Capital Wirtschaftsnachrichten


21.03.2026 18:55
KI soll zur Gewinnmaschine für die Finanzbranche und ihre Aktien werden. Start-ups und Branchengrößen stecken Milliarden in smarte Finanztools. Daraus ergeben sich Chancen für Anleger
21.03.2026 18:51
Die stürmische Entwicklung von KI erschüttert Branchen und Geschäftsmodelle, viele Aktien stürzen ab. Doch an der Börse gibt es dadurch auch attraktive Wachstumswerte
21.03.2026 16:00
Hinter den chaotischen Regalen von TK Maxx steckt ein ausgeklügeltes System: Hunderte Einkäufer jagen weltweit nach überschüssiger Markenware und handeln Rabatte von bis zu 90 Prozent aus. Ein Blick hinter die Kulissen
21.03.2026 14:00
2,06 Meter geballter Ehrgeiz: Alexander Schweitzer will für die SPD die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz gewinnen. Für die SPD ist er der letzte Hoffnungsträger
21.03.2026 12:00
Die Deutschen fliegen wieder mehr. Die Zahlen bleiben aber weit unter dem Vor-Corona-Niveau. In diese Länder sind Reisende 2025 am häufigsten geflogen
21.03.2026 11:00

Steigende Öl- und Gaspreise müssten doch alle Energieaktien nach oben treiben. Tatsächlich profitieren nur wenige Gewinner. Ein Blick auf die wahren Profiteure

Es mag Börsenbeobachter überraschen, aber nicht alle Aktien aus dem Energiesektor reagieren positiv auf die Preisanstiege bei Erdöl und Erdgas. Immerhin verhalten sich die Rohstoffmärkte so, wie man es von funktionierenden Märkten erwarten darf. Engpässe und Knappheiten führen zu deutlichen Preisanstiegen. Leider reagieren auch viele Politiker sehr erwartungsgemäß, indem sie durch aktivistische, unkundige Forderungen der Energiebranche schaden und sich selber in den Augen Kundiger blamieren. 

Positive Kursreaktionen zeitigten seit dem Angriff Israels und der USA auf den Iran vor allem fokussierte Kohlenstoff-Produktionsunternehmen. Zu nennen sind hier etwa die norwegischen Produzenten wie Equinor, Vår Energi und Aker BP. Gerade in der zweiten Reihe finden sich einige spektakuläre Kursaufschläge, so etwa bei Tullow Oil und Harbour Energy aus Großbritannien oder bei amerikanischen Schieferölproduzenten wie Kosmos Energy. 

Märkte preisen weiter schnelles Ende des Iran-Kriegs ein

Auch die großen integrierten Energiekonzerne mit Namen wie ExxonMobil, Chevron, Shell, BP und TotalEnergies wurden an der Börse höher bepreist. Neben der Produktion von Erdöl und Erdgas verfügen diese Unternehmen über bedeutsame Raffineriekapazitäten und der Engpass an Benzin, Diesel und Kerosin hat gerade diese Sparte beflügelt. An der strammen Kursentwicklung, überwiegend im Raffineriesektor tätiger Unternehmen wie Neste aus Finnland, Repsol aus Spanien und PBF Energy aus den USA, erkennt man die Ausweitung der Verarbeitungsmargen. Vor allem bei Kerosin und Diesel haben sich diese Margen zuletzt ausgeweitet. 

Eine Sondersituation ist derweil bei Verbio aus Zörbig in Sachsen-Anhalt eingetreten. Dabei geht es weniger um deren Produktion von Biodiesel als vielmehr um die gesetzlich geplante Einspeisung von ‚grünem‘ Methan-Gas in die deutschen Gasversorgungsnetze. Verbio-Aktionäre können sich darüber freuen. Die verheißene Förderung bescherte dem Papier seit Jahresbeginn einen Zuwachs in Höhe von ca. 60 Prozent.

Eher negativ reagierten Energiedienstleister wie SLB, Halliburton, DNOW, Técnicas Reunidas und Chiyoda aus Japan auf die jüngsten Entwicklungen. Am Ölmarkt geht man indes mehrheitlich davon aus, dass es keine grundsätzliche Knappheit an Erdöl und Erdgas gibt. Vielmehr sind die Transportprobleme durch die faktische Schließung der Straße von Hormus für die Lieferkettenprobleme verantwortlich. Ein Blick auf die Futures-Kurve beim Erdöl offenbart einen Markt in Backwardation. Der kurzfristige Terminkauf von Erdöl ist deutlich teurer als ein Kauf zu weiter in der Zukunft liegenden Terminen. Die Preisentwicklung von Erdöl, Erdgas, Dünger und anderen wichtigen Erzeugnissen aus dem Nahen Osten hängt nun maßgeblich davon ab, wann die Straße von Hormus wieder sicher mit Transportschiffen befahren werden kann. 

21.03.2026 10:00
Weltweit schwindet der Rückhalt beim Klimaschutz. Grüne Banken halten mit ihrem Geschäftsmodell dagegen. Capital hat nach den besten gesucht 
21.03.2026 08:00
Pharma-Aktien haben ein KI-Narrativ: Start-ups liefern die Technologie, Big Player machen daraus neue Blockbuster-Medikamente. Diese Wachstumswerte aus der Pharmabranche sind für Anleger lukrativ  
20.03.2026 17:58
Die Babyboomer besitzen viele Immobilien in Deutschland. Bald könnten eine Menge Häuser gleichzeitig auf den Markt kommen. Doch hinter dieser These steckt auch Makler-Kalkül
20.03.2026 15:46
KI verändert die Spielregeln an den Märkten – plötzlich sind alle intelligent. Fondsmanager Hendrik Leber erklärt, wo Chancen entstehen und warum Investoren trotzdem vorsichtig bleiben sollten
20.03.2026 14:45

Es war der Aufreger der Woche: Fast alles aus dem Sondervermögen für Investitionen wird anders verwendet als versprochen. Tatsächlich steckt da ein Skandal drin – aber ganz woanders als gedacht 

Manchmal machen die merkwürdigsten Begriffe eine erstaunliche Karriere. Etwa das Wörtchen „zweckentfremdet“. Mit empörtem Unterton signalisiert es sofort, dass irgendwo etwas gar nicht so läuft, wie es laufen sollte: Dass es wahrscheinlich einen Zweck gab, also ein höheres Ziel, dass aber die dafür vorgesehenen Mittel nicht richtig eingesetzt werden. Dem Zweck entfremdet eben. Aber der Begriff klingt auch nach: irgendwie umständlich und bürokratisch.  

Fast schon wieder komisch wirken da Zeilen wie: „Sondervermögen zweckentfremdet“. Schließlich handelt es sich beim Sondervermögen bekanntlich gar nicht um ein Vermögen, sondern um sehr viele neue Schulden, was dem „Sondervermögen“ kürzlich erst den Titel „Unwort des Jahres“ eintrug. Ein Vermögen, das gar keines ist, wird also so verwendet, dass es nicht mehr dem Zweck dient, für den es mal geschaffen wurde – alles klar, oder?  

Dieser Befund hat das Land in dieser Woche heftig umgetrieben. 95 Prozent, also fast alles, was im vergangenen Jahr vom neuen Schuldenvermögen ausgegeben wurde, hätten nicht ihrem ursprünglichen Zweck gedient, befanden Wissenschaftler des Wirtschaftsinstituts ifo in München – Skandal!

Tatsächlich klingt das nach einem starken Stück. Allerdings ist die Sache wie so oft sehr viel komplizierter, als es die eine große Zahl suggeriert. Denn schon die Methode der Untersuchung hat ihre Macken, und den eigentlichen Skandal, der im Sondervermögen steckt, erfassen die 95 Prozent noch gar nicht.

Das Sondervermögen sollte die öffentliche Infrastruktur wieder herrichten

Der Ursprung der ganzen Aufregung liegt genau ein Jahr zurück. Mitte März 2025 änderte die noch gar nicht richtig geformte schwarz-rote Koalition mit den Grünen und den Mehrheitsverhältnissen des alten Bundestags holterdiepolter die Schuldenbremse im Grundgesetz. Das Ziel: Die neue Regierung sollte endlich mehr Geld ausgeben können – für die Aufrüstung der Bundeswehr und für die Sanierung der maroden öffentlichen Infrastruktur. Dafür wurde das besagte „Sondervermögen“ geschaffen, ein Extra-Topf, gefüllt mit 500 Mrd. Euro extra Schulden für neue Straßen, Schienen und Schulen.  

Im Wahlkampf hatten CDU und CSU noch felsenfest versprochen, auf keinen Fall die Schuldenbremse aufzuweichen. Keine vier Wochen nach der Wahl war sie Geschichte.  

Aus dem Englischen kennen wir die Bezeichnung „Wieselwort“. Damit sind Begriffe oder Formulierungen gemeint, die eine Klarheit und Genauigkeit behaupten, die sie aber gar nicht haben: Sondervermögen zum Beispiel, die gar kein Vermögen sind. Eine Schuldenbremse, die gar nichts bremst. Aber auch das Wort „zweckentfremdet“ – denn was ist hier der Zweck? Und was wurde entfremdet? Die Haushalts- und Finanzpolitik ist voll mit Begriffen, die nicht mal ansatzweise halten, was sie versprechen (die aber dafür einen Wust an Bürokratie, an wissenschaftlicher Expertise und Beratung und an medialer Aufmerksamkeit produzieren).  

Also, worum geht es beim Sondervermögen und der Zweckentfremdung wirklich?  

Die 500 Mrd. Euro neue Schulden sollen tatsächlich dazu dienen, die öffentliche Infrastruktur des Landes wieder herzurichten. Ein Teil des Geldes geht an Länder und Kommunen, ein Teil ist für Klimaprojekte reserviert. Bleiben 300 Mrd. für den Bund und große Bauprojekte. Verteilt über 12 Jahre, macht etwa 25 Mrd. Euro pro Jahr. Für dieses Geld – und nur dafür – gilt, dass damit „zusätzliche“ Projekte finanziert werden sollen – gleich zweimal taucht das Wort im ersten Satz von Artikel 143h des Grundgesetzes auf.  

Das ist also der Zweck: zusätzliche Investitionen. Nur: Was ist zusätzlich?  

Zusätzlich sind alle Investitionen, die aus dem Sondervermögen finanziert werden, wenn auch im regulären Bundeshaushalt mindestens zehn Prozent der Ausgaben investiert werden. So steht es im zweiten Satz von Artikel 143h des Grundgesetzes. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz. Oder präziser müsste man sagen: Das Nähere vernebelt ein Bundesgesetz.

2025 lag die tatsächliche Investitionsquote nur bei 8,7 Prozent

Das fängt schon bei den zehn Prozent an: Die Grenze wählten Union und SPD, weil im Haushalt 2024 etwa 10,8 Prozent aller Ausgaben für Investitionen draufgingen – also sogar etwas mehr. Zudem kann die Bundesregierung alles Mögliche in diese zehn Prozent reinrechnen – Kredite an Krankenkassen zum Beispiel. Auch müssen die zehn Prozent nur auf dem Papier, also beim Beschluss des Haushalts, erfüllt sein – ob das Geld dann später auch fließt, ist egal. 2025 lag die tatsächliche Investitionsquote im Bundeshaushalt nur bei 8,7 Prozent – im Prinzip hätte also gar kein Geld aus dem Sondervermögen ausgegeben werden dürfen.  

Und so geht es immer weiter. Die Regelung enthält so viele Schlupflöcher, dass sie praktisch nichts mehr wirklich aussagt. Zusätzlich ist auch so ein Wieselwort.  

Und das Beste daran: Alle, wirklich alle, die sich heute darüber empören oder die diese Möglichkeiten brüsk zurückweisen, wussten vor einem Jahr, dass es genauso kommen würde. Das gilt für CDU/CSU, die jetzt am liebsten nichts mit der Zweckentfremdung zu tun hätten, wie für die Grünen, die damals zustimmten und nun laut wehklagen. Haushaltspolitik ist (und war schon immer) keine präzise Wissenschaft, sondern eine fiese Fummelei – und genau dafür wurden die Regelungen geschaffen.  

Allerdings geht der Schmuh mit der Zweckentfremdung noch weiter. Denn auch die Ökonomen, die jetzt die große Verschwendung anprangern, arbeiteten nicht sauber.  

Sie nahmen als Ausgang für ihre Untersuchung das Jahr 2025 – klar, das Jahr, in dem die Reform beschlossen wurde. In Kraft trat sie aber erst Anfang Oktober 2025, da waren also noch drei Monate Zeit, mit dem neuen Sondervermögen und dem neuen regulären Haushalt irgendetwas anzustellen. Und weil das Land neun Monate zuvor mit einer Art Haushaltssperre regiert worden war, entschied man sich zu einem ersten Kniff: Um möglichst viel noch vor dem Winter anzuschieben und den Bauunternehmen zu signalisieren, dass es jetzt aber wirklich endlich losgeht, beschloss man, alle bereits geplanten Bauvorhaben aus dem Verkehrsbereich über das Sondervermögen zu finanzieren. Denn die waren schließlich schon da und quasi fertig. Volumen: etwa 12 Mrd. Euro. Nur, zusätzlich waren die natürlich nicht, im Gegenteil, für die hatte es ja schon im alten Haushalt einen Finanzplan gegeben. Der war bloß nie beschlossen worden, darüber war ja die Vorgängerregierung zerbrochen.  

Ist es nun ein Skandal, dass die Regierung doch alte Vorhaben aus dem neuen Sondervermögen und nicht mehr aus dem regulären Haushalt finanziert? So kann man argumentieren. Aber der Kniff allein wäre auch ein bisschen egal – linke Tasche, rechte Tasche quasi. Pragmatisch muss man sagen, dass es vollkommen illusorisch ist, anzunehmen, der Bund könnte innerhalb weniger Monate ein paar zusätzliche Bauprojekte aus dem Hut zaubern, über die zuvor noch nie geredet worden wäre. Die Messlatte derart hoch anzusetzen, würde bedeuten, dass aus dem Sondervermögen wahrscheinlich bis zum Ablauf von zwölf Jahren kein Euro ausgegeben sein wird. Das Problem mit der Zweckentfremdung ist daher nicht die fehlende Zusätzlichkeit.

Den Skandal beim Sondervermögen sieht man gar nicht auf den Berechnungen

Denn tatsächlich schufen Union und SPD mit der Verschiebung von Ausgaben aus dem Haushalt in das Sondervermögen erst den finanziellen Spielraum, um ihre Versprechen aus dem Wahlkampf einzulösen: die Mütterrente der CSU zum Beispiel, die niedrigere Mehrwertsteuer für Restaurants, den Steuerbonus für Rentner, die weiterarbeiten. Alles Maßnahmen, die Anfang des Jahres in Kraft getreten sind, die jedes Jahr mehr als 10 Mrd. Euro kosten werden und für die der Bund ohne die ganze Schieberei kein Geld gehabt hätte. Das ist der Skandal beim Sondervermögen für Investitionen. Allerdings sieht man diese Verschiebung noch gar nicht in den Berechnungen der Institute. Können sie auch nicht, denn sie fallen ja erst ab diesem Jahr an.  

Die Wahrheit zum Sondervermögen lautet: Die 500 Mrd. Euro werden mitnichten nur für Investitionen ausgegeben, auch nicht für zusätzliche. In den kommenden Jahren, wenn mehr Geld aus dem Sondervermögen abfließen wird, wird die „Zweckentfremdungsquote“ sinken, laut „ifo“ wohl Richtung 30 bis 40 Prozent. Das passt gut zu jenen 10 bis 12 Mrd. Euro für Mütterrente, die Restaurantsteuer und die Aktiv-Rente, die nun aus dem Haushalt finanziert werden und wofür wiederum Geld für Investitionen aus dem Haushalt in das Sondervermögen verschoben wurde – jedes Jahr stehen dort wie gesagt in Summe 25 Mrd. bereit. Macht es das besser? Nein.   

Die spannende Frage lautet: Was folgt daraus?

Die Antwort darauf ist offen. Im Grunde müsste die Koalition ihre ganzen teuren Geschenke aus dem Wahlkampf wieder rückgängig machen – das wird aber kaum passieren. Zudem bräuchte das Grundgesetz dringend eine erneute Reform der Schuldenbremse. Denn so, wie sie heute ist, sollte sie keinesfalls bleiben. Das Problem ist aber weniger das Sondervermögen als vielmehr die Generalausnahme für die Verteidigungsausgaben: Bleibt es bei der heutigen Regelung, dass alle Militärausgaben über einem Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP) über neue Schulden finanziert werden dürfen, wird die Verschuldung Deutschlands in den kommenden Jahren rasant steigen. Dies gilt umso mehr, als zur Verteidigung inzwischen alle möglichen sicherheitsrelevanten Ausgaben hinzugerechnet werden dürfen – die Cybersicherheit, die Nachrichtendienste. Wenn im regulären Haushalt immer mehr Geld für Rente, Soziales und Subventionen draufgeht, wird irgendeine Bundesregierung in der Zukunft auf die Idee kommen, dass auch die Bildungsausgaben die Sicherheit steigern und deswegen über Schulden finanziert werden dürfen. Schließlich müssen auch Soldaten lesen, schreiben und rechnen können.  

Im Grunde müsste eine Reform der Schuldenbremse es genau umgekehrt angehen: Die Verteidigungsausgaben gehören wieder in den regulären Bundeshaushalt und müssen über die Steuereinnahmen finanziert werden, Investitionen in die Infrastruktur hingegen können langfristig zumindest teilweise über Kredite finanziert werden. Genau darüber streitet seit Monaten eine Regierungskommission. Dass sie eine solche Reform hinbekommt, ist allerdings nach dieser Woche nicht wahrscheinlicher geworden. Denn halbgare Gutachten liefern genau die Vorlage dafür, lieber gar nichts mehr an der Schuldenbremse zu machen, als noch eine Reform zu riskieren. Dabei liegt darin das größte Risiko für solide Staatsfinanzen. 

20.03.2026 14:43

Die Bahn-Taskforce für mehr Pünktlichkeit legt einen Bericht mit 22 Empfehlungen vor. Doch die sind teils schräg, teils bekannt – oder werden schon umgesetzt

Wie gerne hätte man an dieser Stelle ein Hurra gerufen. Doch die Ergebnisse der „Taskforce zuverlässige Bahn“ enttäuschen selbst die, die wenig erwartet haben. 22 Maßnahmen schlägt die Expertenkommission unter der Leitung des Bundesverkehrsministeriums vor, die das Bahnleben erträglicher und pünktlicher machen sollen. Viele wichtige und kluge Menschen aus der Bahnbranche und der Politik haben daran in den letzten Monaten gearbeitet. Doch die Vorschläge, die sie nun unterbreiten, sind teils schräg, teils bekannt oder werden schon umsetzt. Wirklich neu ist fast nichts davon. Dahinter könnte allerdings eine unerfreuliche Absicht stecken. Die Bahn setzt beim Pünktlicher werden inzwischen auf die Ultima ratio: Weniger fahren. 

Dafür sprechen vor allem die beiden einzigen Maßnahmen, die neu sind.

Nummer eins: das „Jokergleis“, ein Name ganz in der Tradition der Bahn, wo immer alles eine Spur zu großspurig daherkommt („Generalsanierung“), obwohl besser Bescheidenheit angesagt wäre. Der Joker ist ein zusätzliches Gleis, um an überlasteten Knotenpunkten „kurzfristige dispositive Entscheidungen“ zu ermöglichen. Wenn es mal wieder im Bahnhof klemmt, darf der ICE dann außerplanmäßig aufs Jokergleis. Das verspricht immerhin heitere Durchsagen, aber die nervige Rennerei zwischen den Gleisen dürfte dann nur noch schlimmer werden.

Aber ganz im Ernst: Wo soll das zusätzliche Gleis denn hingebaut werden? Die sieben Hauptbahnhöfe, um die es geht, platzen heute schon aus allen Nähten: Frankfurt, München, Köln, Hannover, Hamburg, Mannheim und Berlin mitsamt ihrer Zulaufstrecken sind alle mitten in der Stadt und für eine Zeit konzipiert, als noch viel weniger Züge fuhren. 

Natürlich weiß auch die Bahn, dass sie in naher Zukunft keine Extragleise in den sieben Knoten wird bauen können. Als Joker wird wohl ein vorhandenes Gleis reserviert, das zum Zuge kommt, wenn es sich staut. Die Folge nur: Es wird noch voller am Bahnhof und auf den Bahnsteigen. Lösbar ist das aus Sicht der Bahn dann am besten mit weniger Verkehr auf der Schiene. 

Puffern und Experimentieren bei der Bahn

Auch die vorgeschlagenen Experimentierklauseln und die zusätzlichen Pufferzonen als zweite Maßnahme weisen in diese Richtung. Beim Experimentieren soll es darum gehen, dass die Bahn Trassen unter Umständen bunkern kann, also nicht zwingend neu vergeben muss. Mehr Puffer heißt mehr Zeit und weniger Züge auf den Schienen. InfraGo-Chef Philipp Nagl macht längst kein Geheimnis mehr daraus, dass das der Weg zu mehr Pünktlichkeit ist: „Lieber weniger, dafür aber pünktlichere Züge“, so wirbt er schon länger. Und so steht es nun als „Ultima ratio“, als letztes Mittel, im Abschlussbericht der Taskforce. Ein wenig verschämt versteckt unter den 22 Maßnahmen.

Doch um eine Debatte, wie und vor allem wo denn Verkehr gestrichen werden soll und ob das tatsächlich hilft, um pünktlicher zu werden, darum hat sich die Taskforce gedrückt. Lieber haben die Experten noch eine paar lustige Ideen aufgenommen. Kostprobe gefällig? Die sogenannten „Flex-Abfahrten“. Das funktioniert dann so: Die Bahn gibt im offiziellen Fahrplan eine Abfahrtszeit an, die minimal früher liegt als die intern geplante „echte“ Abfahrtszeit. Der Zug soll also in Wirklichkeit zum Beispiel um 10:00 Uhr abfahren. Im Fahrplan steht aber 09:59 Uhr. Das Zugpersonal darf dadurch früher mit der Abfertigung beginnen (Türen schließen, Abfahrt vorbereiten). Genial – oder? Hoffentlich nur fährt der Zug dann am Ende nicht versehentlich zu früh ab, weil es ja so im Fahrplan steht. Und vor allem: Welche Abfahrtzeit ist dann maßgeblich für die Erfassung der Pünktlichkeit? Die echte oder die im Fahrplan? Hilfe!

Irre zudem, dass die Taskforce sich kaum an ihre Aufgabenstellung gehalten hat, nämlich nur Maßnahmen zu entwickeln, die nichts extra kosten und schnell umsetzbar sind. Mindestens die Hälfte der Maßnahmen sind nur umsetzbar mit zusätzlichem Geld des Bundes und auch nicht schnell, weil dafür erst die entsprechenden Vorschriften geändert werden müssten. Nicht das Problem der Taskforce. 

Die Bahn soll nun erstmal in den sieben Knoten „Engpässe räumlich, zeitlich konkretisiert vermessen und quantifizieren“. Denn so genau weiß sie halt doch nicht, wie voll es ist und wohl auch nicht, in welchem Maße es zur Pünktlichkeit beiträgt, wenn der Zugverkehr ausgedünnt wird. Die ersten „Knoten-Workshops“ dazu laufen. Immerhin. 

20.03.2026 14:42
Der Irankrieg treibt die Gaspreise – und beschert der deutschen Industrie die nächste Krisensituation. Wie ernst die Lage ist, beschreibt Christof Günther vom Chemiepark Leuna
20.03.2026 13:42
Am Morgen nach dem iranischen Angriff auf das Gasfeld in Katar meldeten sich bei Analyst Tobias Federico besorgte Kunden und fragten: Was heißt das für den Gaspreis? Das hat er ihnen geantwortet
20.03.2026 11:30
Sie machen jeden Job zur Hölle: narzisstische Chefs. Hier erzählt ein Narzisst selbst, welche Mitarbeiter in sein Fadenkreuz geraten und wie man seiner Wut wieder entkommt
20.03.2026 11:03

Handelskriege, eine analoge Rebellion und spektakuläre Jubiläen: 2025 war für die Schweizer Uhrenindustrie ein Jahr der Extreme. Was Uhrenkäufer für 2026 wissen müssen

„Es war ein Jahr, in dem sich alles änderte – und doch nichts.“ So beschrieb Rob Corder vom Branchendienst „WatchPro“ das Jahr 2025. Klingt paradox, trifft jedoch den Kern des Geschehens. Allen geopolitischen Schocks zum Trotz haben sich nämlich die Machtverhältnisse in der (Luxus-)Uhrenindustrie keineswegs verschoben – sie wurden regelrecht zementiert. 2026 startet man in der Schweiz und anderswo schlanker und strategisch geschärft. Das ist für sich genommen durchaus eine Leistung. 

Zoll-Schock für Uhrmacher

Lange galt der US-Markt als letzte Bastion des Wachstums für große wie kleine Manufakturen mechanischer Zeitmesser. Während China bereits 2024 als Motor stotterte – die Exporte dorthin brachen um 25,8 Prozent ein –, hielten amerikanische Konsumenten die Genfer Bilanzen über Wasser. Bis zum Sommer 2025.

Die Einführung 39-prozentiger Zölle auf Schweizer Luxusgüter durch die Trump-Regierung am 7. August traf die CEOs der Uhrenmarken völlig unvorbereitet. Die Ankündigung hatte sie im April erreicht, während der wichtigsten Fachmesse Watches and Wonders – ein Timing, das in der Branche als gezielter Schlag empfunden wurde. Die Folge war ein logistisches Drama: Nach einem „Boom“ durch Last-Minute-Lieferungen vor dem Stichtag brachen die US-Exporte bereits im August um 16,5 Prozent ein, im September sogar um 56 Prozent. Erst die diplomatische Einigung auf 15 Prozent Mitte November brachte Entspannung.

Uhren-Exporte verschieben sich

Die Exportdaten des Verbandes der Schweizerischen Uhrenindustrie zeigen ein differenziertes Bild. Im November 2025 sanken die Exporte um 7,3 Prozent auf 2,2 Mrd. Franken. Kumuliert beträgt der Jahresrückgang damit bisher 2,2 Prozent, die Dezember-Daten stehen aber noch aus.

Die Gesamtzahl des Rückgangs verschleiert allerdings massive Divergenzen. Die USA-Exporte sanken zwar trotz Zoll-Chaos nur um zwei Prozent, Ausfuhren nach China hingegen 12,7 Prozent und nach Hongkong 6,2 Prozent. Diese Lücken füllten Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Indien – Märkte, die noch vor fünf bis sieben Jahren eher Randnotizen waren.

Noch aufschlussreicher für den Gesundheitszustand der Branche ist das Volumen. So wurden im ersten Halbjahr 2025 rund 420.000 Uhren weniger exportiert, ein Rückgang von 5,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das ist ein historisch niedriges Niveau. Die Branche hält ihren Umsatz demnach einzig durch kontinuierliche Preiserhöhungen sowie eine deutliche Hinwendung zum wertsteigernden Edelmetall.

Teure Uhren für Ultra-Reiche

Zwei langfristig zu beobachtende Trends haben sich 2025 dramatisch verstärkt. Erstens fokussieren sich die Hersteller auf immer teurere Uhren für eine wachsende Klientel von Ultra-Reichen und „Super-Sammlern“. Vor zwei Jahrzehnten machte das Segment der Uhren zu Preisen über 3000 Franken noch etwa 45 Prozent des Exportwerts aus, 2024 waren es bereits 80 Prozent – bei nur 13 Prozent des Volumens.

Zweitens konsolidiert sich die Nachfrage bei einer Handvoll Marken: Rolex, Patek Philippe, Audemars Piguet und Richard Mille. Cartier hielt ebenfalls eine Spitzenposition und dürfte weitere Marktanteile hinzugewonnen haben. Etliche Konzernmarken von LVMH, Richemont und der Swatch Group verloren demgegenüber weiter an Boden.

Unter Druck gerät vor allem das Segment zwischen 5000 und 15.000 Euro, das traditionelle Revier von Omega, IWC, TAG Heuer oder Hublot. Diese Marken verfügen über exzellente Produkte und eine treue Kundschaft, stehen aber vor einer deutlichen strukturellen Herausforderung: Ihre Stückzahlen sind hoch – Omega produziert je nach Schätzung etwa 500.000 Uhren jährlich –, während ihre natürliche Zielgruppe, die gehobene Mittelschicht, in unsicheren Zeiten beim Konsum zögert. Wer heute fünfstellig investiert, will oft das eine Stück fürs Leben. Und da führt der Weg häufig zu Rolex.

Die analoge Rebellion

Während die Konzernzentralen noch auf Zolltabellen starrten, vollzog sich auf der Straße ein weiterer strategisch vielleicht wichtigerer Wandel. Unter dem Schlagwort „Analog-Lifestyle“ gilt die Smartwatch in trendbewussten Kreisen als Symbol permanenter Überwachung und deshalb als „uncool“. Die mechanische Uhr wird zum ultimativen Instrument einer bewussten digitalen Entgiftung.

Im Umfeld dieses Trends, vor allem unter Konsumenten der Generation Z, gehört Cartier zu den großen Gewinnern. Keine Marke hat die neuerliche Begehrlichkeit kleiner, eleganter Uhren für Männer wie Frauen so erfolgreich kapitalisieren können. Laut Marktplatz-Daten hat sich der Anteil von Cartier an Gen-Z-Käufen innerhalb von sieben Jahren vervierfacht. Modelle wie „Tank“ und „Santos“ werden zu Favoriten einer demographischen Gruppe, die das Angeben mit wuchtiger Größe ablehnt. Gefragt sind nun eher Durchmesser zwischen 34 bis 36 Millimeter, eine klare Modellpolitik, sowie Gold und Lederarmbänder statt überdimensionierter Sportuhren aus Edelstahl.

Rolex und Tudor erhöhen Preise

Bereits zum Jahreswechsel wurden die neuen Preislisten für Rolex und Tudor in den USA geleakt, und deren Zahlen sind deutlich. Rolex erhöht im Schnitt um sieben Prozent, die Golduhren werden um acht bis neun Prozent teurer. Verglichen mit Ende 2024 kosten Rolex-Golduhren damit nun in Nordamerika etwa 20 Prozent mehr.

Die Gründe dafür sind vielfältig, darunter Rekordpreise für Gold von mehr als 4300 Dollar pro Unze, ein schwächerer Dollar und der 15-Prozent-Zoll. Die Schwestermarke Tudor, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiert, erhöht die Preisschilder um durchschnittlich knapp sechs Prozent – ein Signal für den Kampf um Marktanteile im Segment zwischen 3000 und 5000 Euro.

In diesem Zuge zeichnet sich ein weiterer Strategiekniff ab: Viele Hersteller, darunter Rolex und Patek Philippe, kürzen ihre Händlermargen, um Preiserhöhungen für Endkunden zu begrenzen. Durch höhere Verkaufspreise bleibt der absolute Gewinn für den Juwelier jedoch stabil – eine raffinierte Mathematik, die wohl nur die Stärksten so durchsetzen können.

2026 als Jahr der Giganten

Warum Sammler dennoch erwartungsvoll auf 2026 blicken sollten? Weil der Kalender eine einmalige Jubiläums-Konstellation bereithält.

100 Jahre Tudor: Die 1926 von Hans Wilsdorf gegründete Rolex-Schwester tritt endgültig aus deren Schatten. Erwartet werden eine umfassende Retrospektive und die Rückkehr ikonischer Taucheruhren in modernen Materialvarianten.

100 Jahre „Oyster“: Das Patent für das wasserdichte Gehäuse von 1926 ist das Fundament des Rolex-Markenmythos, weshalb eine Sonderedition aus der „Oyster Perpetual“-Linie als sicher gilt.

50 Jahre „Nautilus“: Für manchen Fan von Patek Philippe ist dieses Jubiläum das wichtigste Event des Jahres. Nachdem die Referenz 5711, die Stahluhr der Modellfamilie, eingestellt wurde, erwartet die Welt nun den ultimativen Nachfolger. In Platin? Mit neuen Komplikationen? Ganz gleich, die Wartelisten dürften bereits jetzt als voll gelten.

Watches and Wonders in Genf

Bei der weltgrößten Fach- und Publikumsmesse Watches and Wonders vom 14. bis 20. April kehrt die Marke Audemars Piguet (AP) nach Genf zurück, nach siebenjähriger Abstinenz. Das Schwergewicht aus Le Brassus hatte sich 2019 verabschiedet, um auf eigene Veranstaltungen zu setzen. Die Rückkehr nun ist ein Signal dafür, dass auch die stolzesten Manufakturen in härteren Zeiten den Schulterschluss zu Mitbewerbern suchen. Damit treffen erstmals die vier größten Luxusuhrenmarken – Rolex, Patek, AP und Cartier – unter einem Dach zusammen.

Die Messe wächst insgesamt auf stolze 66 Aussteller, darunter Newcomer wie die asiatischen Marken Credor, eine Seiko-Tochter, und Behrens. Derweil verlassen Montblanc und Bell & Ross das Palexpo-Gelände. Ein Zeichen, dass die enormen Kosten eines repräsentativen Auftritts nicht für jedes Unternehmen aufgehen.

Das spektakulärste Ereignis des Jahres, fern von Messehallen, dürfte die Eröffnung des 30-stöckigen Rolex-Towers an der 5th Avenue in New York werden, dessen erste vier Etagen den größten Rolex-Showroom der Welt beherbergen werden. CEO Jean-Frédéric Dufour hat die Eröffnung für Ende 2026 angekündigt.

Fazit: Selektion statt Spekulation

Die Luxusuhrenindustrie gibt 2026 kein einheitliches Bild ab. Während die Großen wie Rolex, Patek Philippe oder Cartier dank Preismacht und Begehrlichkeit weiter wachsen, kämpft die Konkurrenz mit Margendruck und fehlender Asien-Nachfrage. Vor allem das Segment zwischen 5000 und 15.000 Euro, einst das Rückgrat der Branche, wird zerrieben: durch günstigere Alternativen mit hoher Qualität und die Sogwirkung der legendären Markenikonen.

Für Sammler heißt das: Der Fokus verschiebt sich auf echte, bleibende Werte und faszinierende Historie. Marken, die eine glaubwürdige Geschichte erzählen können, werden wachsen – wer einzig auf kurzlebige Hypes setzt, verliert weiter. Die Verfügbarkeit für Standardmodelle wird derweil besser und die Preise stabilisieren sich. Für die zu erwartenden Jubiläums-Hits allerdings brauchen Kunden auch 2026 sehr gute Beziehungen zu ihrem Juwelier. Oder ganz viel Geduld.

20.03.2026 10:17

Bei der Jobsuche braucht man dieses Jahr einen langen Atem, sagt Expertin Anna Lüttgen im Interview. Was Bewerber wissen müssen – und wie sie die Zeit nutzen können

Capital: Frau Lüttgen, im Fachkräfteindex, den Sie mit Hays veröffentlichen, zeigt die Nachfrage nach Fachkräften in allen Branchen nach unten. Ist die Jobsuche gerade aussichtslos?
ANNA LÜTTGEN: Nein, allerdings ist sie durchaus herausfordernd. Branchenübergreifend sehen wir eine Abwärtsbewegung in der Fachkräftenachfrage. Das ist aber kein temporäres Rekrutierungsproblem, sondern einfach Teil eines großen strukturellen Wandels.

Das müssen Sie erklären.
Derzeit besetzen die Unternehmen nicht sofort nach, wenn eine Stelle vakant wird. Es wird sehr genau geprüft, welche Positionen und Skills gebraucht werden, wer ist besonders wichtig und welche Rollen tragen zur Wertschöpfung bei – an diesen Stellen wird auch weiter nachbesetzt. Innerhalb eines Jahres ist die Zahl offener Stellen um rund 19 Prozent gefallen. Damit ist faktisch gesehen kein flächendeckender Arbeitskräftemangel mehr vorhanden. Dazu kommt: Weniger junge Arbeitskräfte kommen nach. Diese Situation macht es gerade für jüngere Jobsuchende natürlich nicht einfach. Wir sehen, dass deutlich mehr überlegt wird, wenn jemand neu eingestellt wird: Was braucht die Person, um erfolgreich zu sein? Welche Aufgaben soll sie übernehmen? Wie gelingt ein schneller und effektiver Start? Welche Erfahrungen bringt sie ein? Es ist selektiver, und qualitativ teilweise besser.

Wer einen Job findet, kann also Glück haben – aber der Weg dorthin ist schwieriger. Woher kommt dieser Wandel?
Die schwache Konjunktur spielt eine wichtige Rolle, ist aber nur teilweise dafür verantwortlich. Es geht um eine strukturelle Veränderung. Die Unternehmen merken, dass sie sich nicht mehr auf die Wahrheiten verlassen können, die Jahrzehnte lang gegolten haben – wie, dass es nach einem kurzen Abschwung automatisch wieder nach oben geht. Deswegen werden viele althergebrachte Methoden und Glaubenssätze infrage gestellt: Sind die Hierarchieebenen im Unternehmen noch zeitgemäß? Brauche ich all diese Expertenrollen noch? 

Da fällt einem zwangsläufig das Thema Künstliche Intelligenz ein – von der es ja heißt, dass sie viele Jobs bald ersetzen könne.
So pauschal kann man das nicht sagen. Wir sehen, dass es Aufgabenfelder verändert. Aber nur in den allerwenigsten Fällen kann KI den Job wirklich ersetzen. Meistens wird sie eingesetzt, um Mitarbeitende von Routinetätigkeiten zu entlasten – dann braucht man für bestimmte Aufgaben vielleicht auch nicht mehr so viele Personen. 

In welchen Branchen stehen die Chancen denn besonders schlecht – und in welchen besonders gut?
Alle Branchen stehen unter Druck, das zeigt unser Fachkräfteindex. Manche mehr oder weniger. Energieversorgung, erneuerbare Energien und Green Tech sind immer noch absolute Trendthemen. Im MINT-Bereich fehlen weiterhin über 100.000 Fachkräfte. Auch Gesundheit und Pharma sind aussichtsreich und nicht zuletzt alles im Hightech-Bereich – dort kann Deutschland mit hochqualifizierten Wissensarbeitern einen Unterschied machen. Auf der anderen Seite: Branchen wie der Handel und die Automobilindustrie sind wahnsinnig unter Druck. Die müssen sich stärker transformieren als andere Branchen – das „Einfach weiter so“ funktioniert nicht mehr.

Welche Rollen suchen die Unternehmen besonders?
Vor allem Fachkräfte mit Erfahrung. Für Berufseinsteiger ist das natürlich eine Einstiegshürde. Daneben sind vor allem Eigenschaften wie Resilienz und Veränderungsfähigkeit gesucht. Wenn ich 30 Jahre lang in der gleichen Position die gleichen Ergebnisse erzielen konnte, habe ich gute Karten. Es hilft, wenn man einen Track-Record mitbringen und zeigen kann: Hier konnte ich einen wichtigen Teil zum Unternehmenswachstum beisteuern.

Also keine rosigen Aussichten für viele, die vielleicht zum ersten Mal seit langem auf den Arbeitsmarkt kommen. Was müssen Jobsuchende tun?
Zunächst sollten sie reflektieren: Was bringe ich mit, was vielleicht gerade gefragt ist? Das könnte zum Beispiel sein, dass man mit internationalen Teams arbeiten kann oder besonders kompetent im sozialen Umgang ist. Das wird sogar immer wichtiger. Früher zählte vor allem das Abschlusszeugnis. Inzwischen ist wichtig, wo ich bereits bewiesen habe, dass ich ein guter und teamfähiger Kollege bin. Und gleichzeitig darf man vom potenziellen Arbeitgeber auch einfordern, dass er mich über die Perspektive im Unternehmen ehrlich aufklärt. Aber trotzdem sollte man sich auf längere Wartezeiten und vor allem mehr Schritte im Bewerbungsprozess einstellen.

So eine lange Zeit auf Jobsuche kann frustrieren. Wie kann man mit einer längeren „Durststrecke“ umgehen?
Man sollte sich ein dickes Fell zulegen und es auf keinen Fall persönlich nehmen, wenn es nicht klappt. Das ist im Moment leider ein relativ normaler Zustand. Noch frustrierender als die Absage kann sein, wenn sich Unternehmen auf einmal nicht mehr melden. Das gab es früher nicht und das kann sich auch heute kein Unternehmen leisten. Den Jobsuchenden hilft, wenn man sich ein gutes Netzwerk aufbaut – nicht, weil die auf einmal den perfekten Job zur Hand haben, sondern weil vielleicht dort jemand in einer ähnlichen Lage war und unterstützen kann. Vor allem aber sollte man die eigenen Ansprüche nicht zu sehr herunterschrauben. Wenn man einen Job findet, ihn dann aber ein halbes Jahr später wegen einer spannenderen Stelle wieder verlässt, hat niemand was davon. Also wenn möglich keine Kompromisse eingehen.

Also sind die Vorsätze für 2026 für Bewerber: Die eigenen Stärken reflektieren, herausarbeiten und den langen Atem trainieren?
Genau, und die Zeit nutzen: Kann ich vielleicht in eine Fortbildung investieren? Auch ehrenamtliche Tätigkeiten helfen. Sie sind nicht nur sinnstiftend, sondern auch eine relevante Arbeitserfahrung – und man zeigt potenziellen Arbeitgebern, was in einem steckt.

Transparenzhinweis: Dieser Text stammt aus dem Archiv und erschien erstmals im Januar 2026. Er wurde erneut geprüft und veröffentlicht. 

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