosen der ersten Wochen entfernt – und das obwohl der heiße Krieg nach neuen Drohungen Trumps gerade wieder Fahrt aufnimmt. Die für Europa wichtigste Referenzsorte Brent wurde Mitte Juni bei 93 Dollar gehandelt, das für Nordamerika wichtige WTI sogar bei unter 90 Dollar. Das ist deutlich mehr als noch zu Beginn von 2026, aber ein Wert, der in den vergangenen Jahren mehrfach erreicht worden war.

Öl: Exportrückgang um 40 Prozent

Warum also bleibt das extreme Szenario bisher aus? Hat die Welt lediglich eine Atempause bekommen? Für das, was auf dem Markt derzeit geschieht, gibt es mehrere Gründe. Und einer davon könnten dafür sorgen, dass sich das Geschäft mit dem Öl tatsächlich dauerhaft verändert.

Wie das renommierte Energieberatungsinstitut Rystad Energy vorrechnete, wurden aus dem Nahen Osten im Zweiten Quartal 2026 täglich 9,6 Millionen Barrel exportiert, das sind etwa 7,7 Millionen Barrel weniger als im Durchschnitt der drei Vorquartale. Ein Rückgang um mehr als 40 Prozent.

Diesem Minus an Angebot stehen drei Effekte entgegen: Zusätzliche Lieferungen durch andere Produzenten, volle Lager bei den Abnehmern und eine stark sinkende Nachfrage.

Ölschwemme vor dem Krieg

Während Saudi-Arabien und die Emirate ihre Ausfuhren reduzieren mussten, drehten in anderen Weltregionen die Produzenten die Hähne auf. In Südamerika, angeführt von Brasilien und Venezuela, stiegen die Exporte von Rohöl um über 20 Prozent, auch Nordamerika legte ordentlich zu. Und in Europa sorgte vor allem Norwegen für ein größeres Angebot. „Der Rückgang der Exporte aus dem Nahen Osten, insbesondere nach Asien, bot Chancen für andere Regionen“, heißt es im jüngsten Rystad-Bericht für den Ölmarkt.

Zugleich traf die neueste Ölkrise die Welt in einem Moment, in dem eigentlich eine Ölschwemme herrschte. Die Energiebehörde der US-Regierung (EIA) schätzte vor Beginn des Konflikts, „dass der Markt gut aufgestellt war, um eine kurzfristige Unterbrechung der Öllieferungen infolge des monatelangen weltweiten Überangebots zu überstehen“. Konkret bedeutete das: Die Lager, vor allem in Asien, waren prall gefüllt. China hatte die niedrigen Preise vor allem für das in Europa sanktionierte russische Öl genutzt, um die eigenen Reserven aufzustocken. Diese Rücklagen können jetzt genutzt werden. Der Rystad-Analyse zufolge waren die chinesischen Lager sogar so voll, dass einiges von dem für das Land bestimmten Öl an andere asiatische Staaten weitergeleitet werden konnte.

Zugfahren statt Fliegen

Zwar sind sich alle Experten einig, dass diese Reserven nicht ewig reichen werden. Allerdings leeren sich die Lager auch langsamer als erwartet, und das liegt vor allem daran, dass die Nachfrage nach Öl in Asien dramatisch eingebrochen ist. Im Zentrum standen zunächst zwei Branchen: „Derzeit sind die Petrochemie- und die Luftfahrtbranche am stärksten betroffen, doch werden sich steigende Preise, ein schwächeres wirtschaftliches Umfeld und Maßnahmen zur Nachfragereduzierung zunehmend auf den Kraftstoffverbrauch auswirken“, heißt es im Ölmarktbericht der Internationalen Energieagentur (IEA). Die Chinesen stiegen vom Flugzeug auf Schnellzüge um, die chemische Industrie reduzierte ihren Verbrauch oder stieg zum Teil auf andere Rohstoffe um.

Allerdings hat sich auch insgesamt die Struktur der Nachfrage geändert, was durch den Iran-Krieg noch beschleunigt wird. Vor allem in Asien sei „die Nachfrage stärker zurückgegangen, als wir bisher angenommen hatten“, schreibt die US-Behörde EIA. Schon jetzt machen Elektroautos den Großteil der Neuzulassungen in chinesischen Großstädten aus, und in Europa wird dieser Trend gerade massiv angekurbelt. Im März 2026 wurden fast 40 Prozent mehr Batteriefahrzeuge in Europa neu angemeldet als noch ein Jahr zuvor. Und auch der Absatz von Wärmepumpen, also von mit Strom betriebenen Heizungen, legt rapide zu.

Kommt die Nachfrage überhaupt zurück?

Aus Sicht der im Öl-Land Norwegen sitzenden Energieberatung Rystad ist angesichts dieser Gemengelage sogar fraglich, ob das alte Niveau der Nachfrage jemals wieder zurückkommen wird – unabhängig vom Verlauf des Konflikts im Nahen Osten. „Der Krieg hat den Bedenken hinsichtlich der Energiesicherheit neuen Auftrieb gegeben“, schreiben die Berater, die für das Jahr 2027 sogar ein globales „Überangebot“ an Erdöl erwarten.

Ein Teil davon werde dadurch aufgefangen, dass die Lager und strategischen Reserven wieder aufgefüllt werden müssten. „Doch selbst wenn die Preise aufgrund des Überangebots sinken, bleibt ungewiss, ob wir wieder das Vorkriegsniveau der Rohölnachfrage erreichen werden, da Länder und Verbraucher ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen neu bewerten.“

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Der größte Börsengang aller Zeiten – und die großen Banken sind kaum beteiligt. Wie SpaceX die Wall Street zu Bittstellern degradiert hat

Es ist ein Auftrag, den man als Investmentbank nicht ablehnen kann. Genau das ist wahrscheinlich das Problem beim anstehenden Börsengang von SpaceX. Die gewaltige Größe des IPOs hat, so schreiben mehrere Medien, offenbar die Kräfte verschoben – weg von den Banken hin zum Unternehmen, mit der Folge, dass SpaceX wohl so viel Macht auf die Banken ausüben kann wie noch kein Konzern zuvor. Brancheninsider berichten von erstaunlich geringen Gebühren, wenig Kontrolle und extrem hohen Risiken.

Damit befindet sich die Stimmungslage in der Bankenwelt diametral zu der an den Märkten. Dort herrscht pure Euphorie – der Börsengang soll mehrfach überzeichnet sein. Bei den Bankern hingegen überwiegen die Sorgen, denn: Sollte der Börsengang holpern, werden die Kreditinstitute die Kritik abbekommen. Warum war man hier so naiv? Warum wurden Indexregeln gelockert? Warum wurden die astronomischen Bewertungen für SpaceX toleriert? 

Ganz unbegründet scheinen die Sorgen nicht: Das Analysehaus Morningstar hat den fairen Wert von SpaceX auf weniger als die Hälfte der angestrebten Bewertung von 1,8 Billionen Dollar taxiert. Geht die Rechnung nicht auf, ist der Imageschaden für die begleitenden Banken groß – auch wenn sie kaum Einfluss auf den Preis der Aktie und das Verfahren des Börsengangs hatten. 

SpaceX entzieht Banken Gestaltungsmacht

SpaceX hat seinen begleitenden Banken einer Vereinbarung zufolge lediglich eine Gebühr von rund 0,75 Prozent der Emissionserlöse in Aussicht gestellt. Verkauft das Unternehmen bei einer Bewertung von 1,8 Billionen Dollar Aktien im Wert von 75 Mrd. Dollar, bedeutet das für die Banken zusammen etwas mehr als 500 Mio. US-Dollar. Das klingt nach viel – und ist es in absoluten Zahlen auch. Doch gemessen an der schieren Größe des Deals sind es allenfalls bessere Almosen. 

Große Börsengänge erzielen zwar traditionell niedrigere Gebühren als der langfristige Durchschnitt von sieben Prozent für alle IPOs, den der „Economist“ angibt. Aber weniger als ein Prozent gilt in der Branche als ausgesprochen karg. Als Goldman Sachs 2010 bei der Börsenrückkehr von General Motors (GM) eine Gebühr von 0,75 Prozent akzeptierte, wurde dies seinerzeit als Gefälligkeit gegenüber der US-Regierung gewertet. Um den Autokonzern zu retten, hatte sich der Staat an GM beteiligt. Nach der Stabilisierung des Unternehmens trennte sich die Regierung wieder von ihren Anteilsscheinen.

Im Fall SpaceX dürfte für die Banken noch schmerzhafter sein, dass das Raumfahrtunternehmen ihnen die übliche Gestaltungsmacht entzogen hat. Bis zu 30 Prozent der Aktien sind für Privatanleger reserviert, den Ausgabepreis hat das Unternehmen selbst auf 135 Dollar je Aktie festgesetzt – nach dem Prinzip friss oder stirb. Damit schrumpft der Handlungsspielraum der Berater bei der Zuteilung von Aktien auf ein Minimum. 

Das ist eine dramatische Umkehr früherer Verhältnisse. Viele Jahre konnten Banker IPOs gezielt unterbewertet auf den Markt bringen, damit ausgewählte Käufer vom Kurssprung am ersten Handelstag profitierten. Seit 1980 betrug das durchschnittliche Kursplus am ersten Handelstag 19 Prozent – im Rekordjahr 1999, auf dem Höhepunkt des letzten Tech-Booms, erreichte es sogar 71 Prozent. Die Emittenten, wie theoretisch auch SpaceX, hatten keine andere Wahl, als das zu akzeptieren. Ein bewusst niedrig angesetzter IPO-Preis gab den Firmen immerhin eine günstige Gelegenheit, um sich wohlgesonnene Analystenberichte zu „erkaufen“ – selbst wenn das niemand offen zugeben würde. Investmentbanking und Research-Abteilung sind bei den Instituten schließlich formal getrennt.

SpaceX könnte Trend einleiten

Ausweichoptionen gab es wenige. Und die, die es versuchten, fielen damit oft auf die Nase. Das letzte bekannte Beispiel war Coinbase 2021, das ein Direct Listing (ohne Emissionsbank) an der Börse versuchte. Doch der Start verlief so holprig, dass es bislang kein vergleichbares Unternehmen wieder probierte. Wohl auch deshalb wollte SpaceX nicht gänzlich auf Emissionsbanken verzichten.

Banker fürchten laut „Economist“ bereits, dass sich durch SpaceX ein gefährlicher Trend entwickeln könnte. Firmen bleiben noch länger in privater Hand, bis sie eine entsprechende Größe erreicht haben, um den Türsteher – die Bankenwelt – zu umgehen.

12.06.2026 07:00

Lange Zeit galt Loyalität zu Wladimir Putin als Schutz. Doch nun verlieren selbst Kreml-Vertraute ihre Firmen und Vermögen. Was hinter der neuen Enteignungswelle steckt

Jahrzehntelang galt in Wladimir Putins Russland ein unausgesprochener Deal: Wer loyal blieb, durfte seinen Reichtum behalten. Doch inzwischen verlieren selbst kremlnahe Milliardäre Unternehmen und Vermögen.

Das Land erlebt derzeit die größte Vermögensumverteilung seit den wilden Privatisierungen der 1990er Jahre. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gingen erhebliche Teile der ehemaligen Staatswirtschaft in die Hände von Geschäftsleuten über, es entstand die kleine Schicht reicher und mächtiger Oligarchen. Jetzt nimmt der Kreml einige dieser Milliardäre ins Visier. Und es stellt sich die Frage, wer als Nächstes an der Reihe sein könnte.

Der Mechanismus: Die Staatsanwaltschaft klagt Oligarchen an und wirft ihnen etwa Korruption, Unregelmäßigkeiten bei den Privatisierungen in den 90er-Jahren oder Verstöße gegen nationale Sicherheitsinteressen vor. Gerichte ordnen daraufhin an, Vermögenswerte einzuziehen. Die werden häufig an staatsnahe Akteure oder Kreml-Vertraute weitergereicht, womit Putin Loyalität belohnt und seinen Patronage-Apparat stärkt. Zugleich sind die Enteignungen ein Signal: Selbst als loyal geltende Milliardäre müssen fürchten, fallen gelassen zu werden.

Dafür gibt es Beobachtern zufolge mehrere Gründe, die ineinanderfließen: Der Kreml braucht zusätzliche Mittel, um seinen Krieg in der Ukraine zu finanzieren. Mit der Vermögensumverteilung soll jedoch nicht nur die Kontrolle über die wirtschaftlichen Ressourcen ausgeweitet werden. Zugleich soll die systematische Umverteilung dafür sorgen, dass Reichtum noch stärker von politischer Loyalität abhängt als bisher.

Agrar-Oligarch in Haft

Politisch motivierte Enteignungen sind im System Putin nicht neu. Lange trafen sie vor allem Gegner des Kremls. Das bekannteste Beispiel ist der Fall Michail Chodorkowskis. Als sich der Oligarch im Jahre 2003 offen gegen den Präsidenten Wladimir Putin stellte, ließ ihn dieser verhaften.

Chodorkowski wurde in zwei Prozessen wegen Betrugs, Steuerhinterziehung und Geldwäsche zu einer langjährigen Lagerhaft verurteilt. Sein Ölkonzern Jukos wurde zerschlagen, die wichtigste Konzerntochter ging in einer windigen Auktion mit nur zwei Bietern zu einem Schleuderpreis an eine bis dahin völlig unbekannte Firma, die kurz zuvor gegründet worden war. Diese Firma wurde ein paar Tage später von Rosneft gekauft – Aufsichtsratschef des vom Staat kontrollierten Ölkonzerns war Vize-Kremlchef Igor Setschin. Der Putin-Vertraute und ehemalige Geheimdienstoffizier wurde später Chef des Unternehmens.

Nun sind auch systemtreue Akteure das Ziel. In vielen Fällen hatten die betroffenen Geschäftsleute Ämter als Mitglieder des Bundes- oder von Regionalparlamenten inne. Einige waren zeitweise in Regionalverwaltungen aktiv.

Zu ihnen gehört Wadim Moschkowitsch. Der milliardenschwere Gründer des Agrarriesen Rusagro wurde im März vergangenen Jahres festgenommen. Die Staatsanwaltschaft warf ihm Betrug vor. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. Mittlerweile wurde auch ein Korruptionsverfahren gegen ihn eingeleitet, er weist die Vorwürfe zurück.

Der Unternehmer saß bis 2014 acht Jahre als Senator der Region Belgorod im Oberhaus des russischen Parlaments und stand der Kreml-Partei „Einiges Russland“ nahe. Die russische Justiz wirft ihm vor, während dieser Amtszeit gegen Antikorruptionsgesetze verstoßen zu haben.

Verurteilt ist Moschkowitsch noch nicht. Aber ein Richter entschied, dass er und seine Familie sich von ihren Anteilen an Rusagro trennen müssen. Der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge wurden sie nur wenige Tage nach der gerichtlichen Anordnung an eine Tochtergesellschaft der staatlichen Agrarbank übertragen. Laut „Moscow Times“ ordnete das Gericht außerdem die Beschlagnahmung von Bankkonten und Bargeld im Volumen von insgesamt mehreren Milliarden Dollar an.

Oligarchen spenden

Seit 2022 hat die Generalstaatsanwaltschaft russischen Kanzleien zufolge mehr als 170 Verfahren zur Einziehung von Unternehmen und Vermögenswerten eingeleitet. Das Volumen liege umgerechnet bei mehr als 50 Mrd. Dollar. Fast die Hälfte dieser Summe entfiel allein auf das Jahr 2025 - die Entwicklung beschleunigt sich also deutlich.

Ein weiterer Oligarch, der sein Imperium verlor, ist Konstantin Strukow. Nach Korruptionsvorwürfen musste er sich von seinem Firmengeflecht trennen, das von Goldförderung bis zur Landwirtschaft reichte. Strukow werden langjährige gute Beziehungen zum Kreml nachgesagt, er ist Mitglied der regierenden Partei „Einiges Russland“ und war mehr als zwei Jahrzehnte lang Abgeordneter im Parlament der Region Tscheljabinsk. 2021 verlieh Putin Strukow einen Orden für „Verdienste um das Vaterland“.

Andere Oligarchen bieten vor diesem Hintergrund lieber viel Geld an. Angeblich drängt Putin sie angesichts der hohen Kosten für den Krieg in der Ukraine dazu, um die Staatsfinanzen zu stabilisieren. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow wies diese Darstellung zurück. Bei einem Treffen hinter verschlossenen Türen von Putin und russischen Wirtschaftsführern im Kreml hätten diese von sich aus vorgeschlagen, Geld an den Staat zu spenden. Putin habe diese Initiative begrüßt, aber nicht selbst um Zahlungen gebeten.

Medienberichten zufolge soll allein der Milliardär Suleiman Kerimow, seit fast 18 Jahren russischer Senator, einen Beitrag von umgerechnet satten 100 Mrd. Rubel (umgerechnet 1,1 Mrd. Euro) zugesagt haben.

Der Beitrag ist zuerst bei ntv.de erschienen. Das Nachrichtenportal gehört wie Capital zu RTL Deutschland.

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11.06.2026 17:11

Die EZB erhöht die Leitzinsen wie erwartet auf 2,25 Prozent. Das hat Folgen: Für Sparer, Unternehmen – und Immobilienbesitzer. Die eigentliche Frage ist aber: Wie geht es weiter?

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Donnerstag wie erwartet den Leitzins in der Eurozone angehoben – erstmals seit bald drei Jahren. Der Zinssatz für Bankeinlagen bei der EZB steigt von aktuell 2,0 auf 2,25 Prozent. Damit will die EZB die im Zuge des Irankriegs stark gestiegene Inflation in der Eurozone wieder eindämmen. Zuletzt war die Inflationsrate auf 3,2 Prozent geklettert.  

Der Aufschlag war erwartet worden, alles andere wäre eine Überraschung gewesen. Entsprechend positiv fielen die Reaktionen von Finanzexperten aus. Die Währungshüter demonstrieren Entschlossenheit in ihrem Einsatz für Preisstabilität“, kommentierte die Blackrock-Managerin Ann-Katrin Petersen. Der deutsche Leitindex Dax tendierte zum Nachmittag leicht im Plus mit 0,2 Prozent – ebenfalls ein sicheres Zeichen, dass die Aktienmärkte den Schritt der EZB positiv aufnehmen. Normalerweise geraten Börsenkurse unter Druck, wenn die Zentralbanken die Leitzinsen anheben.  

Dennoch markiert die Zinsanhebung eine wichtige Wende in der Geldpolitik: Noch zu Jahresbeginn rechnete der Markt mit konstanten oder sogar leicht sinkenden Leitzinsen in der Eurozone. Doch dann kam der von Trump losgetretene Irankrieg, der zur Sperrung der für die Schifffahrt wichtigen Straße von Hormus und einem massiven Ölpreisanstieg führte. Die Folge: Die Inflationsrate in der Eurozone erreichte im Mai 3,2 Prozent und lag damit klar über dem EZB-Ziel von zwei Prozent, bei dem sie ihr Mandat der Preisniveaustabilität erfüllt sieht.  

Weitere Zinsanhebungen?

Nun richtet sich der Blick des Marktes bereits nach vorn. Die US-Investmentbank Goldman Sachs stellt sich auf eine weitere Zinserhöhung im September ein, „bedingt durch höhere Energiepreise und stärkere Inflationserwartungen“, sagte kürzlich Christian Müller-Glissmann, Leiter der Asset Allocation bei Global Investment Research der Bank.  Der Markt rechnet sogar noch mit einem dritten Zinsschritt bis März 2027. Dann würde der Euro-Leitzins bei 2,75 Prozent liegen.  

Für Sparer folgen aus einer Zinserhöhung übrigens nicht automatisch steigende Tagesgeldzinsen. Bislang bildete der Einlagensatz quasi eine natürliche Obergrenze für Sparzinsen mit täglicher Verfügbarkeit, der Neobroker Trade Republic fungierte hier als Trendsetter. Nachdem er den Rückgang des Leitzinses von 4,0 auf 2,0 Prozent jeweils weitergegeben hat, ist die Spannung hoch, ob er auch die Zinserhöhung mitmachen wird.  

Kein Automatismus

Dass sich bei einer Zinserhöhung auch die Sparzinsen erhöhen, ist kein Automatismus. Ob es dazu kommt, hängt von vielen Faktoren ab, wie der Höhe der Einlagen bei einer Bank oder Sparkasse, ihrer Wettbewerbssituation und eventuellen Marketingmaßnahmen. Aktuelle Kampfzinsen wie vom Neueinsteiger Chase mit 4,0 Prozent oder von Raisin mit 3,2 Prozent werden aus Marketingbudgets gezahlt und sind unabhängig vom Leitzins. Wenn ein Institut bei einem Leitzins von 2,0 Prozent seine Kunden mit 0,5 oder 0,75 Prozent abspeisen kann, ohne große Abflüsse zu sehen, so wird es das wohl auch bei einem leicht höheren Leitzins machen können. 

Auch auf die Bauzinsen hat der Leitzins kaum Einfluss. Sie orientieren sich naturgemäß an langlaufenden Staatsanleihen und haben in den vergangenen Monaten bereits deutlich angezogen.  

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11.06.2026 14:46

Der Ölpreisschock infolge des Irankriegs treibt die Verbraucherpreise nach oben. Nun reagiert die Europäische Zentralbank. Sparer profitieren schon jetzt davon

Mit der ersten Zinserhöhung seit fast drei Jahren stemmt sich die Europäische Zentralbank (EZB) gegen den Inflationsschub infolge des Iran-Kriegs. Die Euro-Währungshüter heben den für Banken und Sparer wichtigen Einlagenzins um 0,25 Prozentpunkte auf 2,25 Prozent an, wie der EZB-Rat in Frankfurt entschied.

Zuletzt hatte die Notenbank den Zins, den Geschäftsbanken für bei der EZB geparkte Gelder bekommen, siebenmal in Folge bei 2,0 Prozent belassen. Die letzte Zinserhöhung im Euroraum gab es im September 2023.

Höhere Zinsen verteuern Kredite für Verbraucher und Firmen, was die Nachfrage bremsen und so die Inflation dämpfen kann. Sparer profitieren, wenn Banken steigende Leitzinsen weiterreichen. Zugleich sind Zinserhöhungen eine Bürde für die ohnehin schwache Konjunktur. Die EZB steckt in der Zwickmühle: Hebt sie die Zinsen zu stark an, läuft sie Gefahr, die Wirtschaft abzuwürgen.

Bringt der Irankrieg den nächsten Preisschub?

Wichtigstes Ziel der Euro-Währungshüter ist es, die Inflation im Zaum zu halten. Der Ölpreisschock infolge des Irankriegs hat die Teuerung kräftig nach oben getrieben. Im Mai lagen die Verbraucherpreise im Euroraum ersten amtlichen Zahlen zufolge um 3,2 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. 

Die Zielmarke der EZB, mittelfristig Preisstabilität bei zwei Prozent Inflation im Euroraum anzustreben, ist damit deutlich überschritten. Auch in Deutschland heizten gestiegene Spritpreise die Teuerung an, der Tankrabatt sorgte hierzulande im Mai für etwas Abschwächung auf 2,6 Prozent Inflation.

Ökonomen fürchten, dass sich mit dem Krieg im Nahen Osten nicht nur Tanken und Heizen verteuern, sondern die Preise insgesamt anziehen, da Firmen gestiegene Energie- und Transportkosten an Kunden weitergeben. Noch im Januar – vor Kriegsbeginn – lag die Teuerung im Euroraum bei 1,7 Prozent.

Sparer profitieren

Die Sparzinsen sind zuletzt bereits geklettert, weil die EZB-Zinserhöhung erwartet wurde. Laut Vergleichsportal Verivox bringt bundesweit verfügbares Festgeld mit zwei Jahren Laufzeit derzeit im Schnitt gut 2,3 Prozent, für Tagesgeld gibt es 1,3 Prozent. Neukunden locken einige Banken zeitweise mit bis zu 4 Prozent aufs Tagesgeld.

Verivox erwartet, dass sich die Konditionen für Sparer mit steigenden Leitzinsen weiter verbessern werden. „In dem Fall dürfte sich der Zinsanstieg beim Festgeld in ähnlichem Tempo wie zuletzt fortsetzen“, sagt Oliver Maier, Geschäftsführer der Verivox Finanzvergleich GmbH.

Weitere Zinserhöhungen in diesem Jahr?

Einige Volkswirte erwarten, dass es nicht bei einer Zinserhöhung in diesem Jahr bleiben wird. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte wiederholt die Handlungsfähigkeit der Zentralbank betont. 

Nach Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 stand die Notenbank in der Kritik, den damaligen Preisanstieg in der Energiekrise lange unterschätzt zu haben. Die Inflation im Euroraum schnellte bis auf mehr als zehn Prozent hoch, in Deutschland verteuerten sich Energie und Lebensmittel rasant. Die Preiserhöhungen wirken bis heute nach: Nahrungsmittel sind rund ein Drittel teurer als 2019.

11.06.2026 14:30
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11.06.2026 14:00
Die erste Million ist die Schwerste, heißt es. Das stimmt auch – aber bei der Geldanlage fangen die Probleme hier erst an. 1 Mio. Euro sind schwerer anzulegen, als man denkt
11.06.2026 13:35

Die Robotikfirma Neura Robotics aus Metzingen vermeldet die höchste Start-up-Finanzierungsrunde Deutschlands. Geldgeber, Markt, Risiko – alles an dem Fall ist ungewöhnlich

Es ist gerade mal einige Tage her, da beklagte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) bei einer Veranstaltung, der europäische Tech-Boom stehe „auf einem schmalen Kapital-Fundament“: Bei den großen Finanzierungsrunden über 100 Mio. Euro sei Europa weit abgeschlagen gegenüber China und den USA.

Als ob es jetzt erst recht gelte, das Gegenteil zu beweisen, kann Neura Robotics aus Metzingen nun die größte Finanzierungsrunde eines deutschen Start-ups jemals verkünden. Bis zu 1,4 Mrd. Dollar fließen in die noch kein Jahrzehnt alte Firma von Gründer David Reger, die dafür mit 7 Mrd. Dollar bewertet wird.

Das Rekordfunding für Neura zeigt, dass es geht – dass sehr große Runden für Technologiefirmen auch in Deutschland möglich sind. Zugleich ist der Fall Neura in vielerlei Hinsicht besonders – es ist ein spezieller Markt, es geht um ungewöhnliche Geldgeber, es geht um ein außergewöhnliches Risiko. All das macht Neura Robotics zur aktuell vielleicht spannendsten Wette in der deutschen Start-up-Szene.

Höchst ungewöhnliche Geldgeber

Da sind zum einen die Investoren. Statt ausschließlich aus dem Venture-Capital- oder Private-Equity-Bereich kommt das Kapital von einigen ungewöhnlichen Geldgebern: Da ist das Stablecoin-Unternehmen Tether, keineswegs unumstritten, das zuletzt immer häufiger als Investor in Erscheinung getreten ist und das die Neura-Roboter mit seinen Krypto-Wallets ausstatten will, um autonome Transaktionen zu ermöglichen – etwas, von dem in der Blockchain-Welt schon lange geträumt wird.

Mit Amazon, Qualcomm und Nvidia sind drei absolute Tech-Schwergewichte aus den USA an Bord, schließlich mit Bosch und Schaeffler zwei der wichtigsten Industrieunternehmen des Südwestens. Für all diese Firmen gibt es Schnittmengen mit dem Robotergeschäft, sei es als Chipzulieferer oder als Fertigungspartner und -kunden. Mit diesen Teilhabern kommen aber jeweils eigene Interessen, die im Zweifel sich auch widersprechen können. Die neuen Anteilseigner könnten „Skalierung mitdenken und unsere Strategien hinterfragen“, erklärte Gründer David Reger dem „Handelsblatt“.

Ein wichtiges Detail ist die Formulierung „bis zu“ 1,4 Mrd. Dollar für die Finanzierungsrunde – wie groß der Anteil des Fundings ist, der erst nach der Erreichung bestimmter Zwischenziele ausgezahlt werden wird, bleibt offen. Klar ist: Der Robotikmarkt läuft heiß, um hier bei Qualität und Quantität mithalten zu können, braucht es Unmengen an Kapital.

Millionen Roboter bis 2030

Neura Robotics will mit dem frischen Geld bis 2030 die Produktion mehrerer Millionen Roboter möglich machen. Die sollen dann nicht nur in Unternehmen, sondern auch in privaten Haushalten zum Einsatz kommen. Als Nahziel ist die Steigerung von aktuell 6000 auf mehrere zehntausend Roboter pro Jahr geplant, heißt es bei der „Financial Times“.

Wie weit das Unternehmen bei Ab- und Umsatz bereits ist, bleibt allerdings nebulös. So ist nicht klar, wie viele Roboter bei welchen Kunden schon im Einsatz sind – und was diese leisten können. Laut Neura betragen „Auftragsbestand und die strategische Deployment-Pipeline des Unternehmens“ mehr als 1 Mrd. Dollar.

Die Firma aus Metzingen, die Ende der 2010er-Jahre ursprünglich als Tochterfirma der chinesischen Han’s Group von Milliardär Yunfeng Gao startete, gibt manchen Beobachtern schon länger Rätsel auf. Öffentlichkeitswirksam wurde die Produktion 2024 nach Deutschland verlagert, die chinesischen Investoren herausgekauft. Der bekannte Tech-Analyst Philipp Klöckner sprach vor Wochen in seinem Podcast von „Red Flags“: Er verstehe das Unternehmen „nicht gut“ und frage sich, wo der Wettbewerbsvorteil von Neura liegen solle; zuletzt hätten einige Anteilseigner von Neura versucht, ihre Firmenanteile auf dem Secondaries-Markt loszuwerden.

Markt mit mächtigen Spielern

Aber es geht ja auch um eine erstaunliche Wette: Diese Firma aus Metzingen traut sich in einen Markt, in dem einige der mächtigsten Akteure der USA und Chinas unterwegs sind. In China, wo der Aufbau der Robotikbranche längst erklärtes Staatsziel ist, soll es laut einer Aufstellung inzwischen fast eine halbe Million Robotikunternehmen geben; knapp 50 planen allein in Hongkong einen Börsengang, so Bloomberg. Dann ist da Elon Musk – bei all dem Fokus auf den SpaceX-Börsengang mag in den Hintergrund geraten, dass Musk bei Tesla ja das Robotikgeschäft größer machen will als das Automobilbusiness. 

Musks humanoide Roboter sind zugleich auch der Beweis dafür, dass die technischen Fortschritte im Markt allzu oft hinter den vollmundigen Versprechen zurückbleiben. Dass die qualitativen Fortschritte wirklich kommen, dürfte die Voraussetzung dafür sein, dass die großspurigen Wachstumsprognosen eintreten. McKinsey zum Beispiel prognostiziert, dass der globale Markt für humanoide Roboter bis 2030 auf 28 Mrd. Dollar wachsen wird.

Zu den ernstzunehmenden Konkurrenten von Neura gehört an der US-Westküste die Firma Figure AI. Im Herbst sammelte sie in einer Finanzierungsrunde „nur“ 1 Mrd. Dollar ein – allerdings sprang die Bewertung der Firma damit gleich auf irrwitzige 39 Mrd. Dollar (Neura, das als Erinnerung, ist nach Ansicht der Investoren nach seiner 1,4-Mrd.-Dollar-Runde „nur“ 7 Mrd. Dollar wert). Das zeigt, wie viel Fantasie im Markt ist. Und dass Deutschland zumindest bei den Bewertungsmultiples zu den USA noch einiges aufzuholen hat.

11.06.2026 11:30

Mit einer neuen Förderung will die Bundesregierung erreichen, dass vor allem in den Städten mehr Wohnraum entsteht. Interessant ist das besonders für Immobilienbesitzer

Wohnraum ist in vielen Regionen Deutschlands knapp, während die Nachfrage nach Wohnungen immer weiter steigt. Zugleich stehen zahlreiche Gewerbeimmobilien leer. Ehemalige Büros oder Ladenflächen werden oft nicht mehr genutzt, auch weil viele Menschen im Homeoffice arbeiten.

Um hier Abhilfe zu leisten, startet die Bundesregierung ab Juli ein neues Projekt, das die Umwandlung von Gewerbeflächen in Wohnraum anschieben soll. Das „Förderprogramm Gewerbe zu Wohnen“ beinhaltet einen Zuschuss, mit dem Eigentümer motiviert werden sollen, geeignete Gewerbegebäude umzubauen und sie als Wohnraum anzubieten.

Förderung soll für mehr Wohnraum sorgen

Die Politik verfolgt damit mehrere Ziele gleichzeitig: Zum einen soll zusätzlicher Wohnraum entstehen, zum anderen sollen leer stehende Immobilien wieder sinnvoll genutzt werden. Die Umnutzung bestehender Gebäude ist zudem häufig ressourcenschonender als ein kompletter Neubau.  

Vor allem in Ballungsräumen fehlen Wohnungen, auch weil sich Bauprojekte aufgrund hoher Baukosten, und aufwendiger Genehmigungsverfahren oft verzögern oder ganz ausbleiben. Gleichzeitig hat sich die Nachfrage nach klassischen Bürogebäuden in den vergangenen Jahren verändert. Zahlreiche Flächen werden nicht mehr benötigt. Dadurch entstehen Leerstände, die sich häufig prinzipiell für eine Umwandlung eignen.  

Förderung muss nicht zurückgezahlt werden

Für das Förderprogramm stellt der Bund insgesamt 300 Mio. Euro bereit. Unterstützt werden sollen Projekte, durch die dauerhaft neuer Wohnraum entsteht. Die Förderung ist ein direkter Zuschuss und muss nicht zurückgezahlt werden. Das unterscheidet sie von vielen anderen Programmen, bei denen zinsgünstige Darlehen zwar die Finanzierung erleichtern, am Ende aber dennoch vollständig getilgt werden müssen.  

Gefördert werden „bis zu 30 Prozent von maximal 100.000 Euro förderfähige Ausgaben pro durch Umbau entstehende Wohneinheit“. Die Bundesregierung hofft, dass sich mit der Förderung schwierige Umbauprojekte für die Eigner eher rechnen. Denn die Umwandlung von Gewerbeimmobilien ist oft mit Aufwand und Kosten verbunden. Häufig müssen Grundrisse verändert, technische Anlagen erneuert oder zusätzliche Anforderungen an Schallschutz, Brandschutz und Energieeffizienz erfüllt werden. Diese Investitionen haben viele Eigentümer bislang abgeschreckt.  

Mit dem neuen Zuschuss sollen vorhandene Gebäude schneller in dringend benötigten Wohnraum umgewandelt werden. Gelingt das, könnten bald mehr Menschen eine Wohnung finden, während gleichzeitig leer stehende Gewerbeflächen wieder mit Leben gefüllt würden.

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11.06.2026 10:37

Der schwäbische Modekonzern Hugo Boss könnte vor einem Eigentümerwechsel stehen. Großaktionär Frasers hat ein Übernahmeangebot vorgelegt. Abgesprochen war das offenbar nicht

Der schwäbische Modekonzern Hugo Boss ist im Vorfeld eigenen Angaben zufolge nicht über das Übernahmeangebot seines Großaktionärs Frasers informiert worden. Die Offerte sei nicht mit dem Unternehmen abgestimmt, teilte Hugo Boss am späten Mittwochabend mit. Vorstand und Aufsichtsrat würden das Angebot nach Veröffentlichung der Unterlagen im besten Interesse der Gesellschaft eingehend prüfen und eine begründete Stellungnahme abgeben. 

Großaktionär bietet 38 Euro je Aktie

Der von dem britischen Milliardär Mike Ashley beherrschte Textilien-, Schuh- und Sporthändler hatte zuvor nach Börsenschluss mitgeteilt, den Aktionären von Hugo Boss 38 Euro je Aktie zu bieten. Das Angebot bewertet Hugo Boss mit 2,68 Mrd. Euro und unterliegt keiner Mindestannahmeschwelle.

Die im Nebenwerteindex MDax notierten Aktien von Hugo Boss waren zu 36,46 Euro aus dem Handel gegangen. Die Offerte biete damit einen Aufschlag von vier Prozent auf den Schlusskurs sowie auf den volumengewichteten Durchschnittskurs der vergangenen drei Monate, wie Hugo Boss weiter erklärte.

Frasers hat seinen Anteil an dem Metzinger Modekonzern in der Vergangenheit kontinuierlich ausgebaut und vor einem Jahr die Schwelle von 25 Prozent überschritten. Zudem zeigte sich der Großaktionär Ende November mit der Arbeit von Boss-Aufsichtsratschef Stephan Sturm unzufrieden und kündigte an, ihn nicht mehr zu unterstützen. Am Dienstag kam dann die Kehrtwende. Die Frasers Group teilte mit, dass sie ihre Position in Bezug auf Stephan Sturm, den ehemaligen Chef von Fresenius, neu bewertet habe. Nunmehr wolle die Gesellschaft Sturm in seiner Funktion als Vorsitzender des Aufsichtsrats von Hugo Boss unterstützen.

Hugo Boss baut um

Der vor über 100 Jahren gegründete Textilkonzern steckt mitten in einer Neuausrichtung. Hugo Boss hatte im Dezember angekündigt, das Sortiment und den Vertrieb in den nächsten drei Jahren grundlegend umzubauen und dafür 2026 sinkende Umsätze und Gewinne in Kauf zu nehmen. Die neue Strategie mit dem Namen „Claim 5 Touchdown“ solle die Effizienz verbessern und den Weg für nachhaltiges, profitables Wachstum ebnen.

Die Frasers Group ist in Deutschland keine Unbekannte: Sie hatte in der Vergangenheit bereits die Fühler nach der Kette Sportscheck ausgestreckt, die dann aber an den italienischen Sportfachhändler Cisalfa ging. Erst Anfang März hatte Frasers den Einstieg beim Herzogenauracher Sportartikelhersteller Puma bekannt gegeben. Der Unternehmer Ashley hatte 1982 sein erstes Sportgeschäft im britischen Maidenhead eröffnet. Ende der 90er-Jahre waren es schon rund 100 Läden. Seitdem hat er sein Imperium über den Verkauf von Sportartikeln hinaus ausgebaut und setzt auf weltweit bekannte Luxus-Marken.

11.06.2026 08:30

Schwarz-Rot plant, das Arbeitszeitgesetz zu kippen. Mögliche Folge: das Ende des Achtstundentages. Hier erklärt ein Anwalt, wer sich jetzt sorgen und wer sich schützen muss

Die Bundesregierung plant, das aktuell geltende Arbeitszeitgesetz durch die europäische Arbeitszeitrichtlinie zu ersetzen. Die ermöglicht in erster Linie, dass täglich länger gearbeitet werden kann.

Arbeitstage dürften dann nicht mehr höchstens acht beziehungsweise in Ausnahmen zehn Stunden, sondern bis zu 13 Stunden dauern. Im Gespräch mit gibt Pascal Croset, Fachanwalt für Arbeitsrecht, seine Einschätzung zu den Plänen der Bundesregierung ab.

Herr Croset, die Bundesregierung plant die Umstellung von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit – nach dem Vorbild der europäischen Arbeitszeitrichtlinie. Das könnte 13‑Stunden‑Tage bedeuten. Kann mein Arbeitgeber dann einfach sagen, „Komm um 8, aber stell dich auf Feierabend um 21 Uhr ein!“?
PASCAL CROSET: Ob der Arbeitgeber so etwas anordnen darf, richtet sich zuerst nach dem Direktionsrecht in Paragraf 106 Gewerbeordnung und den Grenzen, die der Arbeitsvertrag zieht. Steht im Vertrag etwa „Montag bis Freitag, 8 bis 17 Uhr“, dann ist das die Grenze. Darüber kommt der Arbeitgeber nicht hinweg.

Und wenn so etwas nicht in meinem Vertrag steht?
Fehlen konkrete Uhrzeiten, ergibt sich vieles aus der Art der Tätigkeit und den üblichen Zeiten im Betrieb: Im klassischen Bürojob gelten die allgemeinen Büroarbeitszeiten. Daraus folgt, dass Arbeiten tief in die Nacht hinein unüblich und vom Vertrag nicht gedeckt sind.

Was gilt, wenn man nicht im Büro arbeitet?
In Branchen wie Handwerk, Logistik oder Landwirtschaft ist es üblich, dass Arbeitsbeginn schon um sechs Uhr morgens sein kann, allerdings endet der Arbeitstag dann typischerweise auch entsprechend früher. Wenn der Arbeitsvertrag selbst kein konkretes Zeitfenster setzt, dann ist auf branchentypische Üblichkeit abzustellen.

Darf mein Chef mich dann einfach spontan 13 Stunden am Tag arbeiten lassen? Oder muss er das vorher ankündigen?
Man muss wie gesagt strikt trennen zwischen Arbeitszeitgesetz – was gesetzlich maximal erlaubt ist – und Arbeitsvertrag – was zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer geschuldet ist. Die 13‑Stunden‑Grenze ist eine rechtliche Maximalgrenze. Sie erweitert nicht automatisch den arbeitsvertraglichen Anspruch des Arbeitgebers, sondern sie erlaubt den Arbeitsvertragsparteien, etwas zu vereinbaren. Nach heutiger Gesetzeslage wäre es unzulässig, aus einem normalen 39‑Stunden‑Vertrag ein Modell zu machen wie „Montag bis Mittwoch je 13 Stunden, Donnerstag und Freitag frei“. Auch wenn der Arbeitnehmer das so wollen würde: nicht erlaubt.

Nach der geplanten Gesetzeslage wäre das erlaubt, aber: Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssten das eben auch so vereinbaren. Wenn es so nicht vertraglich vereinbart ist, könnte der Arbeitgeber diese Gestaltung nicht einseitig anweisen. Gerichte würden 13-Stunden-Tage voraussichtlich als nicht vom Arbeitsvertrag gedeckt ansehen. Um das aber auch in der Realität etwas in Perspektive zu setzen: Ich glaube nicht, dass das in Zukunft flächendeckend genutzt werden wird.

Warum?
Arbeitgeber sind im Regelfall nicht daran interessiert, Beschäftigte 13 Stunden am Stück arbeiten zu lassen, weil die Leistungsfähigkeit dann deutlich abnimmt. Ab der zehnten Stunde ist man kaum noch produktiv. Im Handwerk etwa wäre es wenig sinnvoll, wenn jemand 13 Stunden mauert. Das ist körperlich kaum durchzuhalten und qualitativ riskant. Warum sollten Arbeitgeber das wollen? Nach meiner Einschätzung wird es Arbeitgebern nur in Ausnahmefällen wichtig sein, dass die Arbeit so lange am Stück erbracht wird. Man darf hier nicht vergessen, dass die Wochenarbeitszeit gleich bleibt. Der Arbeitnehmer, der heute länger gearbeitet hat, geht in den nächsten Tagen früher.

Wird Ausbeutung nicht wahrscheinlicher, je lockerer das Gesetz ist?
Theoretisch könnten Chefs in manchen Branchen aus drei Schichten zwei machen, um Personal zu sparen. In der Praxis braucht man aber für typische Öffnungszeiten oder Servicezeiten trotzdem eine bestimmte Anzahl an Köpfen. Durch längere Tage wird die Gesamtstundenzahl ja nicht reduziert. Und noch mal: Schichtarbeit und ungewöhnliche Arbeitszeiten gelten arbeitsrechtlich als „ungewöhnliche Arbeit“ und müssen vertraglich vereinbart sein. Ein Arbeitgeber kann nicht einseitig Schichtarbeit einführen und Beschäftigte zu sehr frühen oder sehr späten Zeiten oder bald sehr langen Arbeitszeiten verpflichten, wenn das bisher nicht angelegt war.

Ist eine wöchentliche Höchstarbeitszeit für Arbeitnehmer denn grundsätzlich besser oder schlechter als eine tägliche Höchstarbeitszeit?
Das hängt extrem vom Einzelfall, der Branche und den persönlichen Bedürfnissen ab. Für manche Beschäftigte kann mehr Flexibilität sehr vorteilhaft sein, für andere eine erhebliche Belastung.

Haben Sie ein Beispiel?
In der 24‑Stunden‑Pflege werden oft schon heute – rechtswidrig – zwei Zwölf‑Stunden‑Schichten gefahren, was schon heute über der rechtlichen Maximalgrenze liegt. Viele Beschäftigte dort wünschen sich trotzdem genau diese langen Schichten, weil sie dann weniger Fahrzeit haben und ihr Tag weniger zerstückelt ist. Es wird dann auch nicht die gesamten zwölf Stunden „durchgearbeitet“, vielmehr wechseln sich Zeiten intensiver Arbeit und Zeiten mit Warten, Lesen oder kurzen Nickerchen ab. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Intensivpflege ist extrem harte Arbeit, das weiß ich aus vielen Gesprächen mit Beteiligten. Und genau diese sagen mir: Zwei Zwölf-Stunden-Schichten und ein freier Tag sind weniger belastend als drei Acht-Stunden-Schichten. Durch die neue Gesetzeslage würde man den Arbeitnehmern erlauben, das so zu vereinbaren, wenn sie das möchten.

Wie Sie sagen: Das ist aktuell rechtswidrig.
Ja. Aber gleichzeitig auch ein Argument für ein flexibleres Arbeitszeitgesetz. Gesetzlich zulässig sind derzeit zehn Stunden, und längere Schichten sind ohne Frage problematisch. Aber es gibt Arbeitnehmer, die freiwillig längere Schichten bevorzugen würden – eine wöchentliche Höchstgrenze könnte das in einem gewissen Rahmen ermöglichen, solange der Arbeitsschutz gewahrt bleibt.

Was sollte ich konkret in meinem Arbeitsvertrag prüfen, sollte die Reform kommen?
Zuerst: Stehen konkrete Arbeitszeiten im Vertrag oder in einer Betriebsvereinbarung beziehungsweise einem Tarifvertrag? Dann ist das der Rahmen, an den der Arbeitgeber gebunden ist. Zweitens: Gibt es Formulierungen wie „Arbeitszeit 38 Stunden im Korridor Montag bis Freitag zwischen 8 und 18 Uhr“? In solchen Fällen kann der Arbeitgeber innerhalb des Korridors recht frei einteilen, aber nur bis zur vereinbarten Wochenstundenzahl. Drittens: Enthält der Vertrag eine ausdrücklich geregelte Überstundenpflicht? Nur dann darf der Arbeitgeber Überstunden anordnen.

Was wäre denn in dem neuen Modell als Überstunde definiert?
Alles, was über die vertraglich festgelegte Wochenarbeitszeit hinausgeht, ist eine Überstunde. Die rechtliche Grenze begrenzt nur, was überhaupt vereinbart werden darf – sie ersetzt nie den Arbeitsvertrag. Wenn die Möglichkeit, sehr lange Tage zu arbeiten, nicht im Vertrag oder in einer kollektivrechtlichen Regelung angelegt ist, kann der Arbeitgeber sie nicht einseitig einführen.

Gewerkschaften malen Horrorszenarien, Arbeitgeberverbände loben die Pläne. Wie ordnen Sie die Reform insgesamt ein?
Ich habe den Eindruck, dass viele Debatten aneinander vorbeigehen: Die einen sehen nur das Extrembild der 73‑Stunden‑Woche, die anderen blenden Missbrauchsgefahren aus. Beides greift zu kurz. Schon heute wären viele theoretische Modelle mit sehr konzentrierter Arbeitszeit möglich, werden aber in der Praxis kaum umgesetzt. Und eine 73-Stunden-Woche wäre von vornherein ausgeschlossen, wenn das Gesetz eine maximale Wochenarbeitszeit regelt.

Aber ist der Achtstundentag nicht ein wichtiges Bollwerk des Arbeitnehmerschutzes und die Umstellung auf eine wöchentliche Höchstgrenze eine klare Verschlechterung für Beschäftigte?
Der Achtstundentag hat historisch eine starke Schutzfunktion und große symbolische Bedeutung. Wenn der Gesetzgeber wirklich auf eine Wochenarbeitszeit umstellt, verschiebt sich dieser Schutz: Sehr lange Arbeitstage werden grundsätzlich leichter möglich. Allerdings erlaubt schon das heutige Recht Arbeitstage von bis zu zehn Stunden, solange es dafür Ausgleichsregelungen gibt. Viele der aktuell diskutierten Horrorszenarien lassen sich rechtlich nur als theoretische Extremfälle konstruieren und entfalten praktisch kaum Relevanz. In Branchen und Unternehmen ohne starke Gewerkschaften oder Betriebsräte besteht aber die Gefahr, dass die neue Flexibilität einseitig zugunsten der Arbeitgeber genutzt wird. Wo es gut organisierte Interessenvertretungen und Tarifverträge gibt, können die neuen Spielräume eher gemeinsam und auch im Sinne der Beschäftigten gestaltet werden.

Dieser Artikel ist eine Übernahme des Stern, der wie Capital zu RTL Deutschland gehört. Auf Capital.de wird er sechs Monate hier aufrufbar sein. Danach finden Sie ihn auf www.stern.de.

11.06.2026 08:30

Immer online, immer verfügbar – ständige Erreichbarkeit hat nichts mit Loyalität gegenüber seinem Arbeitgeber zu tun. Im Gegenteil: Sie zerstört unsere Produktivität

Momentan begegnet mir in meinem Bekanntenkreis eine ausgeprägte „Social Media Fatigue“. Egal ob Linkedin, Instagram oder X – der Feed ermüdet viele Menschen, anstatt ihnen Energie zu geben. Man sucht oft die inhaltlich bereichernde Nadel im Heuhaufen, blendet Nachrichten aus oder blockiert gar Leute, die einen stören. Und von der nervenden Werbung wollen wir gar nicht reden. 

Wir sind Sklaven unserer Verfügbarkeit geworden

Social Media verdeutlicht sehr klar, dass uns die Souveränität über unsere Zeit verloren gegangen ist. Wir lassen uns ablenken, verbringen viel zu viel Zeit und lesen dann Ratgeber zum „digital detox“. Könnten Algorithmen lachen, kämen sie aus ihren Heiterkeitsanfällen gar nicht mehr heraus. 

Aber Social Media ist ja gar nicht unser größtes Problem. Viel schlimmer ist es, dass wir uns auch auf der Arbeit wie unsouveräne Kinder verhalten. Nur diesmal nicht dem Algorithmus gegenüber, sondern gegenüber dem Chef oder den Kollegen. Hey Boss, sprich mich an, ich bin jederzeit da für dich! Ist natürlich Quatsch, so kriegt man ja seine Arbeit nicht erledigt. Trotzdem machen das viele, nicht nur aus persönlichem Pflichtbewusstsein, sondern aus falsch verstandener Loyalität. Dabei bedeutet loyal zu sein heute etwas ganz anderes.

Loyalität = seine Arbeitskraft souverän schützen

Loyalität in der heutigen Arbeitswelt heißt, seine Arbeitszeit und Arbeitskraft gegen eben jene analogen und digitalen Störungen zu verteidigen – auch wenn es dann mal rumpelt. Absolut niemand hat etwas davon, wenn Sie Sonntag um 19 Uhr Mails beantworten. Ich kenne genügend Unternehmen, da gehört es zur Kultur, dass der Chef die Arbeitsbereitschaft testet und daher am Wochenende noch ein paar Mails verschickt. Ich danke dem Himmel, dass ich nicht für solche Leute arbeiten muss. 

Außer in absoluten Notfällen zerstört ein solches Verhalten Arbeitskraft und Loyalität. Denken Sie mal darüber nach, wie Sie das selbst handhaben. Schützen Sie Ihre Arbeitszeiten? Ihre Wochenenden? Können Sie als Führungskraft überhaupt noch strategisch denken oder herrscht inzwischen auch bei Ihnen „kognitives Rauschen“, das letztendlich dazu führt, Problemlösung nur noch zu simulieren? 

Souveränität in der eigenen Zeit- und Arbeitsgestaltung zeugt letztlich von echter Loyalität – und nicht der wohlfeile Aktionismus und ständige Erreichbarkeit.  Nicht Aktionismus fördert Produktivität, sondern Produktivität verhindert Aktionismus. Seien Sie souverän, seien Sie loyal. Und jetzt dürfen Sie das Handy ausmachen.