Capital Wirtschaftsnachrichten


04.08.2026 17:59
Versorgungswerke sollen die Altersvorsorge von Ärzten oder Anwälten sichern. Nicht immer geht es dabei professionell zu – dabei hantieren die Einrichtungen mit Milliarden  
04.08.2026 17:00
Der Ansturm auf kühlende Technik ist groß, doch Klimaanlagen und ihr Einbau sind nicht billig. Unter welchen Bedingungen gibt es Zuschüsse vom Staat?
04.08.2026 16:21

BP, Aramco und die anderen großen Ölkonzerne profitieren von den hohen Preisen für das schwarze Gold. Die Gewinne sprudeln, dass es selbst US-Präsident Trump zu viel wird

Die stark gestiegenen Ölpreise füllen die Kassen der Ölkonzerne. Der Gewinn des britischen Mineralölkonzerns BP stieg im zweiten Quartal um mehr als das Doppelte, der saudi-arabische Ölriese Aramco steigerte seinen Gewinn um 44 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. In den vergangenen Tagen hatten bereits Shell sowie ExxonMobil und Chevron in den USA hohe Profite gemeldet.

BP teilte am Dienstag mit, der Gewinn sei auf 3,9 Mrd. Dollar (3,4 Mrd. Euro) gestiegen, der Umsatz um 47 Prozent auf 70,1 Mrd. Dollar. Die Ergebnisse von April bis Juni spiegelten die höheren Verkaufspreise für Öl und Gas wider. Grund seien aber auch „verbesserte Raffineriemargen und eine bessere Leistung im Kundengeschäft“.

Die großen Ölkonzerne profitieren seit Monaten von den Marktturbulenzen, die durch den Konflikt zwischen den USA und dem Iran ausgelöst wurden und zu einer Verknappung des weltweiten Angebots geführt haben. Das ließ den Ölpreis steigen und die Gewinne bei Konzernen wie Shell, Exxon Mobil oder Aramco sprudeln.

Aramco, eines der wertvollsten Unternehmen der Welt, teilte mit, der Gewinn sei im zweiten Quartal auf 122,6 Mrd. Riyal (32,7 Mrd. Dollar) gestiegen. „Trotz der beispiellosen Versorgungsstörungen über die Straße von Hormus haben wir erneut unter Beweis gestellt, dass wir in der Lage sind, die Kontinuität unserer Geschäftstätigkeit zu gewährleisten“, erklärte Aramco-Chef Amin Nasser. Aramco lieferte täglich Millionen Liter Rohöl über die Ost-West-Pipeline. Sie verbindet die Anlagen des Unternehmens am Persischen Golf mit den Exportterminals am Roten Meer.

Trump: Ölkonzerne machen „zu viel Geld“

Mehrere Ölkonzerne meldeten bereits hohe Gewinne im zweiten Quartal von April bis Juni. Shell verdreifachte seinen Gewinn auf 10,8 Mrd. Dollar (rund 9,4 Mrd. Euro) im zweiten Quartal, wie das Unternehmen am Donnerstag voriger Woche bekanntgab. Am Freitag veröffentlichten die US-Konzerne ExxonMobil und Chevron ihre Quartalszahlen – ExxonMobil konnte den Gewinn auf 14,5 Mrd. Dollar mehr als verdoppeln, Chevron verfünffachte den Gewinn auf 12,1 Mrd. Dollar.

US-Präsident Donald Trump sagte am Montag, die Ölkonzerne machten zu viel Geld. „Das gefällt mir nicht“, sagte Trump vor Reportern. In den USA sind die Spritpreise seit Beginn des Irankriegs um mehr als 37 Prozent gestiegen – für Trump und seine Republikaner ein Problem vor den Kongresswahlen im November. Trump forderte die Branche auf, dazu beizutragen, die Kraftstoffpreise niedrig zu halten.

04.08.2026 15:53

Die niedrigen Pegelstände der Donau gefährden in Ungarn und Rumänien die Stromversorgung. Mit einer ungewöhnlichen Maßnahme versuchen die Rumänen ihre Stromproduktion zu schützen

Die niedrigen Pegelstände der Donau gefährden in Ungarn und Rumänien die Stromversorgung. Mit einer ungewöhnlichen Maßnahme versuchen die Rumänen ihre Stromproduktion zu schützen

04.08.2026 14:45

Sie war Deutschlands jüngste Sterneköchin, heute führt Maria Groß eine kleine, hochpreisige Speisewirtschaft. Im Interview spricht sie über Fachkräftemangel und die Frage, warum gute Küche ihren Preis haben muss

2013 wird Maria Groß mit gerade einmal 34 Jahren als jüngste Köchin Deutschlands mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet. Nur zwei Jahre später schlägt sie einen neuen Weg ein und eröffnet gemeinsam mit ihrem Mann die „Bachstelze“ bei Erfurt. Statt Wachstum setzt sie auf ein kleines Team, feste Menüs und eine Kalkulation, die den Aufwand hinter Qualität und Handwerk nach eigener Aussage widerspiegelt. „Essen ist Politik“, sagt Groß. Denn Verbraucher müssten wieder verstehen, wie viel Arbeit und Wert hinter Lebensmitteln stecken. „Haute Couture“, maßgeschneiderte Küche, habe ihren Preis. Für sich hat sie daraus Konsequenzen gezogen: Die „Bachstelze“ sei heute kein klassischer Restaurantbetrieb mehr, sondern ihr persönliches „Taka-Tuka-Land“ – ein Lebensmodell. Im Gespräch mit ntv.de spricht sie über Fachkräftemangel, neue Führungskultur und die wirtschaftlichen Herausforderungen der Branche – und darüber, warum Gastronomie weit mehr serviert als ein Tellergericht.

Frau Groß, Sie waren nicht einfach zu erreichen. Lesen Sie Ihre Mails so selten – oder kommen Sie einfach nicht mehr aus der Küche heraus?
MARIA GROSS: (lacht) Das liegt daran, dass mein Mann das Büro macht. Wir haben eine klare Prioritätenliste: Alles, womit wir unmittelbar Geld verdienen, kommt zuerst. Eine Reservierung oder Hochzeitsanfrage hat natürlich Vorrang vor einer Interviewanfrage. Und weil wir den Betrieb über die Jahre immer weiter verkleinert haben, bleibt manches eben liegen. Das ist nichts Persönliches.

Sie waren Deutschlands jüngste Sterneköchin, in Kochshows im Fernsehen zu sehen und haben viel Aufmerksamkeit genossen. Warum haben Sie auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere der Sterneküche den Rücken gekehrt? 
Irgendwann saß ich in einem goldenen Käfig, der mir die Luft zum Atmen genommen hat: Als Angestellte eines großen Betriebs hatte ich neben dem Fine Dining ein Restaurant – inklusive Catering – mit 1000 Sitzplätzen und ein gutbürgerliches Restaurant mit noch einmal 100 Sitzplätzen für Busgruppen zu leiten. Das war Schwerstarbeit. Der Stern war die große Kür, und die ist mir gelungen. Aber ich war irgendwann mehr Bürokraft und Mutti für alles als Köchin.

Was wollten Sie stattdessen?
Ich wollte keine Marionettenspielerin mehr sein. Und ich wollte wieder selbst Entscheidungen treffen, näher an den Menschen sein und wieder selbst kochen.

Und das gelingt mit dem Konzept der „Bachstelze“ auf dem Land am Rande von Erfurt?
Ja. Wobei ich gar nicht von einem Konzept sprechen würde. Es ist eher ein Lebensmodell. Mein Mann und ich leben im selben Haus, in dem wir arbeiten. Wir laden Menschen ein, ein Stück „Bachstelzen“-Welt kennenzulernen. Wir haben uns so etwas wie ein Taka-Tuka-Land geschaffen und nehmen uns selbst nicht so wichtig. Die Gäste sollen sich wohlfühlen – nicht wir gefeiert werden.

War das Modell zunächst ein Flop oder warum haben Sie Ihren Betrieb immer weiter verkleinert?
Weil es wirtschaftlich und personell irgendwann gar nicht mehr anders ging. Vor zwei Jahren hatten wir noch Festangestellte. Aber gutes Personal zu finden, war schwierig und teuer. Heute arbeiten wir mit Minijobbern, Teilzeitkräften und Studenten. Wir schauen nicht mehr zuerst auf Lebensläufe, sondern darauf, was jemand kann und wie er oder sie zu uns passt. Und bringen dann das bei, was nötig ist.

Der Fachkräftemangel zwingt also selbst eine Sterneköchin zum Umdenken?
Definitiv. Jemand, der alles kann– Service, Küche, Organisation und nebenbei noch Kisten tragen –, den gibt es so heute kaum noch. Zwar gibt es einzelne Talente, aber ein Gesamtpaket aus Motivation, Belastbarkeit und Flexibilität ist selten geworden. Vollzeit arbeiten will kaum einer mehr. Deshalb war unsere Lösung: kleiner werden und selbst mehr arbeiten. Das klingt romantisch, ist es aber nicht. Gastronomie läuft 24 Stunden am Tag. Einkauf, Vorbereitung, Nachbereitung – das sieht niemand. Bandscheibenvorfälle sind vorprogrammiert. Ich habe aber keine andere Lösung dafür. Wenn ich eine hätte, würde ich ein Franchise aufmachen. Oder in die Politik gehen! (lacht)

Und wie funktioniert dieses Modell im Alltag?
Nicht so, wie viele ihn noch kennen. Wir arbeiten bewusst mit offenen Lücken. Kein „Pinguin-Service“, dennoch zugewandt und aufmerksam. Dabei sind wir konservativer, als es vermuten lässt.

Was muss sich ändern, damit die Arbeit in der Gastronomie wieder attraktiv ist?
Wir müssen ehrlich sein: Gastronomie ist harte Arbeit. Früher habe ich wie die Chefs geführt, bei denen ich selbst gelernt habe: laut, autoritär, von oben herab. Das funktioniert heute nicht mehr. Autorität entsteht nicht mehr automatisch durch eine Position oder Auszeichnungen. Menschen müssen freiwillig zu dir aufschauen. Früher habe ich gebrüllt wie die Löwen, die mich klein gemacht haben. Heute weiß ich: So erreichst du niemanden mehr.

Und Ihre Mitarbeiter respektieren Sie?
(Lacht) Ich bin definitiv die Bienenkönigin. Die Leute wissen schon, wer hier die Chefin ist. Aber sie wissen eben auch, dass ich selbst jeden Tag in der Küche stehe.

Sie servieren ein festes Menü, obwohl Gäste heute zunehmend spezielle Wünsche haben und immer individueller essen möchten. Warum funktioniert das?
Weil wir dadurch besser kalkulieren und uns auf das konzentrieren können, was wir wirklich gut können. Vielleicht macht das auch einen Besuch bei uns so spannend. Natürlich berücksichtigen wir Allergien. Aber grundsätzlich sagen wir: Vertrau uns. Es ist ein wenig wie Theater. Wenn du Shakespeare buchst, erwartest du auch keine moderne Avantgarde-Inszenierung. Bei uns buchen Sie drei Stunden „Stelzen“-Urlaub. Mama kocht, mein Mann macht den Service – und wir versuchen, den Menschen eine gute Zeit zu bereiten.

Sie verbinden Regionalität und Nachhaltigkeit mit Wirtschaftlichkeit. Viele Gastronomen empfinden genau das als Widerspruch. Wie gelingt Ihnen das?
Wir sind nicht perfekt. Ich bin allein in der Küche und muss pragmatisch arbeiten. Während Corona haben wir einen großen Acker bewirtschaftet. Das war toll – aber neben einem Restaurant schlicht nicht dauerhaft zu schaffen. Manchmal muss man auch sagen dürfen: Gute Idee, hat aber nicht funktioniert. Wir arbeiten heute mit regionalen Herstellern zusammen, die gute Bio-Qualität anbieten.

Ihr Restaurant ist hochpreisig. Eigentlich wollen Sie durch gemeinsames Essen einen Ort der Begegnung für möglichst viele Menschen schaffen. Wie erklären Sie den Menschen diese Preise?
Wenn der Staat nicht so viel mitverdienen würde, könnte ich manches deutlich günstiger anbieten. Aber ich zahle gute Löhne, arbeite mit regionalen Lieferanten und halte mich an alle Regeln. Das kostet Geld. Ich möchte Genuss bieten. Auch der hat seinen Preis. Wir machen hier Haute Couture, maßgeschneiderte Küche. Das mag und versteht nicht jeder. Wenn der Gast am Ende sagt: „Es war teuer – aber es war geil“, dann habe ich mein Ziel erreicht.

Sie sind durch Fernsehsendungen wie „Kitchen Impossible“ bekannt geworden. Wie wichtig war das für Ihr „Lebensmodell“?
Sehr wichtig. Tim Mälzer war mein Türöffner. Für die Marke war das Gold wert. Aber heute weiß ich auch: Nicht jede Aufmerksamkeit hilft meinem Restaurant.

Warum nicht?
Früher habe ich mit völligem Quatsch leichter Geld verdient als heute wieder mit echter Arbeit. Fernsehen zahlte früher oft besser als zwölf Stunden in der Küche. Aber für mein Restaurant bringt es wenig, wenn ich um 20:15 Uhr irgendwo im Fernsehen auftauche. Für die Marke Maria Groß schon, aber um die „Bachstelze“ zu füllen, eher weniger. Entscheidend sind Menschen, die sich wirklich für gutes Essen, Regionalität und meine Haltung interessieren. Vielleicht bin ich die Pippi Langstrumpf der Szene. Ich mache einfach mein eigenes Ding – natürlich mit Unterstützung meines Teams.

Sie betonen oft Ihre ostdeutsche Herkunft. Was bedeutet sie für Ihre Arbeit?
Es sind meine Wurzeln. Ich habe dadurch eine große Bodenständigkeit mitbekommen. Wenn etwas nicht funktioniert, suche ich eine Lösung. Wenn es keine Butter gibt, backe ich eben anders. Vielleicht macht uns das als kleinen Betrieb auch so wendig. Es gibt keine langen Entscheidungswege.

Welche großen Fehlentwicklungen sehen Sie in der Gastronomie, die zur heutigen Krise beigetragen haben? 
Wir haben die Ansprüche teilweise gesenkt. Unser Ziel war es, mehr Nachwuchs zu gewinnen. Dabei haben wir jedoch die Qualität aus den Augen verloren. Ein Beruf muss wertgeschätzt werden. Gleichzeitig wissen immer weniger Menschen, wie Lebensmittel überhaupt entstehen. Wer nie erlebt hat, wie viel Arbeit in einem Brot steckt, kann dessen Wert kaum einschätzen. Ganz zu schweigen von dem des Rinderfiletsteaks. Essen ist Politik und das gehört eben auch zur Wahrheit dazu, die der Endverbraucher wissen sollte. Es macht einen Unterschied, ob ein Lebensmittel durch Menschenhand entsteht oder industriell gefertigt wird.

Während viele klassische Restaurants kämpfen, wächst die Systemgastronomie. Ist das nicht eher die Zukunft?
Sie ist effizient. Aber sie kann nicht ersetzen, was individuelle Gastronomie ausmacht. Wir verkaufen eben nicht nur Essen, sondern Emotionen. Ein Roboter kann einen Teller bringen und Convenience-Food zubereiten. Aber er kann keinen Gast auffangen, der einen schlechten Tag hatte. Genau darin liegt die Zukunft individueller Gastronomie: in der Kombination aus Handwerk und dem Gespür für Menschen.

Würden Sie anderen Gastronomen, die in der Krise ums Überleben kämpfen, nach allem, was Sie erzählen, zu Ihrem Modell raten?
Grundsätzlich schon. Aber nur, wenn jemand wirklich dafür brennt. Es funktioniert nur mit 100 Prozent Einsatz.

Haben Sie einen Rat für junge Menschen, die heute ein Restaurant eröffnen wollen?
Sie müssen akzeptieren, dass Fehler dazugehören. Entscheidend ist, daraus zu lernen. Und sie müssen Menschen mögen.  

Wie fühlt es sich an, jeden Abend neben dem Essen auch noch Emotionen zu „verkaufen“?
Das ist Schwerstarbeit. Jeder Gast bringt seine eigene Geschichte mit. Manche kommen gestresst, andere traurig oder erschöpft. Unsere Aufgabe ist es, sie für ein paar Stunden aus ihrem Alltag herauszuholen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der viele nur noch bedient werden wollen. Aber kaum jemand möchte noch dienen. Vielleicht brauchen wir genau davon wieder etwas mehr.

Der Beitrag ist zuerst bei ntv.de erschienen. Das Nachrichtenportal gehört wie Capital zu RTL Deutschland.

04.08.2026 13:01

Die Frührente mit 63 ohne Abschläge ist beliebt, gilt als gerecht, doch das ist sie nicht: Sie bevorzugt Rentner, die schon viel haben. Der neue Streit untergräbt eine sichere Rente.

Wer 45 Jahre geschuftet oder zumindest so viele Versicherungsjahre zusammenhat, der soll ohne Abschläge in Rente können. So regelt es aktuell die sogenannte Rente mit 63 (auch wenn das Mindestalter inzwischen auf 64,5 Jahre gestiegen ist). Das klingt fair und entspricht dem Gerechtigkeitsempfinden sehr vieler. Aber es beruht auf einem Denkfehler: Dem Rentensystem ist es egal, wie lange jemand gearbeitet hat. Wer kürzer arbeitet und mehr einzahlt, leistet genauso viel für den Generationenvertrag – und kriegt genauso viel an Rente heraus. Oder sollte es jedenfalls.

Das Problem ist nämlich: Wer zwei Jahre früher abschlagsfrei in Rente gehen kann, weil er die 45 Beitragsjahre zusammen hat, bekommt auch zwei Jahre länger seine Rente ausgezahlt. Und belastet damit das Rentensystem stärker als alle anderen, die normal in Rente gehen. Die zwei Jahresrenten on top sind schlicht geschenkt, rund 9,5 Mrd. Euro im Jahr kostet das, wie das DIW in einer Studie im Frühjahr berechnet hat. Dass die abschlagsfreie Frührente im Zuge der Rentenreform gestrichen werden soll, ist richtig. Und dass diesen Kompromiss nun ausgerechnet CDU-Ministerpräsidenten infrage stellen, ist fatal.

Aus dem Rentenjahrgang 1957 haben fast 300.000 Rentner von insgesamt gut einer Million diese Regel in Anspruch genommen. Sie bekamen laut DIW zum Renteneintritt im Schnitt 1649 Euro – und damit 109 Euro mehr, als wenn sie mit den aktuellen Abschlägen in Rente gegangen wären, die für alle anderen gelten.

Alle anderen verzichten auf 29 Euro Rente

Bleibt die Frage: Wer bezahlt das eigentlich? Tatsächlich schießt der Bund aus Steuergeldern Mittel zu für die Maßnahme. Nehmen wir einmal an, er würde stattdessen das Geld an alle Altersrentner verteilen. Dann bekämen die besonders langjährig Versicherten jeder 48 Euro mehr (solange sie nicht in Frührente gehen), die übrigen Altersrentner 29 Euro mehr. Das liegt daran, dass die Gruppe der restlichen Altersrentner im Schnitt nur auf 998 Euro Monatsrente kommt.

Mit anderen Worten: Alle anderen Altersrentner müssen auf 29 Euro pro Monat verzichten, damit die langjährig Versicherten abschlagsfrei in Rente gehen dürfen.

Die Rente ist längst nicht mehr auskömmlich. Um im Alter den gewohnten Lebensstandard zu halten, braucht es als Ergänzung eine Riesterrente, eine Betriebsrente oder eine rein private Vorsorge. Für alle Sonderrechte kommt am Ende letztlich die Gemeinschaft der Rentner in Form eines niedrigeren Rentenniveaus auf, oder die der Beitragszahler in Form von höheren Lohnnebenkosten. 

Oder die Steuerzahler, die nicht mal alle rentenversichert sind. Und trotzdem in den kommenden Jahren die Stabilisierung des Rentenniveaus finanzieren müssen.

Dazu kommt: Wer 45 Rentenjahre zusammenhat, hat ohnehin eine höhere Rente zu erwarten als diejenigen, die wegen Arbeitslosigkeit, Selbstständigkeit oder Minijobs auf weniger Jahre kommen. Auch die These, Menschen mit 45 Rentenjahren hätten härter gearbeitet, ist inzwischen widerlegt: Tatsächlich sind es eher Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit kürzerer Erwerbsbiografie, die in aufreibenden Jobs arbeiten – und gerade deshalb oft die 45 Jahre nicht vollkriegen.

Die Debatte gefährdet den Rentenkompromiss

Seit zwölf Jahren haben SPD und CDU/CSU in der Rentenpolitik nur noch Geschenke verteilt, anstatt die Finanzierung der Renten wieder auf sichere Beine zu stellen. Der große Rentenkompromiss des Koalitionsausschusses von Anfang Juli, in dem sich die Regierungsparteien verpflichtet haben, die Empfehlungen der Alterssicherungskommission vollständig umzusetzen, ist eine historische Chance, dieses Versäumnis zu beheben. 

Dass nun ausgerechnet mit Michael Kretschmer aus Sachsen, Sven Schulze aus Sachsen-Anhalt und Mario Voigt aus Thüringen drei CDU-Ministerpräsidenten aus dem Osten die Debatte neu aufmachen, ist nur mit der Angst vor der AfD zu erklären. Schließlich war die CDU schon immer gegen die abschlagsfreie Frührente und die Hauptprofiteure sitzen auch nicht im Osten des Landes. Es sind gut situierte Facharbeiter in bislang sicheren Jobs, die eher im Westen zu finden sind.

Und wie soll eigentlich die SPD das Streichen der abschlagsfreien Frührente noch verteidigen, wenn dies ausgerechnet von CDU-Politikern hintertrieben wird? Die Debatte gefährdet daher im Kern den Rentenkompromiss – und damit sichere Renten in der Zukunft. Die drei Ministerpräsidenten Kretschmer, Schulze und Voigt tun ihren Wählern deshalb auch keinen Gefallen. Sie sollten sich was schämen.

Dieser Artikel ist eine Übernahme des Stern, der wie Capital zu RTL Deutschland gehört. Auf Capital.de wird er sechs Monate hier aufrufbar sein. Danach finden Sie ihn auf www.stern.de.

04.08.2026 11:58
Billiger war der Einstieg in den Aktienmarkt noch nie: ETF-Anbieter unterbieten sich derzeit mit immer niedrigeren Gebühren. Was hinter dem Preiskampf steckt – und warum Anleger bei den Angeboten genau hinschauen sollten
04.08.2026 11:35

Angesichts der vielen globalen Störfaktoren war kaum Optimismus angebracht. Umso erstaunlicher ist, wie gut viele Konzerne im ersten Halbjahr abgeschnitten haben — nur die Autoindustrie nicht

Angesichts etlicher krisenhafter Entwicklungen in der Welt konnte man nicht optimistisch auf die jetzt langsam zu Ende gehende Berichtssaison zum ersten Halbjahr blicken. Daher ist es bemerkenswert, wie anpassungsfähig und robust viele börsennotierte Unternehmen der allgemeinen Unbill trotzen. 

Nehmen wir etwa den Energiekonzern Shell aus Großbritannien. Dort produzierten dessen Raffinerien mit einem Auslastungsgrad von 102 Prozent der normalen Spitzenkapazität. Vor allem fokussierten sich die Briten auf die Produktion von Kerosin und Diesel – beides knappe Güter. Ähnlich gingen andere Ölunternehmen vor. Manche von ihnen verschoben Instandhaltungsmaßnahmen und Modernisierungen in ihren Produktionsstätten, um zum Wohle der Kunden und der Eigentümer auf die aktuellen Engpässe zu reagieren. So etwa PBF Energy aus New Jersey.

Eher erwartungsgemäß lief es in der Halbleiterindustrie. Alle wesentlichen Marktteilnehmer berichteten über starke Nachfrage nach Computerchips. Überdies vermeldeten Taiwan Semiconductor, Micron, Nvidia, Infineon, Texas Instruments, Marvell Technology, Intel, STMicroelectronics, Samsung Electronics, SK Hynix etc. volle Auftragsbücher für die kommenden Jahre. 

Spannend verlief auch die Berichtssaison bei Software- und Internetaktien. Besonders der Ausbau des Cloud-Geschäftes trieb die Zahlenwerke von SAP, Microsoft, Alphabet und Amazon an. Derweil trat die Substitution klassischer Software durch Lösungen der Künstlichen Intelligenz bislang nicht in dem Umfang ein, wie das mancherorts befürchtet wurde. Interesse zog die Berichterstattung des iPhone-Herstellers Apple auf sich. Während die Dienstleistungen des Unternehmens schwächelten, konnten aufgrund von Komponentenmangel nicht die Anzahl an Telefonen und Computern verkauft werden wie gewünscht. 

Problemfall Autoindustrie

Wenig Erfreuliches war auch aus dem Automobilsektor zu vernehmen. Deutsche Hersteller verlieren rasch Marktanteile in China und die Zollsituation in Amerika hat den dortigen Markt schwieriger gemacht. Zudem stören inkonsistente Staatseingriffe die wahre Struktur von Angebot und Nachfrage. Während etwa in den USA staatliche Förderungen für Elektroautos zusammengestrichen wurden, werden solche Fahrzeuge in Deutschland und Europa stark durch steuerliche Privilegien und Förderprogramme bezuschusst. 

Überraschend positive Signale sendete der Chemiesektor aus. Branchenriesen wie BASF, LyondellBasell und Dow Chemical berichteten über bessere Verkaufspreise für ihre Chemikalien. Zudem scheinen die vielen Restrukturierungsmaßnahmen erwünschte Wirkungen zu entfalten. Bei BASF zeigen sich erste Früchte der Strategie, Neuinvestitionen auf Nordamerika und China zu konzentrieren, um die dortigen Standortvorteile zu nutzen. 

Stark präsentierte sich im ersten Halbjahr auch der Finanzsektor. Banken und Broker profitieren von höheren Zinsen und gestiegenen Handelsaktivitäten an den Kapitalmärkten. Ein Übriges trug die hohe Anzahl von Unternehmensübernahmen bei. Mit einer Fortsetzung dieses Trends wird gerechnet.

04.08.2026 10:35

Trotz höherer Umsätze kann die Lufthansa die steigenden Treibstoffkosten nicht auffangen. Das bereinigte operative Ergebnis fällt um mehr als die Hälfte – die Aktie reagiert mit deutlichen Verlusten

Die mit dem Irankrieg gestiegenen Kerosinkosten und ein einwöchiger Streik im April haben die Lufthansa im zweiten Quartal schwer belastet. Das bereinigte Betriebsergebnis (Ebit) brach um 56 Prozent auf 383 Mio. Euro im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein, wie das Unternehmen am Dienstag mitteilte. Wegen der Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Ölpreise und des Trends zu sehr kurzfristigen Buchungen schließt der MDax-Konzern einen operativen Gewinnrückgang im Gesamtjahr nicht mehr aus. Die Prognose änderte die Lufthansa auf eine Spanne von 1,7 bis 2,2 Milliarden nach 2,0 Mrd. Euro im Vorjahr. Bislang hatte sie das obere Ende angepeilt.

Der skeptischere Ausblick brockte der Aktie mit einem Minus von mehr als zehn Prozent den stärksten Rückgang seit viereinhalb Jahren ein. Händler wiesen zudem auf enttäuschende Zahlen bei den flüssigen Mitteln hin – im zweiten Quartal verbrannte die Lufthansa 365 Mio. Euro, bekräftigte aber die Jahresprognose eines Free Cashflow von rund 900 Mio. Euro.

Die Lufthansa verdiente von April bis Juni trotz eines Umsatzanstiegs um acht Prozent auf 11,1 Mrd. Euro weniger als erwartet: Analysten hatten einen Gewinnrückgang auf rund 400 Mio. Euro erwartet. Die Marge sank entsprechend um fünf Prozentpunkte auf 3,4 Prozent – weit entfernt von dem mittelfristigen Ziel von acht bis zehn Prozent. Die höheren Kerosinpreise schlugen trotz umfangreicher Absicherung gegen Preisausschläge mit zusätzlichen Kosten von 750 Mio. Euro ins Kontor. Zusätzlich belastet wurde das Ergebnis mit 150 Mio. Euro von den sechs Streiktagen der Cockpit-Beschäftigten. Unter dem Strich flog die Lufthansa nur noch 123 Mio. Euro Gewinn ein, ein Rückgang um 88 Prozent zum Vorjahreszeitraum, da Bewertungs- und Steuereffekte belasteten.

Lufthansa-Konkurrenten schlagen sich besser

Lufthansa-Chef Carsten Spohr sprach von einem anspruchsvollen Quartal mit Krisen und geopolitischer Unsicherheit. Trotz verbesserter Auslastung und höherer Durchschnittserlöse, eines Gradmessers für die Ticketpreise, wurden die gestiegenen Treibstoffkosten nicht vollständig kompensiert. Die Nachfrage nach Flugreisen sei global aber ungebrochen, vor allem im Premium-Segment und auf Asien-Strecken. Die hohen Investitionen in Premium-Angebote an Bord wie die neuen Sitzplätze und mehr Zusatzservices begännen sich auszuzahlen, ergänzte Spohr.

Die gesamte Luftfahrt leidet unter dem Ende Februar begonnenen Krieg Israels und der USA gegen den Iran, weil die Ölversorgung durch die Kämpfe in der Straße von Hormus massiv gestört ist und dies die Kerosinpreise in die Höhe treibt. Trotz preislicher Absicherung von 80 Prozent ihres Spritbedarfs wird die Lufthansa härter getroffen als die anderen beiden großen europäischen Airline-Gruppen. Beim britisch-spanischen Konzern IAG sank das operative Ergebnis im zweiten Quartal um ein Viertel, bei Air France-KLM um ein Drittel. Beide schraubten das Kapazitätswachstum zurück. Ähnlich wie die Konkurrenten erwartet die Lufthansa für das Gesamtjahr einen deutlichen Anstieg der Treibstoffkosten um mehr als eine Milliarde auf 8,66 Mrd. Euro.

Schrumpfende Kapazitäten

Das Sitzplatzangebot der Airlines wie Lufthansa, Swiss, Austrian Airlines oder ITA Airways bleibt auf Jahressicht unverändert, statt wie geplant um bis zu zwei Prozent zu steigen. Das liegt an den gestrichenen Flügen in die Nahost-Region wie den ausgefallenen Dubai-Strecken der Tochter Eurowings. Auch der gezielte Abbau von Kurzstreckenflügen infolge der Schließung der Tochter Cityline spielt eine Rolle. Mit ihren zehn Airlines beförderte die Lufthansa-Gruppe 35,6 Millionen Fluggäste, vier Prozent weniger als vor Jahresfrist. Die Netzwerkairlines boten im zweiten Quartal drei Prozent weniger Sitzplätze an, beim Ferienflieger Eurowings schrumpfte das Angebot um sechs Prozent. Die Jahresprognose sieht aber Wachstum im zweiten Halbjahr vor.

In der Luftfracht und der Flugzeugwartung konnte die Lufthansa den Betriebsgewinn hingegen steigern. Lufthansa Cargo profitierte von höheren Frachtraten und zusätzlicher Kapazität durch die seit diesem Jahr integrierte italienische Tochter ITA Airways. „Gerade in einem volatilen Umfeld zeigt sich: Unser Geschäftsmodell ist robust, anpassungsfähig und zunehmend resilient“, sagte Spohr.

Transparenzhinweis: Der Beitrag wurde aktualisiert.

04.08.2026 09:00
Die Hitze bringt viele Menschen um den Schlaf – und lässt das Interesse an Klimaanlagen sprunghaft steigen. Doch wann lohnt sich die Anschaffung für Eigentümer und was kostet sie? Ein Sanierungsexperte klärt auf
04.08.2026 07:30

KI löst keine Führungsprobleme, sie legt sie bloß. Die eigentliche Aufgabe für Unternehmen lautet deshalb nicht: Welche Tools kaufen wir? Sondern: Welche Strukturen müssen zuerst weg?

In den Vorstandsetagen herrschte bis vor kurzem fast so etwas wie Goldgräberstimmung. Millionenbudgets wurden für KI, digitale Agenten und autonome Workflows freigegeben. Wer heutzutage kein „AI First“ im Geschäftsbericht stehen hatte, galt als gestrig. 

Aber auch hier lohnt ein genauer Blick: Es ist ein wenig wie an Weihnachten, wo man stylische Geschenke erhofft und dann doch nur schreiend bunte Socken bekommt. (Und auch da muss man dann gute Miene zum bösen Spiel machen.)

Und die Wunschliste des Managements an KI ist lang. Sie soll strategische Entscheidungen beschleunigen, Klarheit in den Datenwust bringen, bislang übersehene Potenziale andeuten und nicht zuletzt auch ein wenig Performancedruck gegenüber den Beschäftigten ausüben. 

Aber: Sogar wenn KI das alles leisten würde (wovon wir in der Praxis noch weit entfernt sind), muss das Ergebnis einer Analyse weiterhin durch drei Hierarchieebenen, zwei Lenkungskreise und eine Absicherungsschleife gedrückt werden. Das ist Produktivitätstheater in Reinkultur.

Das Kernproblem: Beschleunigte Verkrustung statt Transformation

Viele Entscheider unterliegen immer noch dem naiven Glauben, man könne organisationale Führungsprobleme durch den Einkauf moderner Software lösen. Das ist ein Irrtum. Was wir daher in Unternehmen bräuchten, wäre mehr systemtheoretische Kompetenz. Deren Galionsfigur Niklas Luhmann schrieb einst: „Technik ist funktionierende Simplifikation. Sie setzt jedoch voraus, dass das System, in dem sie angewendet wird, überhaupt zur strukturellen Vereinfachung fähig ist.“

Und diese „strukturelle Vereinfachung“, diese Reduktion von Komplexität haben viele Unternehmen leider oft nicht drauf. Sonst gäbe es keine überbordende Bürokratie, keinen Meeting-Wahnsinn und keine komplett überlasteten Mitarbeiter. Technologie verändert keine Machtstrukturen, kein Silodenken und keine Angstkultur – sie macht diese Defizite lediglich schneller und teurer sichtbar.

Wer Hochtechnologie auf ein analoges, von Mikromanagement und Misstrauen geprägtes System pfropft, erhält keine agile Organisation, sondern lediglich eine automatisierte Bürokratie. Die KI verhungert in den Freigabeprozessen des letzten Jahrhunderts.

Die radikale Wende: Erst die Architektur, dann der Algorithmus

Auch beim Thema KI hilft ein „radikaler“, das heißt ein „Wesentlichkeit erzeugender“ Blick auf die Dinge, um das Hype-Evangelium der Tech-Berater zu entzaubern und die Kausalität wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen:

  1. Technologie skaliert nur das, was bereits da ist. Ein chaotischer Prozess wird durch KI nicht strukturiert, sondern schlicht blitzschnell ins Chaos skaliert. Eine ängstliche Führungskultur wird durch Algorithmen nicht mutiger, sondern versteckt sich künftig nur hinter datengestützten Vorhersagen.
  2. Wir sollten Entscheidungskompetenz radikal dezentralisieren. KI entfaltet ihren Nutzwert erst dann, wenn Mitarbeiter an der Front die operative Befugnis haben, auf Basis der Daten direkt zu handeln. Wer für jeden KI-gestützten Schritt eine Vorstandsvorlage braucht, kann sich die Lizenzkosten sparen.
  3. Vor dem Programmieren muss man entrümpeln. Bevor ein Cent in neue KI-Tools fließt, muss die Organisation strukturell entwässert werden: Freigabeschleifen streichen, Silos einreißen, defensive Berichtssysteme beerdigen.

Fazit

Künstliche Intelligenz ist kein Heilmittel für organisatorischen Wildwuchs oder fehlende Führungssouveränität. Führungskräfte müssen aufhören, Technologie als Bequemlichkeits-Ersatz für echte Organisationsentwicklung zu missbrauchen. Bevor Sie Millionen in Algorithmen investieren, brauchen Sie den Mut, Ihre analogen Entscheidungswege zu radikalisieren. Erst wenn die Struktur stimmt, fliegt auch die Technik.

03.08.2026 19:19
Mit kühnen KI-Wetten, schnellen Renditen und prominenten Investoren stieg der Deutsche Leopold Aschenbrenner zum Wunderkind des Silicon Valley auf. Dann brach fast alles zusammen – Rekonstruktion eines Milliarden-Fiaskos 
03.08.2026 17:24

Die Zahl der Menschen, die die sogenannte Rente mit 63 in Anspruch nehmen, hat alle Erwartungen übertroffen. Wie wirkt es sich aus, wenn diese Möglichkeit abgeschafft wird? Und wie, wenn sie bleibt?

Die „Rente mit 63“ ohne Abschläge steht auf der Kippe, doch Teile der Koalition wollen einen Todesstoß für diese beliebte Rentenart noch verhindern. Was würde es bedeuten, wenn es künftig die abschlagsfreie Rente für langjährig Versicherte nicht mehr gibt? Was ist mit anderen Frührenten? Und würden es die Reformpläne für eine Stabilisierung der gesetzlichen Rente für die kommenden Jahrzehnte überleben, wenn die Rentenart bleibt?

Was sagt die zuständige Ministerin? 

Sozialministerin Bärbel Bas (SPD) sagte beim ZDF-Sommerinterview: „Das hat die SPD auch immer vertreten und das ist auch richtig, dass Menschen, die sehr, sehr lange eingezahlt haben, die früh angefangen haben, die Möglichkeit haben müssen, auszusteigen.“ Die SPD meint, die Union sei am Zug, ihre Haltung zur „Rente mit 63“, heute faktisch mit 64,5 Jahren, zu klären.

Wer will die „Rente mit 63“ halten – wer ist für Abschaffung?

Mecklenburg-Vorpommerns um ihre Wiederwahl kämpfende Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) hatte schon kurz nach der Vorlage der Reformvorschläge im Juni eine Abschaffung als „ungerecht“ kritisiert. Nun haben – zuletzt per Brief – auch die Ost-CDU-Ministerpräsidenten die abschlagsfreie Frührente verteidigt, darunter der in Sachsen-Anhalt ebenfalls gegen einen möglichen AfD-Wahlsieg kämpfende Sven Schulze. Auch Saarlands Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) ist für Beibehaltung. Für ein Aus haben sich zuletzt CSU-Chef Markus Söder, Fraktionschef Thorsten Frei (CDU) und CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann ausgesprochen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gönnt sich gerade Urlaub.

Wie weit ist die Umsetzung der Vorschläge der Rentenkommission?

„Das BMAS arbeitet gerade an dem (...) Gesetzentwurf zur Rente“, teilt eine Sprecherin von Bas’ Sozialministerium mit. Ein Termin für die regierungsinterne Ressortabstimmung stehe noch nicht. Zur Erinnerung: Merz und Bas hatten bei der Entgegennahme der Kommissionsvorschläge im Juni eine Umsetzung ohne Abstriche angekündigt. Also auch von Empfehlung Nummer sechs: „Die Kommission empfiehlt, den abschlagsfreien Renteneintritt für besonders langjährig Versicherte abzuschaffen.“

Warum soll die „Rente mit 63“ abgeschafft werden?

Im Wesentlichen soll das 33-Punkte-Konzept der Rentenkommission aus Wissenschaft und Koalition eines erreichen: Der immer stärkere Übertritt der geburtenstarken Babyboomer-Generation in den Ruhestand soll die gesetzliche Rente nicht aus der Balance bringen. Zur abschlagsfreien Frühverrentung schreibt das Gremium, „dass von solchen Regelungen vor allem Besserverdienende, Gesündere und Männer profitieren, während Geringverdienende, Personen mit weniger stabilen Erwerbsverläufen und Frauen sie nicht in Anspruch nehmen (können).“ Die Abschlagsfreiheit führe zu höheren Renten zu Lasten der Gemeinschaft.

Was soll noch auf ältere Beschäftigte zukommen?

Laut Kommission eine Erhöhung des Alters für die ebenfalls frühere Rente für langjährig Versicherte nach 35 Jahren mit Abschlägen – von 63 auf 64 Jahre. Fast jede dritte neue Rente sei 2025 mit Abschlägen belegt gewesen, rund 18 Prozent entfallen auf diese Rentenart. Künftig soll das Eintrittsalter dafür parallel zur – ebenfalls geplanten – generellen Anhebung des Rentenalters steigen. Das Rentenalter soll bis 2041 auf 67,5 Jahre steigen.

Und wenn man sich einfach nicht mehr fit genug fühlt?

Alle, die wegen ihrer Belastungsgrenze eine Frührente erwägen, dürfte folgender Satz der Rentenvorschläge aufhorchen lassen: „Die Kommission empfiehlt, dass Menschen in rentennahen Jahrgängen, die nach einer individuellen Gesundheitsprüfung nachweislich nicht mehr in ihrem letzten langjährig ausgeübten Berufsfeld erwerbstätig sein können, einen vereinfachten Zugang zu einer Rente erhalten sollten.“ Betroffene sollen sich jedenfalls nicht mehr auf etwas Leichteres umschulen müssen.

Was ist die „Schutzrente“?

Bei Menschen, die in die zuletzt verbesserten Erwerbsminderungsrente gehen wollen, soll individuell geprüft werden, ob sie in ihrer beruflichen Leistung eingeschränkt sind. Der CDU-Abgeordnete Pascal Reddig wirbt auf X dafür, dass sie dann ohne Abschläge in eine „soziale Schutzrente“ gehen können sollen. Laut Kommission soll abschlagsfrei zwei Jahre vor der (bis 2041 auf 67,5 Jahre steigenden) Regelaltersgrenze und weitere drei Jahre vorzeitig mit Abschlägen in Rente gehen können, wer nicht mehr im letzten langjährigen Berufsfeld arbeiten kann.

Welche Bedeutung habe die Frührenten?

Schon bald nach der Einführung 2024 hatte die Inanspruchnahme der „Rente mit 63“ alle Erwartungen übertroffen. Im vergangenen Jahr gingen rund 356.000 Menschen mit dem Regelalter in Rente. Rund 262.000 nutzten die Rente nach 45 Versicherungsjahren ohne Abschläge, 238.000 die nach 35 Jahren mit Abschlägen. Laut Rentenversicherung kostete es zuletzt jährlich rund 13 Mrd. Euro, dass eigentlich fällige Abschläge dabei entfallen.

Was droht bei einer Beibehaltung der „Rente mit 63“?

Laut dem Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) das Ende der angekündigten Rettungsmission für die Rente. „Ohne dieses Element ist die Rentenreform tot“, so Marcel Fratzscher in der „Rheinischen Post“. Er taxierte die langfristigen Einsparungen einer Abschaffung auf rund zehn Milliarden Euro. Sie sei „finanziell das wichtigste Element“ der Reform.

03.08.2026 16:03
Der Wirtschaftsweise Martin Werding hat das Reformpaket für die Rente mit entworfen – und bleibt dabei: Die Rente mit 63 muss weg, sie sei ein Geschenk für Gutversorgte. Wenn die Union das Paket nun aufschnüre, gefährde das die gesamte Reform
03.08.2026 15:22

Erstmals in seiner Geschichte hat der Dax am Mittwoch die Marke von 26.000 Punkten geknackt. Angefangen hat die Geschichte des deutschen Leitindex 1988 bei 1000 Zählern – und es ging nicht immer nur aufwärts 

03.08.2026 14:46
Wer monatlich mit ETF spart, dessen Depot wird irgendwann die magische 100.000-Euro-Marke erreichen. Dann reagieren viele Anleger nicht mehr ganz rational, warnt Vermögensverwalter Christian Steigleder
03.08.2026 14:10

In der Pharmaindustrie bahnt sich womöglich ein Milliarden-Deal an: AstraZeneca und Bristol Myers Squibb sollen erste Gespräche über eine Fusion geführt haben. An den Märkten sorgte das sofort für Kursverluste

Die Pharmakonzerne AstraZeneca und Bristol Myers Squibb haben Insidern zufolge eine 400 Mrd. Dollar schwere Mega-Fusion ausgelotet. Erste Gespräche über einen Zusammenschluss zu einem der weltweit größten Branchenvertreter hätten bereits stattgefunden, sagte eine mit der Angelegenheit vertraute Person der Nachrichtenagentur Reuters. Zuerst hatte die „Financial Times“ darüber berichtet. Ob die Verhandlungen noch andauern, blieb zunächst unklar. AstraZeneca lehnte eine Stellungnahme ab, Bristol Myers Squibb reagierte zunächst nicht auf eine Anfrage.

An der Londoner Börse sorgten die Berichte für deutliche Kursverluste bei AstraZeneca. Die Aktie fiel am Montag im frühen Handel um 6,7 Prozent auf 117,90 Pfund und war damit das Schlusslicht im britischen Leitindex FTSE 100. Seit Jahresbeginn summiert sich das Minus auf 14,6 Prozent.

Ein Zusammenschluss dürfte allerdings auf erhebliche kartellrechtliche Hürden stoßen. Dem Insider zufolge gibt es Bedenken, wie die US-Wettbewerbsbehörden unter Präsident Donald Trump einen solchen Deal beurteilen würden. Trump drängt Unternehmen zu Investitionen und Produktion in den USA. Zudem würde mit AstraZeneca ein britisches Unternehmen einen großen US-Pharmakonzern übernehmen. Hinzu kommen deutliche Überschneidungen im Geschäft: Beide Unternehmen erzielen einen erheblichen Teil ihrer Umsätze mit Krebsmedikamenten, von denen einige direkt miteinander konkurrieren.

Stimmen die Wettbewerbsbehörden zu?

„Ich gehe davon aus, dass eine von Trump geführte US-Wettbewerbsbehörde FTC die Fusion genau prüfen wird“, sagte Kartellrechtsanwalt Andre Barlow von der DBM Law Group. Sollte es bei bestimmten Medikamenten zu großen Überschneidungen kommen, seien wohl bedeutende Verkäufe von Unternehmensteilen erforderlich.

Für Bristol Myers Squibb könnte ein Zusammenschluss auch strategisch attraktiv sein: Der Patentschutz für wichtige Medikamente wie das Krebsmittel Opdivo und den Blutverdünner Eliquis läuft voraussichtlich bis 2028 aus. Um drohende Umsatzeinbrüche abzufedern, hatte der Konzern bereits 2019 den Rivalen Celgene für rund 80 Mrd. Dollar übernommen. AstraZeneca-Chef Pascal Soriot, unter dessen 14-jähriger Führung sich der Aktienkurs mehr als vervierfacht hat, treibt unterdessen die Ausrichtung auf den US-Markt voran. Der Konzern hatte im vergangenen Jahr Pläne für eine direkte Notierung in den USA vorgestellt, um von den dortigen höheren Bewertungen zu profitieren.

Krebsmedikamente machten 2025 mit rund 25 Mrd. Dollar fast die Hälfte des Gesamtumsatzes der Briten aus. Bei Bristol Myers standen sie im ersten Halbjahr 2026 für mehr als 40 Prozent der Erlöse. Große Übernahmen waren in der Pharmabranche zuletzt selten. Gründe dafür sind kartellrechtliche Bedenken sowie der politische Druck in den USA, die Medikamentenpreise niedrig zu halten. Die nun bekannt gewordenen Gespräche kommen rund zwölf Jahre nach dem gescheiterten Übernahmeversuch des US-Konzerns Pfizer, den AstraZeneca damals erfolgreich abwehrte.

03.08.2026 12:33

Die niedrigen Pegelstände im Rhein und anderen Wasserstraßen sind teuer für Unternehmen. Sie müssen ihre Fracht auf mehre Schiffe aufteilen. Experten haben jedoch Lösungen für das Problem

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03.08.2026 11:35

Starke Quartalsberichte und sinkende Ölpreise sorgen für Aufwind am Aktienmarkt. Der Impuls für den Sprung über 26.000 Punkte kommt von neuer Hoffnung auf Entspannung im Konflikt USA-Iran

Die Hoffnung auf eine Annäherung der Kriegsparteien USA und Iran hat den Dax erstmals über die 26.000-Punkte-Marke getrieben. Der deutsche Leitindex stieg am Montagvormittag auf 26.005,10 Punkte, ein Plus von 1,47 Prozent im Vergleich zum Schlussstand am Freitag. Bereits kurz nach Handelsauftakt hatte der Dax das Anfang Juli erreichte Rekordhoch von 25.900,10 Punkten überschritten.

Am Montag sollen nach Angaben von US-Präsident Donald Trump Verhandlungen mit dem Iran beginnen. Angaben über den Ort oder die Teilnehmer machte er jedoch nicht. Die staatliche iranische Nachrichtenagentur Irna hatte zuvor unter Berufung auf den iranischen Außenminister Abbas Araghtschi berichtet, dass sich die Verhandlungen zwischen Teheran und dem Oman über die Straße von Hormus in der Endphase befänden. Bislang sei es jedes Mal verfrüht gewesen, auf einen Friedensdeal zu spekulieren, warnte Portfoliomanager Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners. „Doch es lebt die Hoffnung, dass diesmal tatsächlich ein Durchbruch gelingen wird.“

Trumps Ankündigung sorgte auch für Bewegung am Ölmarkt. Die Ölpreise sanken im asiatischen Handel bis zum frühen Morgen um rund sechs Prozent: Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate fiel um 6,6 Prozent auf 79,11 Dollar, der für ein Fass der Nordseesorte Brent um 5,7 Prozent auf 82,92 Dollar.

Gut laufende Berichtssaison 

Auftrieb gab es zuletzt durch eine deutliche Erholung von Technologieaktien in den USA und Asien. Aktien-Stratege Mislav Matejka von JPMorgan hob die bisher gut laufende Berichtssaison auf beiden Seiten des Atlantiks positiv hervor. Das Gewinnwachstum sei besser als am Markt erwartet. Alle Sektoren in den USA und fast alle in Europa zeigten ein im Vergleich zum Vorjahresquartal höheres Wachstum beim Ergebnis je Aktie.

Wie in den USA und Asien legten auch hierzulande vor allem Technologieaktien wieder spürbar zu, wobei vor allem auf starke Vorgaben von US-Technologiegiganten verwiesen wurde. Dort hatten jüngst erst Microsoft und dann auch Amazon mit ihren Quartalsberichten überzeugt.

Mitte Juli war der Dax bis auf rund 24.650 Punkte zurückgefallen, nachdem die Vereinigten Staaten den Iran wieder verstärkt angegriffen hatten und der Ölpreis der Nordseesorte Brent zeitweise wieder über die Marke von 100 Dollar gestiegen war.

03.08.2026 10:30
Deutschlands Aufrüstung darf kein nationaler Alleingang werden. Sonst schwächt er Europa, sagt Historikerin Liana Fix. Kanzler Merz sollte sich an Kohl und Schmidt orientieren.