Capital Wirtschaftsnachrichten


18.05.2024 08:00

Lego wird immer stärker von kleineren Wettbewerbern unter Druck gesetzt. BlueBrixx aus Hessen durfte schon Bekanntschaft mit dem Branchenprimus machen – auf dem Rechtsweg

Lego wird immer stärker von kleineren Wettbewerbern unter Druck gesetzt. BlueBrixx aus Hessen durfte schon Bekanntschaft mit dem Branchenprimus machen – auf dem Rechtsweg

17.05.2024 18:00
Alle Welt redet wieder über die Gamestop-Aktie und der US-Leitindex Dow Jones knackt die 40.000 Punkte-Marke. Lohnt sich für Anleger jetzt der Einstieg?
17.05.2024 17:00

Die Autoindustrie muss den größten Umbruch ihrer Geschichte bewältigen. Jetzt kommen auch noch US-Strafzölle für Autos aus China hinzu, die vor allem europäische Autobauer treffen. Europa hat keine Wahl: Es muss sich auf sich selbst besinnen

Die Nachricht traf die deutschen Autobauer wie ein Blitz – und das in einer ohnehin angespannten Lage: US-Präsident Joe Biden verhängt Strafzölle auf Elektroautos aus China, und zwar in Höhe von 100 Prozent. Die Ironie dabei ist: Elektroautos chinesischer Hersteller werden in den USA kaum verkauft. Die Strafzölle treffen vor allem europäische Hersteller, die ihre Autos mit Batterieantrieb seit geraumer Zeit schon gerne in China fertigen und von dort in alle Welt verschiffen. 

Zum Beispiel den auch in den USA beliebten SUV iX3 von BMW, das super-schicke Gefährt für alle Soccer-Moms and -Dads. Oder den elektrischen Mini, ebenfalls von BMW. Beides Autos, die in den USA durchaus einen Markt hatten – oder hätten haben können. Ebenso der elektrische Smart von Mercedes, er wird seit zwei Jahren allein in China produziert. Hinzu kommen Modelle von Volvo, Dacia und der Volvo-Tochter Polestar, ebenfalls beliebt in den USA. Es sind europäische Autohersteller, die am stärksten unter den neuen US-Zöllen auf Produkte aus China leiden werden, nicht chinesische. 

Vielleicht ist dies die schmerzliche Pointe des großen Kapitels der Globalisierung, deren Sturm und Drang die Weltwirtschaft in den vergangenen 30 Jahren geprägt und angetrieben hat. Und wie immer bei einer Pointe markiert sie einen Abschluss: Die Epoche, in der gerade deutsche Unternehmen von der immer engeren Zusammenarbeit profitiert haben, geht nicht nur zu Ende, nein, sie kehrt sich sogar abrupt um. Deutschlands Engagement in China, aus dem Chinesen wie Deutsche lange gleichermaßen Profit gezogen haben, wird jetzt zum Verhängnis. Zumindest für eine Seite.  

Größter Umbruch seit Erfindung des Autos

Und es trifft eine Branche, die wie keine zweite in Deutschland die Öffnung von Grenzen und Märkten, das weltumspannende Interesse an Handel und Kooperation, die Perfektion von Produktions- und Lieferketten für sich genutzt hat: die großen Autohersteller und ihre unzähligen Zulieferer. Autos in Deutschland zu entwickeln und anschließend auf dem ganzen Globus zu produzieren und zu verkaufen – dieses Geschäftsmodell funktioniert spätestens mit diesem Jahr nicht mehr. In einer Welt, die nicht mehr zusammenarbeiten will, verlangt jede Weltregion nun ihre eigenen Standards und Modelle. 

Die gesamte Industrie befindet sich im größten Umbruch seit der Erfindung des Automobils. Es ist eine Geschichte, die weit über die Absatzflaute der Elektroautos in Deutschland und das plötzliche Desinteresse chinesischer Kunden an den Modellen deutscher Hersteller hinausgeht. Für Mercedes, BMW, Audi und VW kommt alles auf einmal: Technische Herausforderungen, ein plötzlicher Käuferstreik, steigende Kosten und neue, schmerzhafte Abhängigkeiten. Jetzt folgen auch noch Strafzölle und Sanktionen. 

Diese Autos könnten von den Strafzöllen betroffen sein

Man muss mit den Herstellern, die lange prächtig verdient haben und die sich manche Probleme selbst eingebrockt haben, kein Mitleid haben. Die Konzerne sind zudem immer noch stark, sie sind hoch innovativ und es ist längst nicht ausgemacht, dass sie ihren aktuellen Rückstand auf die neuen Wettbewerber nicht wieder aufholen können. Und dennoch geht die Krise der deutschen Autoindustrie wahrscheinlich fast alle im Land an: Hersteller und Zulieferer haben in den vergangenen 130 Jahren enormen Wohlstand geschaffen – nicht zuletzt für ihre Millionen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 

Europa in der Zwickmühle

Wir sollten uns keinen Illusionen hingeben: Dass die Chinesen in absehbarer Zeit doch noch ihre Liebe zu deutschen Fabrikaten wiederentdecken, ist eher unwahrscheinlich. Dafür sind sie viel zu stolz auf die neuen Fahrzeuge aus heimischer Produktion: Heimkinos auf vier Rädern sind das, Statussymbole und Rückzugsorte für eine Gesellschaft, die wenig Privates mehr zulässt. Mag sein, dass Porsche immer noch Käufer (und vor allem Käuferinnen) in China finden wird, doch selbst das ist nicht gewiss: „Man kriegt es ins Gesicht gerieben wie eine Torte“, sagte ein VW-Manager Capital-Reporter Lutz Meier auf der Automesse in Peking über den neuen Xiaomi SU7, der dem vollelektrischen Porsche Taycan verdächtig ähnlich sieht – dafür aber mit umgerechnet knapp 30.000 Euro nur einen Bruchteil kostet.  

Das alles wäre schon herausfordernd genug, aber Bidens Strafzölle und der Handelskrieg mit China kommen nun noch obendrauf: Die USA setzen nämlich die EU-Kommission in Brüssel unter Druck, nun ihrerseits gegen vermeintliche Billig-Importe aus China vorzugehen. Dass diese Importe gar nicht besonders billig sind und statt den chinesischen vor allem die europäischen Hersteller treffen wird, spielt dabei auch für Brüssel keine große Rolle. Und sie werden wiederum eine scharfe Reaktion der Chinesen provozieren, die wahrscheinlich ihrerseits Zölle auf Erzeugnisse aus Europa verhängen werden. Manche hoffen darauf, dass ihr Zorn vor allem Rotwein und Cognac aus Frankreich treffen wird, wo die Idee europäischer Strafzölle geboren wurde. Doch das ist nicht gewiss. 

Nun gäbe es für Europa einige Möglichkeiten, das Unabwendbare wenigstens noch sinnvoll zu flankieren: Durch eine kluge Handelspolitik zum Beispiel, die neue Allianzen und Absatzmärkte in der Welt erschließt. Handelsabkommen wären eine Antwort, etwa mit den Staaten Südamerikas oder mit den aufstrebenden Ländern Südostasiens. Das wäre eine Aufgabe für die EU, insbesondere für die nächste Kommission nach der Europa-Wahl (nachdem die scheidende hier nichts hinbekommen hat). Oder, hier in Deutschland, endlich eine Standortpolitik, die Investitionen in Stromnetze und Infrastruktur fördert. Wenn schon nicht durch Kaufprämien für neue E-Autos, dann wenigstens durch schnellere Genehmigungsverfahren für den Ausbau der Ladeinfrastruktur. 

Im aufziehenden Handelskrieg mit China bekommt Europa eine noch größere Aufgabe: Wenn sich die Welt immer mehr separiert und die Zusammenarbeit aufkündigt, müssen wir die Grundlage für künftigen Wohlstand umso entschiedener hier in Deutschland und in Europa schaffen. 

17.05.2024 15:52

Schon an zwei von vier Netzbetreibern hält der Bund Anteile. Weitere sollen dazukommen. Mit wem noch Verhandlungen laufen und was eine Teilverstaatlichung für Verbraucher hieße

Nur vier Unternehmen – 50 Hertz, Amprion, Tennet und TransnetBW – kontrollieren in Deutschland das Höchstspannungsnetz mit rund 37.000 Kilometern Gesamtlänge. In den nächsten Jahren sollen deutlich mehr Trassenkilometer hinzukommen, damit Strom aus erneuerbaren Energien auch über weite Wege transportiert und tatsächlich in jede Steckdose gelangen kann. 

Die Übertragungsnetze auszubauen, wird teuer. Laut Netzentwicklungsplan mindestens 300 Mrd. Euro bis 2045. Die anstehenden Milliardeninvestitionen beunruhigen die Netzbetreiber, und so mancher erwägt deshalb, seine Anteile am Stromnetz zu verkaufen.

Für beide Seiten vorteilhaft

Ein Interessent dafür: der Bund. Für ihn ist der Netzausbau ein drängendes Anliegen. Schließlich gelten die Stromübertragungsnetze als Rückgrat der Energiewende und sind für den Erhalt der Versorgungssicherheit unerlässlich. Stärker bei den Netzbetreibern eingebunden zu sein, wäre für den Bund eine einmalige Gelegenheit. Selbst über Minderheitsbeteiligungen könnte er Einfluss auf kritische Infrastruktur nehmen und Einblick erhalten, ob es mit dem Netzausbau so vorangeht, wie es notwendig und politisch gewünscht ist.

Eine Teilverstaatlichung würde auch ein Problem der Netzbetreiber lösen: Um den Netzausbau in Deutschland zu finanzieren, müssten sie hohe Schulden aufnehmen. Und die gibt es nur bei guter Bonität. Doch die Betreiber sind nicht unbedingt bereit, ihre Kreditwürdigkeit mit dem Zuschuss von Eigenkapital zu sichern. Eine staatliche Beteiligung könnte die zukünftigen Investitionen dagegen absichern. Eine weitere Hoffnung: Betreiber und Politik könnten Regulierung, Planung und Umsetzung des Netzausbaus besser miteinander abstimmen und damit Kosten reduzieren.

Bund verhandelt mit Betreiber Tennet

Mit dem niederländischen Staatskonzern Tennet, der die Stromautobahnen von Schleswig-Holstein bis Bayern unterhält, verhandelt der Bund deshalb seit Monaten. Im Geschäftsbericht 2023 von Tennet steht dazu, dass sowohl die niederländische wie die deutsche Regierung es vorzögen, lediglich ihre eigene nationale Strominfrastruktur zu finanzieren. „Die Gespräche laufen noch“, bestätigte ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums Anfang der Woche noch gegenüber Capital.

Doch die langwierigen Verhandlungen machten Tennet offenbar ungeduldig: Am Donnerstag nämlich kündigte der Netzbetreiber an, auch andere Optionen zu prüfen, weil man mit Deutschland bisher zu keinem Ergebnis gekommen sei. Daher werde man „in enger Zusammenarbeit mit dem niederländischen Staat als alleinigem Anteilseigner nach alternativen strukturellen Lösungen suchen“, so Tennet in einer Pressemitteilung. Eine mögliche Beteiligung privater Investoren liege ebenso als Option auf dem Tisch wie ein möglicher Börsengang, um auf den öffentlichen Kapitalmärkten Eigenkapital einzuwerben.

17-05-24 Immomarkt Nachfrage

Immerhin an zwei Netzbetreibern ist der Bund bereits beteiligt: Am Unternehmen 50 Hertz, das den Osten des Landes und Teile Norddeutschlands versorgt, hält der Bund 20 Prozent. Die restlichen Anteile gehören dem belgischen Unternehmen Elia.

Das Netzgebiet von TransnetBW liegt überwiegend in Baden-Württemberg. Im Frühling 2023 verkaufte der Mehrheitseigentümer, der Energiekonzern EnBW, zunächst einen Anteil in Höhe von 24,95 Prozent an ein Sparkassen-Konsortium. Später im Jahr erwarb auch der Bund einen Minderheitsanteil von 24,95 Prozent an TransnetBW.

Vierter Netzbetreiber prüft Verkauf

Bald könnte auch der vierte Netzbetreiber zum Teil im Angebot sein. Amprion kümmert sich um das Höchstspannungsnetz im Westen und Südwesten. Mehrheitseigner ist mit 74,9 Prozent die M31 Beteiligungsgesellschaft, ein Konsortium aus Pensionskassen und Versicherern wie Swiss Life und Talanx. Der Energiekonzern RWE, der die restlichen 25,1 Prozent am Amprion hält, erwägt seine Beteiligung zu verkaufen, wie das „Handelsblatt“ berichtete. „Angesichts des hohen Kapitalbedarfs für den Netzausbau prüfen wir derzeit verschiedene Optionen und Finanzierungsmöglichkeiten in Bezug auf unsere Amprion-Beteiligung,“ so ein Sprecher zu Capital.

Das Bundeswirtschaftsministerium hält sich allerdings zurück, solange RWE nichts offiziell zum Verkauf stellt: Bezüglich einer Beteiligung bei Amprion sei „gegenwärtig kein Handlungsbedarf avisiert“, antwortet ein Sprecher des Ministeriums auf Capital-Nachfrage.

Ausbau und steigende Nachfrage treiben Kosten

Die anstehenden Milliardeninvestitionen beschäftigen auch die Verbraucherinnen und Verbraucher. Zwar strecken die Betreiber die Kosten für den Netzausbau zunächst vor, doch diese holen sie sich später von den Kunden über Netzentgelte zurück. Mit erheblichen Investitionen in Stromautobahnen steigt auch der Bedarf, Kosten umzulegen. Die Netzengelte dürften dadurch anziehen. Wie sehr, darauf wollen sich Energieexperten nicht festlegen.

14-05-24 Rente Factcheck

Klar ist: Bereits jetzt weichen die Netzentgelte regional stark voneinander ab. Dort, wo die Netzbetreiber schon ordentlich in Strominfrastruktur investiert haben, sind die Entgelte hoch: Verbraucherinnen und Verbraucher im Norden und Osten, in deren Regionen Wind- und Solarenergie ausgebaut wurden, zahlen aktuell mehr als die Kundinnen und Kunden im Westen und Süden. Auch auf dem Land ist die Versorgung teurer als in der Stadt.

Künftig dürfte Bewegung in diese Verteilung kommen. Mit der zunehmenden Energiewende und im Laufe des Netzausbaus wird es in den Regionen teurer, die stärker davon abhängen, dass Stromautobahnen erneuerbare Energien zu ihnen leiten. Zusätzlich dürften die Kosten steigen, weil der Strombedarf der Bürgerinnen und Bürger zunimmt. Denn durch elektrische Autos und Wärmepumpen werden Haushalte künftig deutlich mehr Strom verbrauchen als gewohnt.

An diesen Entwicklungen dürfte auch eine Verstaatlichung von Teilen des Übertragungsnetzes nichts ändern. Der Strombedarf nimmt sowieso zu, und die Investitionen ins Netz werden mit oder ohne staatliche Beteiligung nötig.

17.05.2024 14:54
Die gesetzliche Rente muss dringend reformiert werden. Doch über die vielen Milliarden, die für Beamtenpensionen ausgegeben werden, spricht niemand. Hier gäbe es mindestens genauso großen Reformbedarf
17.05.2024 14:00

Der Zugang Finanzdienstleistungen ist eine wichtige Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Eine Studie der Schufa hat nun herausgefunden, welche Bevölkerungsgruppen davon ausgeschlossen werden

Der Zugang Finanzdienstleistungen ist eine wichtige Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Eine Studie der Schufa hat nun herausgefunden, welche Bevölkerungsgruppen davon ausgeschlossen werden

17.05.2024 13:05

Immer mehr Menschen leasen ihr Fahrrad für den Beruf – und entscheiden sich dabei oft für sehr teure Modelle. Jobrad-Geschäftsführer Florian Baur über ein wachsendes Geschäftsmodell und die Kritik mancher Händler daran 

Stunde Null Podcast Jobrad

CAPITAL: Warum sollte ich ein Fahrrad leasen statt es einfach zu kaufen?
FLORIAN BAUR: Das Modell ist denkbar einfach: Der Arbeitgeber least das Fahrrad für die Mitarbeiterin oder den Mitarbeiter. Und die Leasingraten werden aus dem Bruttogehalt bezahlt. Da das Fahrrad nur mit bis zu 0,25 Prozent des Listenpreises als geldwerter Vorteil versteuert wird, können bis zu 40 Prozent des Barkaufpreises eingespart werden.

Reizt das nicht dazu, teurere Modelle zu erwerben – also Räder, die man sich normalerweise nicht leisten würde?
Genau das sehen wir, ja. Der durchschnittliche Radpreis liegt bei uns bei etwa 3.800 Euro. Der normale Fahrradhandel liegt etwa 1000 Euro darunter. Die Ersparnis motiviert die Leute dazu, sich Fahrräder zu kaufen, die sie sich normalerweise nicht kaufen wollten oder könnten.

Kommen die hohen Durchschnittspreise vor allem durch E-Bikes zustande?
Ja. Über 80 Prozent aller Räder bei uns sind inzwischen E-Bikes.

„Wir wachsen sehr stabil“

Wie stark wird das Modell genutzt?
Wir haben als Branche einen Zuwachs von fast 300 Prozent seit 2019. Die Zahl der geleasten Räder hat sich verdreifacht. Wir selbst haben als Unternehmen inzwischen 1,5 Millionen Räder auf der Straße. Man muss sagen: Wir haben den Fahrradmarkt in Deutschland mitgestaltet. Für viele Unternehmen geht es eigentlich gar nicht mehr ohne Dienstrad-Leasing.

Dieser Markt hat ja in den letzten Jahren ein wildes Auf und Ab erlebt. In der Corona-Zeit war die Nachfrage groß, aber es gab kaum Räder, weil die Lieferketten zusammengebrochen waren. Jetzt gibt es viel Angebot, aber deutlich weniger Nachfrage. Was heißt das für Jobrad?
Unser Geschäftsmodell berührt das zum Glück nicht, wir wachsen sehr stabil. Wir merken allerdings, dass der Schwenk zum Dienstrad-Leasing noch stärker wird. Wir ziehen die Branche also noch stärker als vorher. Stunde Null mit Justus Lenz – Wirtschaft in Schulen

Das Modell Jobrad beruht auch darauf, dass das Unternehmen den kooperierenden Fahrradhändlern Rabatte abverlangt. Einige Händler üben nun Kritik an zu hohen Rabatten. Ist das gerechtfertigt?
Wir sind ja mittlerweile mit Abstand der größte Fahrradeinkäufer im deutschen Markt. Und wenn wir die Räder verleasen, bekommen wir vom Fachhändler einen Einkaufsrabatt zwischen vier und sechs Prozent, gestaffelt nach Umsatz. Diese Rabatte waren früher gedeckelt, und diese Deckelung haben wir aufgehoben. Das stieß auf relativ viel Kritik aus dem Markt, die teils berechtigt und teils unberechtigt war. Ich kann die Kritik insofern nachvollziehen, als das Timing blöd war. Wir sind mit der Maßnahme genau dann gekommen, als der Markt ohnehin verunsichert war und viele Händler Liquiditätsprobleme hatten. Wir haben darauf aber auch reagiert.

Wie genau?
Mit zwei großen Initiativen. Die eine galt dem Lastenrad, also einem Marktsegment, das überdurchschnittlich betroffen war. Da gibt es jetzt einen Zuschuss für jedes verkaufte Lastenrad. Zweitens geben wir einen Zuschuss an Händler, die einen guten Service anbieten. Wir wollen die Händler ja zu einem guten Service für Jobradler motivieren.

Welchen Preis hatte das teuerste Rad, das jemals über Jobrad geleast wurde?
Wir sind abgeriegelt bei 14.999 Euro. Das ist der Deckel, den uns die Leasing-Regulatorik vorgibt. Wir haben ein paar Räder, die da relativ nah dran liegen. Da gibt es alles zwischen Highend-Rennrädern oder Mountain Bikes. Auch für Lastenräder kann man relativ viel Geld ausgeben. Es gibt viele Liebhaber, die tatsächlich so tief in die Tasche greifen.

Hören Sie in der neuen Folge von „Die Stunde Null“ 

  • Weshalb Jobrad lange keine Werbung gemacht hat
  • Wie viele Jobrad-Kunden ihr Rad am Ende behalten
  • Warum das Logo jetzt auf den Trikots des SC Freiburg steht

Alle Folgen finden Sie direkt bei RTL+, Apple oder Spotify oder via Google.

playlist stunde null

17.05.2024 11:54

Eine angenehme Atmosphäre kann dabei helfen, schneller gesund zu werden. Im großen Capital-Ranking finden Sie für jedes Fachgebiet die besten Privatkliniken und Premiumstationen, die medizinisch top sind und großen Komfort bieten 

Gut sieben Tage – so viel Zeit verbringen Patientinnen und Patienten in Deutschland durchschnittlich pro Jahr im Krankenhaus. Eine Woche kann ganz schön lang werden, wenn man sich im Mehrbettzimmer von einem Eingriff erholen möchte, die Mitpatienten aber die Nacht durchschnarchen oder dreimal täglich Besuch empfangen. Die Verpflegung erfordert ebenfalls Kompromissbereitschaft, auch wenn sich viele Krankenhäuser inzwischen darum bemühen, gesünder und abwechslungsreicher zu kochen. 

Wer lieber zu zweit oder besser noch allein in einem Raum genesen möchte, auf ein angenehmes Ambiente, elektronische Unterhaltung und leckeres Essen Wert legt, kann dies in vielen Krankenhäusern dazubuchen – oder gleich eine Privatklinik aufsuchen. 

Wo sich der Aufpreis lohnt, verrät Ihnen die Liste ausgezeichneter Angebote in diesem Heft. Hinter der Auswahl stecken eine aufwendige Datenrecherche, die Auswertung Hunderter Fragebögen und das profunde Urteil medizinischer Entscheider. 

So wurden die Kliniken getestet 

Analyse: In einem mehrstufigen Verfahren hat das Rechercheinstitut MINQ (Munich Inquire Media) ermittelt, in welchen Krankenhäusern Privatversicherte besonders gut behandelt werden. „Besonders gut“ bezieht sich auf einen hohen medizinischen Standard gepaart mit hotelähnlichen Serviceleistungen. Die Experten haben 2 533 Krankenhäuser mit Versorgungsvertrag und 145 Privatkliniken untersucht. Beurteilt wurden acht Fachbereiche: Dermatologie, Gynäkologie, Herz und Gefäße, Magen und Darm, Lunge, Orthopädie, plastische Chirurgie und Urologie.

Medizinische Qualität: MINQ ermittelt seit über zehn Jahren die medizinische Qualität von Krankenhäusern. In persönlichen Interviews mit Ärzten erfragt das Institut die Reputation der Fachabteilungen („Wohin würden Sie selbst als Patient gehen oder Ihre Angehörigen schicken?“). Als weitere Quelle werden die Qualitätsberichte der Kliniken herangezogen, die unter anderem Aufschluss geben über ärztliche und pflegerische Expertise, Fallzahlen sowie Hygienestandards. In die Beurteilung gehen zudem aussagekräftige Zertifikate (z. B. Krebszentrum, Eusoma, Wirbelsäuleneinrichtung der DWG) ein. Schließlich erhalten die Kliniken einen Fragebogen, der zusammen mit Chefärzten, Qualitätsmanagern und Pflegeleitungen entwickelt wurde.

Patientenzufriedenheit: Für die Beurteilung wertet MINQ die Patientenbeurteilungen der „Weissen Liste“ aus. In einem strengen Verfahren wird dabei sichergestellt, dass nur Patienten, die auch tatsächlich in einem Krankenhaus behandelt wurden, dieses bewerten können.

Komfort: Einrichtungen, die aufgrund ihrer medizinischen Leistung überzeugt haben, wurden gebeten, einen weiteren Fragebogen zu ihren Premiumleistungen auszufüllen. Darin geht es um Komfort und Service (z. B. Patientenlounge mit Zeitungen und Getränkeangebot), Zimmerausstattung (Minibar, Kosmetikprodukte, täglich frische Handtücher), Verpflegung (eigene Speisekarte, Zwischenmahlzeiten), Kommunikation und Unterhaltung (Pay-TV, Zeitungen) sowie weitere Leistungen (Hol- und Bringdienst, Wäscheservice). Außerdem wurden die Zimmerpreise für die günstigste Komfortstufe erfragt. Bei Krankenhäusern in der engeren Auswahl überprüfte MINQ, wie die Häuser im Internet und in Broschüren über ihr Wahlleistungsangebot informieren. 

Auswahl: Für die finale Klinikliste wurden sämtliche recherchierten Kriterien nach deren Bedeutung gewichtet (60 Prozent Medizin, zehn Prozent Patientenzufriedenheit, 30 Prozent Komfort) und dann addiert. Damit ein Krankenhaus eine Auszeichnung erhält, muss es mindestens in der medizinischen Qualität und bei den Komfortkriterien überdurchschnittliche Ergebnisse vorweisen. Dies gelang insgesamt 200 Einrichtungen.

Anmerkung: Die Auswahl der Privatkliniken und Premiumstationen erfolgte mit großem Aufwand anhand der genannten Kriterien. Eine Erwähnung ist somit eine Auszeichnung und ein positives Votum. Die Aufstellung will jedoch keinen Zweifel an der Qualität von Krankenhäusern wecken, die nicht aufgeführt sind.

Capital-Siegel: Kliniken, die in der Liste aufgeführt sind, können ein Capital-Siegel erwerben, um es beispielsweise für Marketingzwecke zu nutzen. Genauere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter capital.de/siegel.

20-04-24 Privatkliniken Haupttext

21-04-24 Krankenhaus Zusatzversicherung

17.05.2024 10:51

Wohin mit dem vielen Geld? Warren Buffett hatte zuletzt Schwierigkeiten, Unternehmen zu finden, an denen er sich beteiligen könnte. Doch jetzt hat der Starinvestor wieder zugeschlagen

Die Investmentfirma von Warren Buffett hat sich beim US-Versicherer Chubb eingekauft. Das berichtet die „Financial Times“ und beruft sich dabei auf von der US-Börsenaufsicht SEC veröffentlichte Unterlagen. Demnach hat Berkshire Hathaway seit dem letzten Jahr Aktien im Volumen von 6,7 Mrd. Dollar erworben.

In der Regel müssen große Investoren in den USA bekannt geben, wenn Beteiligungen die Schwelle von 100 Mio. Dollar überschreiten. Doch Berkshire bekam von der SEC eine Ausnahmegenehmigung erteilt. Der Grund dafür ist nicht bekannt. Aber Aktienkurse von Unternehmen steigen nahezu immer deutlich, sobald Berkshire die neue Beteiligung bekannt gibt. Anleger sind davon überzeugt, dass eine Investition von Buffett ein Gütesiegel ist. Unmittelbar nachdem die Beteiligung an Chubb veröffentlicht wurde, schoss der Kurs kräftig nach oben.

Cash-Reserven auf 189 Mrd. US-Dollar angeschwollen

Chubb ist einer der weltweit größten Versicherer und wird an der Börse derzeit mit 103 Mrd. Dollar bewertet. Chubbs Chef Evan Greenberg gehörte zu einer Gruppe von US-Top-Managern, die im März im Rahmen eines Wirtschaftsforums in Peking mit Chinas Präsidenten Xi Jinping zusammentrafen.

06-05-24 Buffett Apple

Buffett setzt seit vielen Jahren auf Finanzdienstleistungen. Sein Investment-Konglomerat ist unter anderem am Autoversicherer Geico, dem Kreditkartenanbieter Mastercard und der Bank of America beteiligt. Der 93-Jährige ist einer der erfolgreichsten Investoren der Geschichte. In letzter Zeit wurde es für ihn aber immer schwieriger, geeignete Firmen zu finden. Zum Ende des ersten Quartals waren Berkshires Cash-Reserven auf 189 Mrd. US-Dollar angeschwollen. Buffett betonte beim jährlichen Aktionärstreffen Anfang Mai, er würde das Geld gerne anlegen – „aber wir werden es nur für etwas ausgeben, was geringes Risiko hat und uns eine Menge Geld bringen kann“.

Am Ende des laufenden Quartals würden die Reserven die Marke von 200 Mrd. Dollar knacken, so Buffett. Unter dem Strich nahm Berkshire jüngst sehr viel mehr Geld durch Verkäufe ein, als es investierte. Allein die Reduzierung des Anteils an Apple brachte Berkshire schätzungsweise 40 Mrd. Dollar.

Der Beitrag ist zuerst bei ntv.de erschienen. Das Nachrichtenportal gehört wie Capital zu RTL Deutschland

17.05.2024 10:00
Berlin lockt Menschen aus aller Welt an. Wohnraum in der Hauptsadt bleibt knapp – gerade an der südlichen Stadtgrenze nahe dem Flughafen BER und der Tesla-Fabrik boomt der Markt
17.05.2024 08:00

Viele Chefs pochen darauf, dass ihre Mitarbeiter das Homeoffice wieder gegen das Büro eintauschen. Das gelingt nicht überall gleich gut. Eine Studie zeigt: In Köln und Leipzig gehen viele wieder ins Büro, in anderen deutschen Städten eher weniger

Wer geht wieder ins Büro, wie oft und an welchen Tagen? Diese Frage beschäftigt Arbeitnehmer wie Arbeitgeber, die gerade angestrengt austarieren, ob ein Recht auf Homeoffice besteht und ob die Präsenz im Unternehmen eher Pflicht oder Kür ist. 

Einheitliche Richtlinien gibt es nicht. Viele Unternehmen verschärfen ihre Präsenzregeln und setzen diese mehr oder weniger streng durch. Kontrolliert und sanktioniert wird die Anwesenheit in der Regel offiziell nicht. Daten und Fakten zur Präsenzkultur sind somit rar. Umso interessanter sind Informationen, die von Software zur Raum- und Arbeitsplatzbuchung gesammelt wird, die viele Unternehmen mittlerweile einsetzen. 

Lieber kündigen als Büro

Das Schweizer Startup Deskbird bietet solche Buchungstools an, die in vielen Unternehmen genutzt werden, und hat erstmals Daten zum Arbeitsverhalten der Deutschen analysiert. Die Ergebnisse dieses „Desk Sharing Index Germany“ konnte Capital exklusiv vorab einsehen. Deskbird hat dafür Buchungen von mehr als 16.000 Nutzern in den acht größten deutschen Städten (Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt am Main, Stuttgart, Düsseldorf und Leipzig) ausgewertet. Damit nicht einzelne große Konzerne das Bild dominieren, wurden in jeder Stadt zwischen fünf und zwölf Unternehmen ausgewertet. Insgesamt flossen Daten aus mehr als 850.000 Schreibtischbuchungen in 123 kleinen, mittelgroßen und großen Unternehmen ein. Im selben Zeitraum von Anfang September 2023 bis Ende Februar 2024 wurden zum Vergleich noch die Daten von 3000 Nutzer in Zürich, Wien und Paris analysiert. 

Mittwochs im Office, freitags im Homeoffice

Um es gleich vorwegzunehmen: Am Freitag sind tatsächlich viele Büros deutlich leerer als an anderen Tagen. Da liegt die durchschnittliche Auslastung in allen acht deutschen Städten nur bei knapp 46 Prozent. Der beliebteste Bürotag ist der Mittwoch mit einer Auslastung von 68 Prozent, gefolgt von Dienstag (67 Prozent) und Donnerstag (66,5 Prozent). 

Die Daten zeigen lokale Unterschiede: Demnach zeigen die Menschen in Leipzig sich durchschnittlich zu 71 Prozent im Büro (vor allem donnerstags und sogar freitags), in Köln zu 70 Prozent (vor allem dienstags und mittwochs) und in Stuttgart (vor allem montags) zu 66 Prozent. Die Bankenstadt Frankfurt kommt nur auf einen Durchschnitt von 48 Prozent Büropräsenz. 

Insgesamt kommen die deutschen Arbeitnehmer dem „Desk Sharing Index Germany“ zufolge an zwei bis drei Tagen pro Woche ins Büro. Das war zuvor auch das Ergebnis anderer Studie wie dem  „Slack Intergenerational Collaboration Survey“. 

In Zürich sind die Büros voll 

Im internationalen Vergleich können die Deutschen allerdings nicht mithalten. Die Pariser sind laut Deskbird montags bis donnerstags immer zu mindestens 70 Prozent im Büro anwesend, ähnlich sieht es in Wien aus. Getoppt wird das nur in Zürich: Dort ist die Büropräsenz am Dienstag mit 99 Prozent und am Mittwoch mit 97 Prozent besonders hoch.

02-05-24 Gastbeitrag Inga Mende

Der Standort allein wird allerdings nicht das entscheidende Kriterium für die Büropräsenz sein. Ausschlaggebend sind sicherlich auch Faktoren wie Arbeitsatmosphäre und Unternehmenskultur. Und dafür kann auch die Aufschlüsselung nach Firmengröße aufschlussreich sein. Die Deskbird-Daten zeigen, dass die Auslastung der Schreibtische in deutschen Büros mit der Unternehmensgröße sinkt. In kleinen Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern sind die Arbeitsplätze zu 38 Prozent ausgelastet. Große Unternehmen ab 1500 Mitarbeiter kommen dagegen nur auf eine Auslastung von 30 Prozent. „In kleineren Unternehmen geht es oft noch familiärer zu und Silos sind seltener, sodass die Mitarbeitenden die Zusammenarbeit vor Ort besonders schätzen“, sagt Deskbird- Gründer und CEO Ivan Cossu. 

17.05.2024 07:00

Der Wohnungsmarkt zieht wieder an. Vor allem Eigentumswohnungen in Metropolen sind bei Käufern gefragt. Die Nachfrage ist jetzt wieder größer als das Angebot. Für Käufer heißt das: Sie sollten sich beeilen

Die Flaute am Immobilienmarkt ist vorüber, das belegen die Zahlen für das erste Quartal: Häuser und Wohnungen verkauften sich wieder deutlich besser und auch viel schneller als in den Monaten zuvor. Die Nachfrage stieg insgesamt nicht nur an, sondern sie ist inzwischen auch wieder größer als das Angebot. Das bedeutet: Der Überbestand an verkäuflichen Immobilien baut sich allmählich ab. Und selbst Ladenhüter finden jetzt wieder Abnehmer, also Immobilien, die zuvor sehr lange inseriert worden waren. Das zumindest ergab eine Auswertung der Immobilienplattform Immoscout24, die aktuelle Kaufgesuche mit der Zahl annoncierter Immobilien verglichen hat. 

Zusätzlich erfasste die Auswertung, wie lange die Inserate online standen, bevor sie als „verkauft“ vom Markt genommen wurden und stellt fest: Die Vermarktungsgeschwindigkeit hat sich deutlich erhöht. Die Käufer fackeln also nicht mehr lange, sondern werden sich schnell mit den Verkäufern einig.

Die Preise in Metropolen ziehen wieder an

Das heißt aber aus Käufersicht auch, dass die Preise jetzt wieder steigen. In fast allen Metropolen außer München und Köln zogen die Immobilienpreise wieder an, vermeldete auch der Baufinanzierer Interhyp. Um rund 0,3 Prozent legten die Preise in Frankfurt, Berlin und Stuttgart zu, in Hamburg sogar um rund 0,9 Prozent. Im Durchschnitt lassen sich Käufer ihr Wohneigentum derzeit rund 449.000 Euro kosten. Die überwiegende Zahl von ihnen ist Selbstnutze (70 Prozent). Kapitalanleger warten demnach immer noch ab.

Interessant ist auch, wo Häuser und Wohnungen derzeit gekauft werden: in den Metropolen sowie in deren Speckgürteln. Fast Zweidrittel aller bundesweiten Wohnungskäufe und rund die Hälfte der Hauskäufe finden in den größten Städten statt. Auf die übrigen Großstädte entfallen nur 14 Prozent der Wohnungskäufe und 10 Prozent der Hauskäufe. Wohnungen im ländlichen Raum sind weitaus weniger gefragt, Häuser schon eher. Für die große Flucht raus aufs Land, die viele durch Corona und den Trend zum Homeoffice kommen sahen, sprechen diese Zahlen nicht.

Häuser haben häufiger Sanierungsstau

Es liegt eher die Vermutung nahe, dass viele Käufer nur deshalb ein Einfamilienhaus auf dem Land erwerben, weil sie die Preise in den Ballungsräumen nicht mehr stemmen können. Denn sieht man sich den Zustand der Immobilien an, fällt auf: Vorwiegend Häuser mit schlechten Energieeffizienzklassen wechseln derzeit die Besitzer: 

Zweidrittel der verkauften Häuser haben die Effizienzklassen E bis H. Und nur sehr wenige Objekte sind mit den guten Klassen A oder B bewertet. Bei solchen Immobilien mit Sanierungsstau waren zuletzt auch die Preisabschläge am höchsten, vor allem wenn sie dann noch in ländlicher Umgebung lagen. Hier konnte man – verglichen mit den hohen Preisen auf dem Höchststand des Booms – das ein oder andere Schnäppchen machen, was sich aber vermutlich in den kommenden Jahren durch entsprechende Sanierungskosten wieder relativieren wird. 

Wohnmarktanalyse 4.0 TEST

Wohnungen sind energetisch besser in Schuss

Der Großteil der verkauften Eigentumswohnungen dagegen – die sich ja eher im großstädtischen Raum befinden – ist energetisch erheblich besser aufgestellt: Die Hälfte der Wohnungen hat eine mittlere Energieklasse (C oder D), das ist ein deutlicher Unterschied zum Zustand der verkauften Häuser. Weitere 28 Prozent der Wohnungen rangieren in Klasse E oder F. Hier dürften die Sanierungskosten verhältnismäßig kleiner ausfallen. 

Um sich Wohnungen in den Metropolen dennoch leisten zu können, sparten viele Käufer offenbar eher an der Fläche: Zwei- bis Drei-Zimmer-Wohnungen mit 50 bis 80 Quadratmetern sind derzeit die am häufigsten vermittelten Objekte, sie machen 41 Prozent der verkauften Einheiten aus. Weitere 22 Prozent der vermittelten Eigentumswohnungen sind 80 bis 100 Quadratmeter groß.

Käufer finanzieren immer gewagter

Und es scheint nicht so, als könnten die Käufer die aufgerufenen Summen bereits locker stemmen. Oder als hätten arg gestiegene Löhne den jetzigen Nachfrageschub am Markt ausgelöst. Denn es fällt durchaus auf, dass Erstkäufer ihre Immobilien derzeit immer gewagter finanzieren: Die Darlehenssumme beträgt noch immer rund 300.000 Euro, ist also verhältnismäßig hoch. Aber die Beleihungsquote – also der Kreditanteil am Immobilienwert – hat ein Rekordhoch erreicht. Rund 89 Prozent des Kaufpreises müssen Erwerber zurzeit per Bankkredit finanzieren, weil sie eben nicht mehr Eigenkapital mitbringen. 

tilgungsrechner

Dagegen ist die Tilgungsquote auf einen Tiefstand gefallen, wie zuletzt 2011. Käufer wählen im Schnitt nur noch 1,65 Prozent Anfangstilgung. Das hält zwar die monatliche Rate klein und bedeutet bei knapp 3,4 Prozent Kreditzins für die zehnjährige Laufzeit (die Durchschnittskäufer derzeit wählen) rund 1250 Euro Rückzahlung pro Monat. Dafür aber beträgt die Restschuld in zehn Jahren, wenn der Kredit ausläuft noch immer beachtliche 240.00 Euro. Bei gleichbleibendem Zins wäre der Kredit damit erst in 33 Jahren getilgt.

... so ginge es besser:

Wer sich daher eine moderat höhere Rate von 100 Euro zusätzlich leisten kann, nämlich 1365 Euro, der sollte lieber so finanzieren: Den Vertrag mit 15 Jahren Zinsbindung abschließen. Das ergibt einen nur wenig höheren Sollzins von 3,5 Prozent, dafür aber fällt die Restschuld mit 180.000 Euro deutlich übersichtlicher aus, was die Gefahr bei der Anschlussfinanzierung stark minimiert. Und der Zeitraum bis zur Schuldenfreiheit verkürzt sich dadurch auf 29 Jahre. Das wäre der der bessere Deal – vorausgesetzt, man schafft es, schnell genug zu sein und den Zuschlag für das Wunschobjekt zu bekommen. 

16.05.2024 18:10

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Gründung verlässt Hasso Plattner SAP. Zu seinen Ehren hat der Softwarekonzern eine große Show veranstaltet

Um kurz nach 15 Uhr wird die SAP-Arena in Mannheim dunkel. Einen Tag nach der Hauptversammlung, auf der Mitgründer Hasso Plattner erstmals nicht mehr für den Aufsichtsrat angetreten ist, ist der Countdown abgelaufen für seine große Abschiedsshow. 

Auf der 30 Meter breiten LED-Wand startet eine Lichtershow, dann fährt sie langsam nach oben. Dahinter beginnt das SAP-Sinfonieorchester zu spielen, vorne wird die US-Sängerin Anastacia in helles Scheinwerferlicht getaucht. Sie singt ihren Song „You'll never be alone“ („Du wirst nie alleine sein“). 

Ob das die Botschaft ist, die der 80-jährige Plattner hören will? Oder die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Saal, die nun Abschied nehmen vom bislang omnipräsenten Firmengründer? Jedenfalls ist es ein stimmungsvoller Auftakt für die Verabschiedung einer der wichtigsten Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaft.

Potsdamer unter sich

Auf den Rängen der Arena sitzen rund 3.400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von SAP, die in einer Art interner Ticket-Lotterie ausgelost wurden. Außerdem sind bereits vor Beginn der Veranstaltung rund 600 Ehrengäste aus der SAP-Familie über den SAP-blauen Teppich spaziert, darunter Plattners Co-Gründer und Vertrauter Dietmar Hopp und Bundeskanzler Olaf Scholz.

Wie Scholz wohnt auch Plattner zeitweise in Potsdam und ist unter anderem als Stifter des Museums Barberini und Gründer des Hasso-Plattner-Instituts an der Uni Potsdam sehr präsent in der Stadt. Und noch ein dritter Potsdamer betritt an diesem Nachmittag die Bühne: TV-Moderator Günther Jauch leitet durch den Nachmittag.

Potsdamer unter sich: Günther Jauch moderiert beim Abschied von Hasso Plattner  
Potsdamer unter sich: Günther Jauch moderiert beim Abschied von Hasso Plattner
© Reuters

Als er Plattner begrüßt, brandet Applaus im Publikum auf. Plattner, in dunklem Anzug, hellblauem Hemd und mit breiter Krawatte, sieht sich auf der großen Leinwand, winkt kurz und erhebt sich schließlich. Sein Platz ist in der ersten Reihe zwischen Scholz und Louise de Putron, der Gründerin des ersten US-Partnerunternehmens von SAP. Daneben Plattners Familie inklusive Enkelkinder und SAP-Chef Christian Klein. 

Die „Eine-Million-Euro-Frage“ für CEO Klein

Klein ist auch der erste Redner. In olivfarbenem T-Shirt und Anzug spricht er frei auf der großen Bühne, wie man es sonst von Chefs großer Softwarekonzerne  kennt. „Jetzt stehe ich hier mit der Eine-Million-Euro-Frage“, greift Klein die Moderation von Günther Jauch auf. „Wie kann man die Lebensleistung von Hasso Plattner in zehn Minuten würdigen?“ 

Er erzählt dann von jemandem, „der Wirtschaftsgeschichte geschrieben hat“, von einem „Visionär“ und „Pionier“, von jemandem, der den Wettbewerb liebt, global denkt und den „festen Willen“ hat, jeden Tag dazu zu lernen. Im Hintergrund werden dazu alte Fotos eingeblendet von Plattner, von seinen Co-Gründern und von SAP. 

SAP Hasso Plattner 80. Geburtstag Biga 1

Dann hält Klein eine leicht zerknickte, gelochte Pappkarte hoch, eine sogenannte Lochkarte, wie sie Computerkonzerne vor Jahrzehnten verwendet haben. Plattner hat sie früher selbst gelocht und „die SAP so zu dem gemacht, was sie heute ist“, sagt Klein.

Am Ende gibt er dann noch die Antwort auf die Million-Frage: „Es ist nicht möglich. Lieber Hasso, Ihr Lebenswerk ist zu groß, um es in Worte zu fassen. Mir und uns allen bleibt eigentlich nur ein bescheidenes Danke.“ Als Plattner danach auf der großen Leinwand eingeblendet wird, versucht er seinen beherrschten, oft leicht grimmigen Gesichtsausdruck zu wahren, scheint aber fast beeindruckt und angefasst von den Worten des Mannes, der SAP nun ohne ihn weiter in die Zukunft führen wird.

Scholz zu Plattner: „Bitte mischen Sie sich auch weiterhin ein“

Plattner war nun 52 Jahre bei SAP. Mit ihm zieht sich der letzte von insgesamt fünf SAP-Gründern aus dem mit Abstand wertvollsten Unternehmen in Deutschland zurück und aus einem der wichtigsten Softwarekonzerne der Welt. Schon zum 50. Geburtstag des Unternehmens hielt Kanzler Scholz eine Rede und auch an diesem besonderen Tag hielt er mit Lob nicht zurück.

Für ihn wurde ein Redepult in die Mitte der Bühne gestellt. Er trägt einen dunkelblauen Anzug, der oberste Knopf seines weißen Hemds ist geöffnet. „Hallo Mannheim, hallo SAP“, eröffnet Scholz seine Rede, fast wie bei einem Konzert, nur viel nüchterner. „Heute läuft die gesamte Weltwirtschaft auf der Softwaremarke SAP“, sagt Scholz. „Was für eine unfassbare globale Erfolgsgeschichte aus Deutschland und Sie, lieber Hasso Plattner, haben diese Geschichte geschrieben.“ 

Immer wieder sorgt Scholz für Lacher im Publikum, als er anspricht, wie gerne Plattner über seine Person „tiefstapelt“ und seinen Einfluss im Unternehmen gerade in den vergangenen Jahren herunterspielte. „Womöglich wurzelt ihr Einfluss ja vor allem darin, dass Sie immer wieder neue Ideen ausbrüten, kühne Pläne schmieden, ehrgeizige Vorhaben vorantreiben“, sagt Scholz darüber. „Ich glaube, Sie können auch gar nicht anders. Dafür brauchen Sie gar kein Amt.“

Schließlich bitte der Kanzler Plattner, sich auch weiterhin einzumischen und erntet dafür viel Applaus. Plattner lächelt. „Wir in Deutschland haben ja auch in den letzten Jahrzehnten manche nötige Erneuerung zu sehr auf die lange Bank geschoben“, sagt Scholz, etwa die Digitalisierung und industrielle Transformation, wo man nun den Hebel umgelegt habe. „Genau deshalb bin ich Ihnen ausdrücklich dankbar für diese Mahnung und Intervention", so Scholz. Plattner wüsste schließlich, dass Innovationen keine Bedrohung seien, „sondern eine Chance, gerade für unser Land der Ingenieure, Tüftlerinnen und Erfinder“. Nach der Rede schütteln Scholz und Plattner sich lange die Hände.

Plattner und Gates unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Danach gibt es noch eine Videobotschaft des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der nicht persönlich teilnehmen konnte. Der Rest des Nachmittags findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.  SAP: Die Zeichen stehen auch ohne Hasso Plattner auf Wachstum

Geplant war unter anderem noch eine Rede von Plattner an die Mitarbeiter, Bill Gates soll eine Videobotschaft geschickt und Anastacia zum Abschluss noch ein paar Songs gespielt haben.

Als nach zwei Stunden alles vorbei ist, wehen draußen vor der Arena immer noch die knallblauen Flaggen mit dem Konterfei von Hasso Plattner und dem Slogan seiner Verabschiedung: „Fare-well done“. 

16.05.2024 16:18

Während die Ampel noch über dem Haushalt 2025 brütet, liegen jetzt die Ergebnisse der neuen Steuerschätzung vor. Die Botschaft ist klar: Der Haushaltsstreit könnte sich verschärfen

Im Streit über den Bundeshaushalt für 2025 kann die Ampel-Koalition nicht auf eine Entlastung durch höhere Einnahmen hoffen. Der Arbeitskreis Steuerschätzung legte am Donnerstag seine Prognose für die Jahre 2024 bis 2028 vor. Demnach müssen Bund, Länder und Gemeinden in diesem Fünf-Jahres-Zeitraum mit insgesamt 80,7 Mrd. Euro weniger rechnen als noch im Herbst vorigen Jahres erwartet. Allein auf den Bund entfallen Mindereinnahmen von 41,6 Mrd. Euro. Dafür gebe es nicht nur konjunkturelle, sondern auch strukturelle Gründe, sagte Bundesfinanzminister Christian Lindner. 

Die Steuerschätzung erschwert die Haushaltsberatungen für 2025 zusätzlich, da mit geringeren Einnahmen zu rechnen ist. Gegenüber der Herbst-Prognose verbucht der Bund für 2025 ein Minus von 11,0 Mrd. Euro. „Wir müssen uns von unrealistischen Wünschen verabschieden und die Konsolidierung des Haushalts vorantreiben“, sagte Lindner. „Was ich angesichts der exorbitanten politischen Wünsche fast mantraartig wiederhole, liegt jetzt schwarz auf weiß vor: Neue finanzielle Spielräume gibt es absehbar nicht.“ Das Schätzergebnis belege, dass die finanziellen Herausforderungen in den kommenden Jahren größer werden. „Wenn wir jetzt nicht gegensteuern, verschärft sich die Entwicklung insbesondere für den Bund. Die strukturellen Herausforderungen können wir nicht mit immer mehr Schulden zuschütten. Was wir brauchen, liegt auf der Hand: Mehr Wachstum, wir brauchen die Wirtschaftswende“, sagte der Finanzminister.

Die aktuelle Steuerschätzung bezeichnete er als „Realitätscheck“ für den Bundeshaushalt 2025. Der FDP-Politiker nahm vor allem Sozialausgaben ins Visier etwa beim Bürgergeld. Die Inanspruchnahme des Sozialstaates, die Dauer des Verbleibs im Bürgergeld und gesetzliche Änderungen hätten dazu geführt, „dass die Sozialausgaben schneller steigen als die wirtschaftliche Entwicklung“.

Die Prognose der Steuerschätzer ist eine wichtige Grundlage für die Beratungen zum Bundeshaushalt 2025. Ob gespart werden muss oder ob es Raum für zusätzliche Ausgaben gibt, hängt unter anderem von der Steuerschätzung ab. Mehrere Bundesministerien wollen sich nicht an Sparvorgaben von Lindner halten – was dieser wiederum scharf kritisiert. Ziel ist es, bis Anfang Juli im Kabinett eine Einigung über den Haushalt 2025 hinzubekommen, dann folgen die Beratungen im Bundestag. 

Auch im Haushalt 2024 drohen Mindereinnahmen von 5,6 Mrd. Euro. Dafür sei aber Vorsorge getroffen, sagte Lindner. Die reduzierte Einnahmeerwartung allein sei noch kein Grund zur Sorge, aber die Ausgabenentwicklung berge Risiken. Bei der Förderung des Ökostroms gebe es Medienberichte, wonach 9 Mrd. Euro mehr ausgegeben werden könnten als geplant. „Zum jetzigen Zeitpunkt ist noch nicht sicher, ob es Handlungsbedarf gibt.“

Ampel-Haushälter sehen Handlungsdruck

SPD-Haushaltsexperte Dennis Rohde nahm Lindner mit Blick auf die neue Steuerschätzung in die Pflicht. „Wir erwarten jetzt vom Bundesfinanzminister bis zum Sommer einen Haushaltsentwurf, der die Wirtschaft weiter ankurbelt, die Zeitenwende umsetzt und den sozialen Zusammenhalt in unserem Land garantiert.“ Sein FDP-Kollege Otto Fricke erklärte: „Wir können den Haushalt nicht mit immer mehr konsumtiven Ausgaben überlasten und Handlungsspielräume weiter einschränken.“ Die Wirtschaftswende erfordere auch eine Haushaltswende. FAQ Haushalt 2025 14.45

Grünen-Haushälter Sven-Christian Kindler warnte vor einem „Sparhaushalt auf dem Rücken von langjährigen Beschäftigten oder armen Menschen, zu Lasten des Klimaschutzes, der demokratischen Infrastruktur oder unserer internationalen Verantwortung“.

Die Opposition sprach von einem Warnsignal. „Wir bekommen gerade die Quittung für eine beispiellos schlechte Politik“, erklärte der Chefhaushälter der Unionsfraktion, Christian Haase (CDU). „Deutschland darf nicht weiter das Versuchslabor für eine falsche und grün administrierte Wirtschaftspolitik sein.“

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) rief die Regierung auf, den Steuerausfällen mit einem Wachstumsprogramm entgegenzuwirken. „Sie muss den Hochlauf der öffentlichen Investitionen tragfähig finanzieren und Anreize für notwendige Investitionen in Transformationsprozesse setzen“, sagte BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner. 

16.05.2024 16:00

Die Vorstandsgehälter steigen laut einer aktuellen Analyse erstmals seit Jahren nicht mehr. Managerinnen und Manager setzen verstärkt auf Sicherheit bei ihren Bezügen. Für eine Expertin ist der Zeitpunkt günstig, um jetzt KI-Manager abzuwerben

Das Wachstum ist offenbar auch bei den Gehältern von vielen Top-Führungskräften vorbei. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse der Berliner Personalberatung I-Potentials. Die Experten für Executive Search haben sich dabei auf C-Level-Manager aus den Bereichen Digitales, Transformation und Innovation konzentriert. Sie werteten nach eigenen Angaben Gehaltsdaten von 1424 Managern aus den Jahren 2011 bis 2023 aus. Managing Partner Martina van Hettinga erklärt, warum das eine Chance für Mittelständler und Familienunternehmen ist. 

CAPITAL: Frau von Hettinga, kommt die Krise jetzt bei Vorstandsgehältern an? 
MARTINA VAN HETTINGA: Ja, zumindest legt das unsere Datenauswertung nahe. Seit 2011 waren die Gehälter im Durchschnitt von Jahr zu Jahr stets gestiegen. 2022/23 gab es zum ersten Mal einen leichten Rückgang. Dieser fällt aber relativ milde aus. 

Dennoch ist das Minus verglichen mit den Zuwächsen der Jahre zuvor signifikant. Geraten Top-Manager unter Druck? 
Es gibt weiterhin einen sehr starken Kandidatenmarkt mit Top-Playern. Die setzen allerdings nicht mehr so stark auf eine variable Anteilsvergütung wie noch vor ein paar Jahren. 

Laut Ihrer Analyse hat sich der Anteil von Unternehmensbeteiligungen an der Vergütung auf sechs Prozent halbiert. Ist das der Hauptgrund für die gesunkenen Gehälter? 
Ja, denn die Fixgehälter sind weiter gestiegen. Ihr Anteil erhöhte sich von 73 Prozent im Zeitraum 2020/21 auf 78 Prozent von 2022 bis 2023. Bonuszahlungen blieben mit 15 Prozent in etwa gleich. 

Vorstände setzen beim eigenen Gehalt also mehr auf Sicherheit? 
Ob das wirklich ein Trend wird, kann man erst so richtig nach drei Jahren sagen. Aber ja: In unsicheren Zeiten steigt die Präferenz für finanzielle Sicherheit. Beim starken Wachstum der Jahre zuvor wurde bei der Zusammensetzung der Vergütung hingegen stärker auf Risiko gesetzt. Dennoch bleiben Unternehmensbeteiligungen relevant. Sie finden sich in durchschnittlich 72 Prozent aller Executive-Verträge in der New Economy.

Ihre Studie konzentriert sich ja auf Entscheider der C-Ebene aus den Bereichen Digitales, Transformation und Innovation. Gehören die im Vorstand zu den Top-Verdienern?
Ja, absolut. 

Lieber kündigen als Büro

Genau diese Manager brauchen viele Unternehmen gerade auch mit Blick auf Künstliche Intelligenz. Ist jetzt also ein guter Zeitpunkt für mittelständische Unternehmen, die nicht mit so großen Anteilspaketen locken können wie Start-ups?
Auf jeden Fall. Gerade für familiengeführte oder „reife“ Unternehmen eröffnen sich gerade Chancen, für die Transformation Top-Führungskräfte auch aus der Digitalwirtschaft anzuwerben, die früher nicht so leicht die Branche verlassen hätten oder vorwiegend für innovativere Organisationen in Bereichen wie zum Beispiel Pharma oder Biotech verfügbar waren. Auch traditionelle Unternehmen müssen natürlich bereit sein, die üblichen Vorstandsgehälter zu bezahlen. Aber vielen Kandidaten geht es mittlerweile neben diesem Hygienefaktor um andere Themen.

Nämlich? 
Zum Beispiel: Wo sitzt das Unternehmen? Diese Menschen haben sich ein Leben aufgebaut und wollen nicht unbedingt weit wegziehen, hybrides Arbeiten ist nicht mehr wegzudenken. Auch flexible Arbeitszeitmodelle spielen im Vorstand mittlerweile eine Rolle. 

„Arbeitgeber müssen mehr drauflegen, damit Leute umziehen oder pendeln“

Aber nicht die Viertagewoche? 
Nein, aber durchaus die Frage, von wo aus man arbeitet. Ein Tag Homeoffice pro Woche ist quasi schon gesetzt. Wer zwei Tage in Aussicht stellen kann, hat schon einen deutlichen Vorteil. Ein anderes Beispiel: Die meisten CTOs ziehen Konstrukte vor, bei denen ihr Bereich nicht an den CFO gekoppelt ist und so als Kostencenter behandelt wird. Viele Top-Executives sagen: Die Rahmenbedingungen und die strategische Zielsetzung und Vision sind mir am Ende wichtiger, als dass ich 10.000 oder 20.000 Euro mehr verdiene. 

Apropos: In welchen Städten verdienen die von Ihnen untersuchten Top-Manager am meisten?
Nordrhein-Westfalen liegt mit 310.000 Euro an der Spitze, gefolgt von Bayern mit 290.000 Euro und Berlin mit 285.000 Euro. 

Schlägt sich da auch der NRW-Pendleraufschlag zwischen den großen Ballungsräumen nieder?
Ja, Arbeitgeber müssen mehr drauflegen, damit Leute umziehen oder pendeln. Aber wie gesagt: Für viele ist das nicht mehr der entscheidende Faktor. Je flexibler und authentischer sich ein Unternehmen aufstellt, je klarer es Erwartungen kommuniziert und je schneller und verbindlicher es im Recruiting-Prozess ist, desto einfacher lassen sich gefragte Kandidaten anwerben. 

Was bedeutet denn in diesem Feld „schnell“, wenn es um Recruiting geht?
Bei einigen Unternehmen kann der ganze Prozess schon zwölf Monate dauern. Da sind viele umworbene Kandidaten längst weg, weil sie parallel oft von anderen Organisationen angeworben werden. Wer vier bis fünf Monate zusichern kann, ist da klar im Vorteil. 

Wo bleibt der Chief Human Science Officer?

Trotz der stagnierenden Gehälter wird die Luft für Vorstände also nicht dünner? 
Genau, das sehen wir nicht. Durch die demografische Entwicklung gehen viele Führungskräfte in Rente. Es gibt wenige Top-Talente mit den spezifischen fachlichen und persönlichen Skills, die in unsicheren Zeiten den massiven Herausforderungen begegnen können. Da soll der Finanzvorstand auch moderne Führung beherrschen, Digitalexpertise mitbringen, globale Märkte analysieren, das Unternehmen krisenfest aufstellen und Innovationen anstoßen – die Zahl derer, die das können und auch künftig noch wollen, ist überschaubar. 

Dennoch sehen Sie deutliche Unterschiede bei der finanziellen Wertschätzung innerhalb der C-Ebene.
Ja, bei Finanzvorständen gab es in den vergangenen drei Jahren ein durchschnittliches Plus von 17 Prozent. Zugespitzt gesagt: Bei den Restrukturierungs- und Kostenexperten wurde ordentlich investiert. Die Vergütung von Vorständen aus dem Produkt- und Tech-Bereich hat sich hingegen im Durchschnitt nur um neun Prozent erhöht. Das ist angesichts der Konjunktur immer noch eine massive Entwicklung, aber wir sehen, dass Unternehmen hier auf Sicht segeln. Das birgt allerdings die Gefahr, dass Innovationen verschlafen werden. Das verschärft die übrigen Standortrisiken in Deutschland – keine optimale Perspektive. 

16.05.2024 14:52

Lange Zeit sprach die robuste US-Wirtschaft für Amtsinhaber Joe Biden. Doch inzwischen verschlechtert sich die Lage. Die wichtigsten Zahlen zu den Themen, die die USA bewegen – Stimmung, Preise, Jobs, Zuwanderung und Wachstum

Zwei der wichtigsten Termine im US-Wahlkampf stehen fest: Ende Juni und Mitte September werden US-Präsident Joe Biden und sein republikanischer Herausforderer Donald Trump in Fernsehduellen aufeinander treffen. Vor allem für Biden dürften die Debatten wichtig werden. Der Amtsinhaber liegt in den landesweiten Umfragen kontinuierlich knapp hinter Trump. Die Daten-Analysten von Fivethirtyeight bilden dazu einen Schnitt von Umfragen, die sie nach Qualität und politischer Befangenheit gewichten.

Hinzu kommt, dass Biden auch in den Swing States schlecht abschneidet, also den Bundesstaaten, in denen beide Kandidaten eine realistische Chance auf einen Sieg haben und die daher die Wahl im November entscheiden werden. Warum aber sieht es bisher so schlecht aus für Biden? Welche Daten sprechen für ihn, welche gegen ihn? Capital sammelt kontinuierlich wichtige Umfragewerte und wirtschaftliche Kennziffern, die diesen Kampf begleiten.

Eins ist klar: Biden geht in das Duell mit einer deutlich besser gefüllten Wahlkampfkasse als Trump. Er bekommt sowohl von Großspendern als bei kleinen Einzelunterstützern mehr überwiesen. Jeden Monat müssen die Wahlkampfteams ihre Einnahmen und Ausgaben an die Föderale Wahlkommission melden, und hier zeigt sich, dass der Vorsprung, den Biden vor Trump hat, sogar noch zunimmt statt zu schrumpfen. Der Amtsinhaber kann also mehr für Fernsehwerbung, Telefonkampagnen und den Haustür-Wahlkampf ausgeben.

Die amerikanischen Wählerinnen und Wähler dürfte allerdings eher interessieren, wie sich ihre persönliche ökonomische Lage entwickelt. Die alte Frage „Geht es Ihnen besser oder schlechter als vor vier Jahren?“  und die Antwort darauf werden auch diesmal wieder entscheidenden Einfluss auf das Wahlergebnis haben. 

Der Aufschwung nimmt sich eine Pause

Und hier gilt: Die US-Wirtschaft läuft gut, ist aber zuletzt ins Stocken geraten. Zum Ende des Jahres 2023 wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) kräftig, die Werte für das vierte Quartal wurden sogar noch nach oben korrigiert. Beigetragen haben das Konjunkturprogramm „Inflation Reduction Act“, sinkende Energiepreise und ein immer besser laufender Arbeitsmarkt. Auch im ersten Quartal 2024 legte das BIP zu, allerdings bei weitem nicht mehr mit dem Schwung von zuvor.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Bidens Wirtschaftspolitik im Ganzen nach wie vor erfolgreich ist. Unter "Bidenomics" werden die Erneuerbaren Energien ausgebaut und damit Jobs geschaffen. Es ist historisch die längste Phase, in der die von den US-Behörden ausgewiesene Arbeitslosenrate unter dem Wert von vier Prozent geblieben ist.

Sorgenkind Inflation bleibt

Ein Problem allerdings bleibt und wird sich in einer insgesamt wachsenden Wirtschaft auch so rasch nicht erledigen. Die Preissteigerung hält sich beharrlich über drei Prozent und damit in einem Bereich, der für Biden unangenehm ist. Die Aussicht, dass die Zentralbank den Leitzins senken und damit die Kreditaufnahme erleichtern kann, rückt so in immer weitere Ferne. Es dürfte auch eher zur Inflation beitragen, dass die US-Regierung die Zölle auf Einfuhren aus China drastisch erhöht hat und damit günstige Importe verteuert.

Traditionell reagieren die US-Bürger in einem Bereich besonders empfindlich auf die Preise, und zwar beim Treibstoff. Und auch hier müssen sich Biden und sein Team Sorgen machen. Zwar kostet der Sprit deutlich weniger als in der ersten Phase nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine. Seit Jahresbeginn geht es jedoch auch hier wieder nach oben.

Kommt die schlechte Laune zurück?

Wie aber schlagen sich die gemischten Rahmendaten in der Stimmung der Amerikaner nieder – also in dem, was letztlich an der Wahlurne entscheidend sein könnte? Das Vertrauen der Amerikaner in die Wirtschaftslage – so wie es regelmäßig von der University of Michigan erhoben wird – machte zu Anfang des Jahres einen deutlichen Sprung nach oben, erreichte den höchsten Wert seit Sommer 2021 und stieg im März noch weiter. Nun aber geht es wieder recht deutlich abwärts. Für Biden dürfte es wichtig werden, ob das nur ein Zwischentief ist oder sich eine Trendwende abzeichnet.

Wie zentral eine gute Einschätzung der Wirtschaftslage für Biden ist, zeigen die langfristigen Präferenzen der Wähler: Ökonomische Themen spielen für die Menschen die größte Rolle, wie das Meinungsforschungsinstitut Pew Research in seiner aktuellen Erhebung feststellt.

Probleme mit der Einwanderung

Allerdings spielen neben ökonomischen Faktoren auch andere Themen eine Rolle, und dazu gehört die illegale Einwanderung. Es ist ein Problemfeld für die Regierung Biden, da vor allem an der südlichen Grenze der USA in der zweiten Jahreshälfte 2023 eine steigende Zahl von Versuchen der nicht legalen Einreise registriert wurde. Einen parteiübergreifenden Deal für die Grenze hatten die Republikaner aus wahltaktischen Gründen in einer Blockadeaktion im Kongress verhindert. Trotzdem gibt es in den ersten Monaten 2024 im Vergleich zum Vorjahr einen rückläufigen Trend, den man im Weißen Haus zufrieden registriert haben dürfte.

Jenseits aller ökonomischen Kennziffern hat Biden ein Problem, das er im Wahlkampf kaum wird überwinden können: sein Alter. In einer Umfrage der New York Times und des Siena College stimmten 47 Prozent der Befragten der Aussage entschieden zu, Biden sei „zu alt“, um als effektiver Präsident arbeiten zu können. Beim nur wenige Jahre jüngeren Trump galt das nur für 21 Prozent – eine enorme Hypothek für den Amtsinhaber. Dieser Faktor ist es wohl vor allem, der die Meinung zu Biden in den Umfragen nach unten drückt.

Was bedeutet diese Ausgangslage für den Zweikampf mit Donald Trump? Im Schnitt der Umfragen ergibt sich de facto ein Patt, es ist unklar, wer im November den Sieg davonträgt. Immer noch gibt es eine ziemlich große Gruppe an unentschiedenen Wählerinnen und Wählern. Und die große Frage der kommenden Wochen und Monate wird sein: Werden Sie sich von Bidens Alter abschrecken lassen – oder können die Wirtschaftsdaten sie davon überzeugen, für den Amtsinhaber zu stimmen?

Hinweis: Dieser Artikel zur US-Wahl wird laufend aktualisiert.

16.05.2024 13:22
Die Nachfrage nach Mietwohnungen in Leipzig steigt, mancherorts sinken die Preise, und gleichzeitig wächst die Stadt weiter: Für Anleger sind vor allem Familienwohnungen interessant
16.05.2024 11:53

Die Nachfrageschwäche bei der Automatisierungssparte hat Siemens im zweiten Quartal ausgebremst. Das Ergebnis fiel schlechter aus als erwartet. Dafür kommt der Konzern aber mit dem Verkauf von Randgeschäften voran

Die Automatisierungssparte von Siemens kommt nicht so schnell aus dem Tal heraus wie erhofft. Vor allem in China werde es bis weit ins zweite Halbjahr hinein dauern, bis die Kunden ihre Lager geräumt hätten und wieder neu bestellten, beschrieb der Münchner Technologiekonzern am Donnerstag die Lage. Die erfolgsverwöhnte Sparte Digital Industries rechnet daher für das Geschäftsjahr 2023/24 (Ende September) mit einem Umsatzrückgang von bis zu acht Prozent und deutlich schwächeren Margen. Das florierende Geschäft mit Bau- und Infrastrukturtechnik könne das aber weitgehend wettmachen, sagte Vorstandschef Roland Busch. Die Umsatz- und Gewinnprognosen auf Konzernebene stehen.

„Mit der richtigen Strategie, den richtigen Technologien und dem richtigen Team sind wir weiterhin bestens gerüstet für profitables Wachstum“, sagte Busch. Im zweiten Quartal habe der Konzern eine „solide Leistung“ abgeliefert. Siemens verfehlte aber die Umsatz- und Gewinn-Erwartungen der Analysten, obwohl Finanzvorstand Ralf Thomas bereits im März vor der anhaltenden Schwäche bei Digital Industries gewarnt hatte. Das Geschäft mit industrieller Software, die Infrastruktur- und die Zug-Sparte hätten sich widerstandsfähig gezeigt. „Wir konnten dadurch die gegenwärtig gedämpfte Nachfrage im Automatisierungs-Geschäft bei Digital Industries weitgehend kompensieren“, sagte Busch.

Auftragseingang bricht ein

Das Ergebnis aus dem industriellen Geschäft sank zwischen Januar und März um zwei Prozent auf 2,51 Mrd. Euro. Die Finanzexperten hatten Siemens im Schnitt einen Anstieg auf 2,68 Milliarden zugetraut. Der Umsatz stagnierte auf vergleichbarer Basis bei 19,2 Mrd. Euro, der Auftragseingang brach um zwölf Prozent auf 20,5 Mrd. Euro ein. Unter dem Strich stand ein Gewinn von 2,20 (3,55) Mrd. Euro, wobei Siemens im vergangenen Jahr mit 1,6 Mrd. Euro von den steigenden Kursen der Siemens-Energy-Aktie profitiert hatte.

Nach einem Umsatzeinbruch um elf Prozent im zweiten Quartal rechnet Siemens für Digital Industries nun auch im Gesamtjahr mit einem Umsatzrückgang. Bisher hatte man zumindest auf einen stagnierenden Umsatz gesetzt. Die operative Marge werde nur noch bei 18 bis 21 (bisher 20 bis 23 Prozent) liegen. Dagegen dürfte Smart Infrastructure mit einem Umsatzplus von acht (bisher sieben) bis zehn Prozent und einer Marge von 16 (bisher 15) bis 17 Prozent etwas besser abschneiden.

Siemens hält an Prognose fest

Für den Konzern bleibe es bei den Prognosen, bekräftigte Finanzchef Thomas. Der Umsatz soll 2023/24 auf vergleichbarer Basis um vier bis acht Prozent zulegen, der Auftragseingang stärker wachsen als der Umsatz. Der Gewinn je Aktie soll – alle Siemens-Energy-Effekte ausgeklammert – zwischen 10,40 und 11,00 Euro liegen. Die Analysten trauten Siemens im Schnitt zuletzt aber nur 10,35 Euro je Aktie zu.

Bei der Trennung von Randgeschäften hat Siemens unterdessen den vorletzten und größten Schritt gemacht. Die Antriebssparte Innomotics wird für 3,5 Mrd. Euro an den US-Finanzinvestor KPS Capital Partners verkauft. Siemens zählt den Hersteller von großen Elektromotoren und Antriebssystemen mit Sitz in Nürnberg und rund 15.000 Beschäftigten schon seit längerem nicht mehr zum Kerngeschäft. Der Verkauf von sogenannten „Portfolio Companies“ hat Siemens – einschließlich Innomotics – fast 8 Mrd. Euro in die Kasse gespült. Von einer Handvoll Unternehmen ist nur noch das Geschäft mit Gepäckbändern und Fracht-Förderanlagen für Flughäfen übrig. Auch hier streckt Siemens schon die Fühler nach einem Käufer aus.

16.05.2024 11:00

Capital zeichnet die besten Anwaltskanzleien für zahlreiche Fachgebiete aus. Die Auswertung zeigt außerdem, dass Künstliche Intelligenz  bereits viele Rechtsanwälte unterstützt und mehr Zeit für Gespräche mit Mandanten schafft  – auch in den besten Kanzleien

Iusta ist schnell, verlässlich und genügsam. Wenn nötig, rackert sie auch mal eine 24-Stunden-Schicht durch, ganz ohne Essen und Trinken. Julius Reiter ist hochzufrieden mit seiner neuen Fachkraft im Dezernat Rechtsschutz. Sie arbeitet weg, woran der Anwalt früher sechs Sachbearbeiter gesetzt hat. Nun ist eine einzige Bürokraft einen halben Tag im Einsatz, den Rest erledigt Iusta, eine künstliche Intelligenz. 

Wer Reiter in seiner Kanzlei am Berliner Hausvogteiplatz besucht, trifft auf einen quirligen Endfünfziger in weißen Turnschuhen, Pulli und Jackett. Den Kaffee serviert er selbst, das Wasser zapft er aus der Leitung. Seit der Gründung 2001 hilft die Kanzlei geschädigten Verbrauchern und Opfern bei Rechtsstreitigkeiten mit mächtigen Gegnern – „David-gegen-Goliath-Kämpfe, übertragen in den Gerichtssaal“ nennt Reiter das. Beim Loveparade-Unglück etwa haben Reiter und seine Kollegen die Angehörigen der Opfer vertreten, ebenso nach dem Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen. Im festgefahrenen Streit zwischen der Bundesregierung und den Familien der israelischen Opfer des Olympia-Attentats von 1972 konnten sie jüngst einen Vergleich erzielen. 28 Mio. Euro haben sie rausgeholt, „hier an diesem Tisch“, erzählt Reiter. Unterstützt hat ihn dabei Gerhart Baum; der prominente FDP-Politiker und Anwalt ist seit vielen Jahren Seniorpartner der Kanzlei. 

Dass Iusta existiert, liegt an einem Jahrhundertbetrugsfall mit Millionen Geschädigten. „Der Dieselabgasskandal brachte uns an Grenzen“, sagt Reiter. Bei Baum Reiter & Collegen landeten Tausende Fälle von VW-Fahrern, deren Autos so manipuliert worden waren, dass die Abgasreinigung auf der Straße abgeschaltet wurde. Alle hofften auf Entschädigung. Allein um mit den rund 120 Rechtsschutzversicherern die Kostenübernahme zu klären, benötigte Reiter ein halbes Dutzend Mitarbeiter. Denn jeder Versicherer hatte andere Verträge und Anforderungen – ein Riesenaufwand. Reiter testete Software, die diese Aufgabe übernehmen sollte. Weil ihn aber keine Lösung zufriedenstellte, setzte er selbst Entwickler an die Arbeit. Als Spin-off gründete Reiter 2019 die Legal-Tech-Firma Iusta. Deren gleichnamige Software schickt nun automatisch die passenden Schreiben an die Versicherer. Sie weiß sogar, welches Oberlandesgericht im Dieselfall wie entschieden hat, und passt Schriftsätze entsprechend an. Noch schreibt die KI die Klageschrift nicht selbst, „doch ihre Lernkurve ist steil“, sagt Reiter. 

Der Robo-Anwalt ist nicht mehr fern

Mit seiner Kanzlei zählt er zu den KI-Vorreitern in der Rechtsberatung. Die Branche ist gerade dabei, den Nutzen der Technik zu entdecken. Anwälte experimentieren mit KI, um Prozesse zu optimieren, Verträge zu erstellen oder juristische Datenbanken nach Referenzfällen zu flöhen. Anwälte, die nur noch überwachen, was die KI entscheidet, klingen wie Science-Fiction, könnten aber schon bald Realität werden. 

Capital hat bei Wirtschaftsanwälten für Privatmandanten nachgehakt, ob und wo sie bereits KI einsetzen und wie Verbraucher davon profitierten. Die ausgewählten Kanzleien gehören alle zu den besten ihres Fachs, ermittelt im Rahmen einer deutschlandweiten Befragung von Capital, „Stern“ und dem Marktforschungsinstitut Statista (mehr zur Methodik s.u.). 

Lindner FFWD

Einer davon ist Klaus Lützenkirchen, groß gewachsen, Bürstenhaarschnitt, Schnauzbart. Er ist seit 1986 im Geschäft, ein Original der Anwaltsszene – und er kennt alle Mietrechtsparagrafen aus dem Effeff. Bei Mahnsachen, Ärger um Schönheitsreparaturen oder Betriebskostenabrechnungen macht dem Kölner Rechtsanwalt so leicht keiner was vor. Aber neulich verblüffte ihn dann doch eine KI. Lützenkirchen hatte als Vorbereitung für einen Vortrag ChatGPT mit ein paar Stichworten gefüttert und einem BGH-Urteilskürzel. „Es kam ein Text dabei heraus, der genau das enthielt, was ich den Leuten erzählen wollte.“ Zwar schafft es die KI nicht, seinen rheinländischen Singsang zu imitieren und die Begeisterung, mit der er spricht. Aber sie konnte die Leitsatzentscheidung gut deuten und einordnen. 

Noch nutzt Lützenkirchen das Programm nicht in seiner Kanzlei, aber seit dem Experiment kann er sich gut vorstellen, KI dafür einzusetzen, „schematische Schriftsätze zu generieren“, etwa Mahnbescheide, weil ein Mieter nicht gezahlt hat. Künstliche Intelligenz könnte ihm auch bei der Recherche helfen: Welche Urteile haben Gerichte in ähnlichen Fällen gefällt? In fast 40 Jahren im Mietrechtsbusiness hat er zwar schon Hunderte Urteile gehört oder selbst erstritten, aber niemand kann sich die alle merken. Und keine Datenbank spuckt bisher automatisch alle passenden Fälle aus. Er freut sich, wenn KI ihn künftig entlastet. „Wir sind froh um jede Minute, die wir für Mandantengespräche oder den Austausch mit Kollegen haben.“

Die KI lässt sich nicht verklagen

Lukas Kemperdiek, Spezialist für Versicherungs- und Verkehrsrecht bei Advomano in Hagen, dämpft die Erwartungen etwas: „Für die echte Aktenarbeit ist ChatGPT noch nicht fit genug“, findet er. Frage man die KI danach, ob schon eine BGH-Entscheidung zum Fall XY vorliege, laute die Antwort manchmal Nein, obwohl bereits Urteile gefällt wurden. Manchmal bejahe der Chatbot die Frage, spucke aber unpassende Urteile aus. „Einmal erfand er einfach ein Urteil samt Aktenzeichen“, berichtet Kemperdiek.

Ein Urteil im Namen der künstlichen Intelligenz? Davon ist das deutsche Rechtswesen noch weit entfernt
Ein Urteil im Namen der künstlichen Intelligenz? Davon ist das deutsche Rechtswesen noch weit entfernt
© Ori Toor

Wegen solcher „Halluzinationen“ hagelte es jüngst in den USA und Kanada Ermahnungen an Anwälte, generative KI sorgfältiger einzusetzen. Mal hatte ein Anwalt eine von ChatGPT generierte „nicht existente“ Behörde zitiert, Ex-Trump-Anwalt Michael Cohen musste kleinlaut einräumen, in einem Schriftsatz fiktive Fälle verwendet zu haben. Inzwischen verlangen erste US-Gerichte, dass der Einsatz von KI angezeigt werden muss. Auch in Deutschland dürfte es so kommen. 

Baurechtsanwalt Marcus Hirschfelder von der Kanzlei Gessner aus Saarbrücken hält KI für keine „verlässliche Autorität“. Fälle und Entscheidungen lese er lieber selbst – schon aus Haftungsgründen. Die KI könne er nicht verklagen, wenn was schieflaufe. ChatGPT sei „brauchbar in einfach gestrickten Fällen“. Aber das private Bau- und Architektenrecht, seit 1972 Schwerpunkt der Kanzlei, sei zu komplex. Das meiste erfordere „Hand- und Kopfarbeit“, die die KI bisher noch nicht leisten könne. Größere Einsatzmöglichkeiten sieht er im öffentlichen Baurecht: Anträge und Baugenehmigungen könnten gut automatisiert werden. Dafür aber müssten die Behörden erst mal die Digitalisierung hinkriegen. 

Für Andreas Koenen ist ChatGPT eine Quelle der „Inspiration“. Der Anwalt lässt die KI etwa einen Schriftsatz des Gegners analysieren und Gegenargumente finden. In seiner Baurechtskanzlei teilen sie Prompts auf einer Plattform. Seine Erfahrung: Die KI sei sehr gut darin, Entscheidungen zusammenzufassen und einzuordnen. Der Anwalt ist überzeugt davon, dass bald kein Mandant mehr bereit sein wird, für Arbeiten zu zahlen, die künstliche Intelligenz besser und schneller erledigen kann als ein Mensch. In den USA würden Rechercheleistungen bereits von der Rechnung gestrichen. 

Nützlich könnten die Programme bei der Suche nach Signalbegriffen in großen Aktenmengen sein. Versicherungsrechtler Kemperdiek hält es etwa für möglich, damit aus einer Fülle von Arztberichten das Krankheitsbild eines Mandanten zu ermitteln, um Ansprüche gegen eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuleiten. Zwar könne das generell auch jede studentische Hilfskraft erledigen, die benötige dafür jedoch ungleich mehr Zeit. Pfusch am Bau: „Der Handwerker sagt, das war ich nicht“ (77678)

Bis solche Programme regelmäßig in Kanzleien eingesetzt würden, werde es allerdings noch Jahre dauern, glaubt er. Viele Fragen seien zu klären: Welche Abläufe sollen von einer KI übernommen werden? Habe ich die Mitarbeiter, die solche Programme bedienen können? Welche Datenschutzvorgaben gilt es zu beachten? Und wer überprüft später, ob die KI-generierten Ergebnisse richtig sind? „Mit dem Druck auf einen Knopf ist ja nicht die ganze Arbeit erledigt“, so Kemperdiek. 

So mancher Rechtsstreit ließe sich durch automatisierte Programme womöglich ganz verhindern. „Da wird Anwälten irgendwann viel Geschäft verloren gehen“, sagt der Versicherungsrechtler. Momentan aber passten die Ergebnisse der KI oft nicht zur gängigen Rechtsauffassung. Wenn es zum Beispiel darum geht, grundsätzlich zu entscheiden, ob eine Versicherung zahlen muss oder nicht, kommen Mensch und Maschine häufig zu unterschiedlichen Einschätzungen. 

Gesetzloses Handeln: Zuweilen leidet die KI unter „Halluzinationen“ und erfindet Fälle oder Institutionen
Gesetzloses Handeln: Zuweilen leidet die KI unter „Halluzinationen“ und erfindet Fälle oder Institutionen
© Ori Toor

Und wesentliche Fragen können selbst die intelligentesten Bots nicht beantworten: jene nämlich, bei denen es um Leib und Leben geht. „Vor allem im Medizinrecht haben wir schon sehr schlechte Erfahrungen damit gemacht“, sagt Kemperdiek. „Natürlich kann man sich eine Patientenverfügung mithilfe der KI aus Textbausteinen zusammenbauen. Aber es ist streckenweise problematisch, was dabei herauskommt.“ Manche Fragen lassen sich eben nur von Menschen beantworten: Wann sollen medizinische Geräte im Notfall abgestellt werden? Wie soll das Aufenthaltsrecht eines minderjährigen Kindes geregelt sein, wenn den Eltern etwas zustößt? „Immer wenn emotionale oder moralische Komponenten hineinspielen, ist es keine gute Idee, sich auf künstliche Intelligenz zu verlassen“, mahnt Kemperdiek.

Chatbot verfasst den Letzen Willen 

Das würde auch Claus Henrik Horn unterschreiben, in dessen Tagesgeschäft es um genau solche Fragen geht: Er ist Erbrechtsanwalt aus Düsseldorf und auf Fälle spezialisiert, in denen Patchworkfamilien um die gerechte Erbfolge streiten oder Unternehmererben gegen ihre Entmachtung. „Zuerst dachte ich, mich als Spezialisten betrifft der KI-Hype nicht“, erzählt Horn, „aber ich kann mir gut vorstellen, dass viele Menschen in Zukunft KI-Anwendungen nutzen werden, um damit selber ihre Testamente zu erstellen. Auf bestimmte Stichworte hin kann die KI schon die üblichen Klauseln formulieren.“

Er begrüßt das doppelt: einerseits, weil viele Menschen kein Testament hinterlassen – was häufig zu Erbstreitigkeiten führt. KI könnte dafür sorgen, dass der Letzte Wille häufiger ausformuliert wird. Andererseits, weil das seiner Zunft vermutlich noch mehr Mandanten beschert: „Häufig wird das Ergebnis so ausfallen, wie es gar nicht gewollt war.“ Welche verschiedenen Auslegungen Klauseln erlauben oder welche Auswirkung das Einsetzen eines Erben auf die gesamte Vermögensverteilung haben kann, das kann oft nur ein erfahrener Anwalt beantworten. Der kann auch dafür sorgen, dass sich ein Testament durch Änderungsklauseln anpassen lässt, falls sich die Familienverhältnisse ändern.

Verbraucherschutzanwalt Reiter in Berlin ist überzeugt davon, dass KI juristische Recherchen künftig auf Knopfdruck liefert und Anwälte von zahlreichen Verwaltungsaufgaben befreit. „Wir können dann viel besser auf den Punkt arbeiten.“ Seinen Kanzleistar Iusta nutzen inzwischen viele andere Unternehmen in Lizenz. In seine Legal-Tech-Firma holt er gerade Investoren, um Iusta „einen Innovationsschub zu geben“. Schließlich gibt es noch unglaublich viel Rechtsarbeit, die sich automatisieren lässt. 

So läuft die Abstimmung

Wer einen guten Anwalt sucht, erwartet Kompetenz, Reputation und einen vertrauensvollen Umgang. Diese Studie, die das Marktforschungsinstitut Statista jährlich gemeinsam mit Capital und dem „Stern“ erhebt, soll dabei helfen, den passenden Rechtsexperten zu finden. Mittels einer breit angelegten Befragung wurden zum fünften Mal die besten Kanzleien für Privatmandanten ermittelt. Sieben Rechtsgebiete werden in Capital abgebildet, weitere fünf lassen sich im „Stern“ nachlesen. Auf capital.de/rechtsanwaelte können gezielt Fachleute nach Rechtsgebieten und Regionen gesucht werden. 

Die Methode

Juristen können die Qualität ihrer Kollegen am besten einschätzen und wissen, auf wen Verlass ist und wer vor Gericht das meiste für seine Mandanten herausholt. Für die Studie in diesem Jahr wurden 30.622 Rechtsanwälte eingeladen, an einer Onlineumfrage teilzunehmen, die vom 4. Oktober bis zum 1. Dezember 2023 lief. 

Die Entscheidung

Pro Fachbereich konnten die Rechtsanwälte bis zu zehn Empfehlungen für Kanzleien abgeben. Eigennennungen waren tabu. Insgesamt 3791 Teilnehmer gaben ihr Votum ab. Auf die Bestenliste schafften es nur Kanzleien, die überdurchschnittlich häufig von Kollegen empfohlen wurden. Kanzleien mit nur wenigen Empfehlungen wurden dagegen nicht aufgenommen. Dies stellt keine Qualitätsaussage über Kanzleien dar, die nicht in der Liste vertreten sind. Je nach Rechtsgebiet sind die Bestenlisten unterschiedlich lang. Unterteilt wurden die Aufstellungen in regional und überregional vertretene Kanzleien.

Über Statista

Statista veröffentlicht regelmäßig weltweit etablierte Rankings und Unternehmens-Toplisten mit hochkarätigen Medienpartnern. Das führende Daten- und Business-Intelligence-Portal bietet Statistiken, geschäftsrelevante Daten und zahlreiche Markt- und Verbraucherstudien.

Das Gütesiegel

129 Kanzleien erhalten diesmal eine Topbewertung und können ein Siegel lizenzieren. Die Aufnahme in die Bestenliste ist unabhängig vom Erwerb des Siegels. Genauere Informationen zu den Bedingungen finden Sie unter capital.de/siegel.

16.05.2024 09:36
Wer zusammenzieht oder heiratet, kann auch zusammen eine Versicherung abschließen. Doch damit die im Schadensfall greift, kommt es auf Details an. Was für die wichtigsten Versicherungsarten gilt

© 2024 Ortsgemeinde Dackscheid