Capital Wirtschaftsnachrichten


10.10.2026 16:00
Bastei Lübbe wurde mit John Sinclair groß. Heute treiben New Adult, Social Media und Fangemeinden das Geschäft. Verlagschef Soheil Dastyari erklärt, warum er Geschichten längst nicht mehr nur als Bücher denkt
10.10.2026 14:00
An Manchester City zeigt sich, wie Golfstaaten über Sport ihren Einfluss auf Europa absichern. Der Fußball war die Eintrittskarte zu Investitionsdeals und Macht. Die britische Politik hat das stets gefördert
10.10.2026 12:00

Uhren haben einen festen Platz in Capital – hier stellen wir Neuigkeiten aus der Branche vor. Diesmal: ein Longines-Chronograf, der mit einem einzigen Knopfdruck gleich drei Handgriffe ersetzt

In den 1930er-Jahren wagte sich die Luftfahrt weiter als je zuvor über bekannte Küstenverläufe hinaus. Der US-Pilot Richard E. Byrd etwa begann damit, aus seinem Cockpit die Antarktis zu kartieren. Gemeinsam mit Luftbildspezialist Ashley C. McKinley startete er vom Stützpunkt Little America nahe der Bay of Whales und trug Fotos, Routen sowie Kompass- und weitere Daten zusammen, um rund 390 000 Quadratkilometer Weißraum zu erfassen, darunter die Rockefeller Mountains und die Edsel Ford Range. 

Unterstützt wurden Byrd und McKinley von Navigationsuhren einer renommierten Manufaktur aus Saint-Imier im Schweizer Kanton Bern: Longines. Dort glückte Uhrmachern 1935 eine später patentierte Innovation, die Byrd und anderen Abenteurern über den Wolken das Leben erleichtern sollte. Die bis dahin üblichen Chronografen mussten bei Kurswechseln und um Flugabschnitte festzuhalten per Hand gestoppt, auf null gestellt und neu gestartet werden. Drei Schritte, drei Fehlerquellen und reichlich Aufwand. Gerade in brenzligen Situationen.

Wie lösten die Longines-Tüftler das Problem? Sie konstruierten einen Flyback-Mechanismus, der folgenden Ablauf durch Betätigung eines Drückers startete: Das Chronografenrad wird vom Stoppsekundenzeiger getrennt und diesem der Antrieb genommen. Die Rückstellhämmer nullen nun die Herzscheiben, stellen den Sekundenzeiger zurück – und das Chronografenrad wird wieder eingekuppelt, damit die Zeitmessung direkt weiterläuft. Was so einfach klingt wie Autofahren – vom Gas gehen, kuppeln, Gang wechseln, Gas geben –, ist eine Meisterleistung auf engstem Raum. Schließlich muss der Flyback-Vorgang zwingend die choreografierte Reihenfolge einhalten, sonst drohen Fehlstellungen, ein erhöhter Teileverschleiß oder Schäden in der Mechanik.

Bei Longines setzt man bis heute meist auf eine horizontale Kupplung mit dem von Edouard Heuer erfundenen Schwingbetrieb. Sie gilt als energiesparend, wartungsarm und ermöglicht eine geringe Werkshöhe. Während vertikale Kupplungsverfahren ganz geschmeidig verlaufen, gibt es beim Flyback ein kaum wahrnehmbares Zeigerruckeln. Dennoch gilt die Technik als Meilenstein der Zunft, von denen sich im Longines-Archiv noch einige mehr finden lassen: die Anzeige von zwei Zeitzonen auf einer Armbanduhr („GMT-Funktion“), die äußere Drehlünette, wasserdichte Chronografendrücker und vieles mehr.

Mit der neuen „Spirit Pilot Flyback“ feiert Longines die für Richard E. Byrd und andere tollkühne Himmelsstürmer wohl wichtigste Erfindung, die seit 90 Jahren das Festhalten der Zeit beschleunigt und komfortabler gemacht hat. Ihr Design ist sehr ergonomisch, die Vintage-Anklänge markant, das Handaufzugswerk dem Original treu – und doch technisch auf neuestem Stand. Bereit zum Abheben.

10.10.2026 10:00
Wie wichtig ist eine eigene Immobilie für Altersvorsorge und Rente? Es geht auch ohne – doch die Vorteile überwiegen. Vor allem dank eines banalen Effekts
10.10.2026 08:00

Der Messtechnik-Konzern Endress + Hauser hat sich zu einem weltweit führenden Anbieter entwickelt. Dessen Chef glaubt, dass das auch an der „Schweizer DNA“ des Unternehmens liegt

Das Familienunternehmen Endress + Hauser ist seit seinem Beginn in zwei Ländern zu Hause: Es wurde 1953 von einem Schweizer Ingenieur und einem deutschen Banker gegründet. Kernprodukt: Messgeräte, mit denen sich der Füllstand von Tanks und anderen Großbehältern bestimmen lässt. Heute ist Endress + Hauser in dieser Branche weltweit führend. Mit seiner Technik werden Flüssigkeiten, Gase und Feststoffe in Lebensmittelfabriken, Ölraffinerien oder Zementwerken gemessen. Mit einem Umsatz von 4 Mrd. Euro und etwa 18.000 Mitarbeitern.

Zudem investiert Endress + Hauser auch in großem Stil in Deutschland: Am Standort Maulburg im Landkreis Lörrach sind rund 118 Mio. Euro in moderne Produktionsanlagen geflossen, es ist die größte Einzelinvestition in der Firmengeschichte.

„Extreme haben keine Aussicht auf Erfolg“

Unternehmenschef Peter Selders führt den Erfolg auch auf die „Schweizer DNA“ des Konzerns zurück. „Wir sind nahe an dem Modell organisiert, mit dem sich auch die Schweiz organisiert“, sagt er im Capital-Wirtschaftspodcast. „Bei uns geht sehr viel über Abstimmungen und Konsens.“ So verfolge Endress + Hauser kein hierarchisches Prinzip, sondern verstehe sich als „Netzwerk aus mehr oder weniger unabhängigen Firmen“.

Es ist ein Konzept, das Selders nicht nur seinen Managerkollegen, sondern auch der deutschen Politik nahelegt: „Es würde uns auch in Deutschland guttun, die Diskussion miteinander zu suchen“, sagt er. „Extreme haben langfristig keine Aussicht auf Erfolg. Und aktuell werden eher Extrempositionen eingenommen.“

Hören Sie in der neuen Folge von „Capital – der Wirtschaftspodcast“

  • Was Endress + Hauser mit einer Packung Milch zu tun hat
  • Warum das Unternehmen bisher kein China-Problem hat
  • Wie sich die US-Zölle auswirken

Alle Folgen finden Sie direkt bei RTL+, Apple oder Spotify

09.10.2026 19:00

Das Niedrigwasser am Rhein belastet die Wirtschaft, trotzdem fiel die Industrieproduktion im August besser aus als gedacht. War am Ende alles nicht so schlimm?

Viel ist nicht mehr da: Bei der für die Rheinschifffahrt wichtigen Engstelle bei Kaub lag der Pegel am Freitagmittag bei gerade einmal neun Zentimetern. Weil der Pegel nicht den tatsächlichen Flussgrund zeigt, sondern die Wasserhöhe ab einem festgelegten Punkt, rutschte er teilweise sogar ins Negative. Für viele Schiffe ist die Passage am Mittelrhein schon seit Wochen nicht mehr passierbar: Eine festgelegte Grenze, ab wann der Schiffsverkehr eingestellt wird, gibt es nicht, doch viele Kapitäne wagen die Durchfahrt nicht mehr. Zwar soll der Pegel bis Anfang nächster Woche auf 25 Zentimeter steigen – doch das ist gerade einmal so viel wie der bisherige Negativrekord aus dem Jahr 2018.

Seit Mitte Juli erlebt Deutschland eine beispiellose Niedrigwasserperiode. Die Pegel an Rhein oder Donau fielen teils dramatisch. Für Unternehmen wie BASF, vom Rhein als Lieferweg abhängig, hat das enorme Auswirkungen: Binnenschiffe können nur noch mit einem Bruchteil der Ladung fahren – wenn überhaupt. Die Gebühren für Transporte mit Binnenschiff steigen immer weiter an, alternative Transportwege wie Lkw oder Güterzüge sind knapp. Bis 900 Mio. Euro könnte das Niedrigwasser kosten, berechnete das Beratungsunternehmen Prognos AG noch Anfang August.

Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite präsentierten die deutschen Unternehmen im August überraschend starke Zahlen: Viermal so stark wie erwartet legte die Produktion laut Statistischem Bundesamt zu. Vor allem das Baugewerbe zog mit über neun Prozent im Vergleich zum Juli deutlich an. Die Auftragsbücher für die kommenden Monate: prall gefüllt. „Die deutsche Wirtschaft ist also doch nicht im Schlick des Niedrigwassers ausgerutscht“, sagte KfW-Ökonom Sebastian Wanke der „ARD“.

War alles also doch nicht so schlimm?

Naja, sagt Nils Jannsen. Er ist Senior Researcher am Kiel Institut für Weltwirtschaft und beobachtet die wirtschaftlichen Auswirkungen von Niedrigwasserperioden bereits seit einigen Jahren. „Man kann nicht allein an der aggregierten Zahl der Industrieproduktion ablesen, welche Effekte das Niedrigwasser bislang in diesem Jahr hatte“, sagt Jannsen. „Dafür spielen zu viele Faktoren eine Rolle.“

30 Tage Niedrigwasser kosten der Industrie etwa 1,2 Prozent Produktion

Seinen Berechnungen zufolge leidet vor allem die Industrie unter Niedrigwasserperioden. Anhand von historischen Daten ließe sich ableiten, dass die Produktion um etwa 1,2 Prozent sinkt, wenn die Unternehmen mit 30 Tagen Niedrigwasser kämpfen. Ab dem zweiten Monat sinkt die Produktion demnach um 1,5 Prozent, weil manche Effekte zeitverzögert auftreten – zum Beispiel, weil Vorräte ausgehen.

Hinzu kommt, dass nicht alle Branchen gleich von der Binnenschifffahrt am Rhein abhängig sind. „In der Chemiebranche, die die Binnenschifffahrt relativ stark nutzt, ist die Produktion im Juli und August relativ deutlich gesunken“, sagt Jannsen. 

Und dann sind da noch Effekte, die schlicht einen noch größeren Einfluss auf globale Lieferketten haben, etwa die Blockade der Straße von Hormus. Oder die allgemein schwächelnde deutsche Wirtschaft – wegen der ohnehin schon weniger Schiffe auf dem Rhein unterwegs sind. Immerhin schrumpfte die Produktion im Juli laut Statistischem Bundesamt noch um 1,2 Prozent.

„Wir gehen davon aus, dass das Niedrigwasser die Produktion dämpft, allerdings in einem geringeren Ausmaß als noch vor einigen Jahren“, sagt Ökonom Nils Jannsen. „Dabei muss man aber vorsichtig sein: Wegen der vielen Sondereffekte ist es schwierig, den direkten Effekt zu beziffern.“

Ist Entspannung in Sicht?

Nun zeichnen sich zumindest die ersten Wolken am Himmel und damit etwas Entspannung beim Niedrigwasser ab. Die Niederschläge der kommenden Tage dürften den Rückgang der Pegel vorerst beenden, schreibt die Bundesanstalt für Gewässerkunde in einer aktuellen Einschätzung. Aber: „Die vorhergesagten Niederschlagsmengen sind nach der langen Trockenheit jedoch voraussichtlich zu gering, um zu einer nachhaltigen Entspannung der Niedrigwassersituation zu führen.“

Von Entwarnung also noch keine Rede – auch mit Blick auf die kommenden Monate. „Dieses Jahr haben wir nochmal ein deutlich dramatischeres Niedrigwasser gesehen als die Jahre zuvor“, sagt Michael Bruch. Als Global Head of Risk Consulting Advisory Services bei Allianz Commercial berät er Unternehmen im Umgang mit Risiken. „Wir sprechen über eine Krise, die sich über mehrere Monate zieht und entsprechend die Wirtschaft stark belastet. Bis hin dazu, dass die Kraftstoffversorgung im Winter gefährdet sein könnte.“

Schon jetzt haben die immer häufiger auftretenden Niedrigwasserperioden Auswirkungen auf die Unternehmen und deren Planung. Die BASF etwa investierte schon im Jahr 2021 in spezielle Niedrigwasserschiffe. Manche versuchen auch, generell weniger abhängig von der Binnenschifffahrt zu werden. Lag der Anteil der Binnenschifffahrt an der gesamten Beförderungsmenge in Deutschland im Jahr 2005 noch bei 5,9 Prozent, sank er bis zum Jahr 2024 bereits auf 4,1 Prozent.

Dabei helfe, dass man derartige Ereignisse inzwischen besser abschätzen könne, sagt Allianz-Risikoberater Bruch. So wiederum könnten Unternehmen ihre Investitionen besser abschätzen, die auf Resilienz einzahlen. Das sei aber mehr, als sich nur spezielle Schiffe anzuschaffen: „Das Wichtigste ist, in die Krisenprävention zu investieren. Das bedeutet Analyse, kann aber auch eine klassische Übung bedeuten“, sagt Bruch. Sprich: Als Unternehmen könnte man das Szenario Niedrigwasser auch einfach mal durchspielen, bevor es so weit ist. „Man kann sich nicht zu 100 Prozent vorbereiten. Wir sehen aber, dass die Unternehmen besser aus Krisen herauskommen, die sich darauf vorbereiten und ihre Abläufe testen.“

09.10.2026 18:00
Viele Banken erhöhen derzeit ihre Zinsen fürs Tagesgeld. Das ist gut für Kunden und bringt Bewegung in den Markt. Trotzdem sollten sich Sparer nicht in Sicherheit wiegen
09.10.2026 16:30

In Deutschland und anderen Ländern greift eine linke Idee um sich: Fürsorgliche Behörden sollen die Laune der Menschen heben. Dass das Konzept funktioniert, ist zweifelhaft

Haben Sie schon mal von der „Schlaglochtheorie“ gehört? Der Begriff besagt, dass staatliche Institutionen und Regierungen ihre Glaubwürdigkeit verlieren, wenn die Bürgerinnen und Bürger in ihrem Alltag erleben, dass selbst die einfachsten Dinge des Lebens nicht mehr richtig funktionieren: die Reparatur eines Schlaglochs in der Straße eben, der Abtransport von Müll in den Straßen, die Toiletten in den Schulen der Kinder. Wenn schon das nicht mehr klappt, wie wollen Regierungen dann einigermaßen glaubwürdig erst die großen Probleme angehen? 

Die Theorie stammt aus der Politikwissenschaft und wurde zuletzt von dem amerikanischen Journalisten und Podcaster Ezra Klein populär gemacht. Klein zufolge erklärt sich aus dem Verfall der öffentlichen Infrastruktur und Daseinsvorsorge ein Gutteil des Aufstiegs von rechten und linken Populisten in den vergangenen Jahren, in den USA wie auch in Europa. Und umgekehrt böte sich hier ein Ansatz, eben jenen Populisten wieder etwas entgegenzusetzen: die kleinen Dinge im Alltag wieder verbessern, mehr Ärzte vor Ort, öffentliche Schulen und den Nahverkehr modernisieren, eine leichtere Terminvergabe im Bürgeramt, oder die Reinigung häufiger durch die Straßen fahren zu lassen. 

Der Ansatz klingt intuitiv plausibel und hat in den USA bereits eine große Wirkmacht entwickelt. Der heutige New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani rollte die gesamte, ziemlich elitäre demokratische Partei New Yorks auf – mit einer Agenda, die die Schlaglochtheorie noch mit einem links-populistischen Turbo ausstattete. In den kommenden Jahren verspricht Mamdani ein Feuerwerk an staatlicher Wohlfahrt: Der Busverkehr in der Mega-Metropole soll kostenlos werden, städtische Läden sollen günstige Lebensmittel anbieten, und er will die Mieten für eine Million Wohnungen in der Stadt einfrieren. 

Es ist ein Experiment, das sich da in New York abspielt – ausgerechnet in der Heimatstadt des amtierenden US-Präsidenten, der politisch so ganz anders tickt. Nach dem Wahlsieg Mamdanis und einem ersten direkten Treffen stellte Trump allerdings anerkennend fest, man habe mehr gemeinsam als er selbst gedacht hätte. Und dieses Experiment schwappt langsam nach Deutschland – in Form von Wahlergebnissen und in Form eines theoretischen Überbaus. 

Vor einigen Tagen traf ich Isabella Weber zum Interview, die wahrscheinlich populärste linke Ökonomin derzeit im deutschsprachigen Raum. Weber lehrt und forscht in den USA, wird aber gerade hierzulande bei der politischen Linken gefeiert wie sonst nur linksradikale Punkbands. In diesen Tagen erscheint ihr Buch „Antifaschistische Wirtschaftspolitik“ – eine Kampfansage. Man muss Webers Thesen nicht teilen, man kann sie sogar für abwegig und gefährlich halten, aber sie treffen einen Nerv und eröffnen eine neue, interessante Debatte. 

Weber fordert genau das, was Mamdani schon als Programm hat: Der Staat müsse die essenziellen Bedürfnisse der Menschen wieder absichern – günstiges Wohnen, einen kostenlosen Nahverkehr, vergünstigte Lebensmittel. Eine Verstaatlichung von Wohnungskonzernen, wie sie die Linke in Berlin angehen will, liegt genau auf Webers Linie. Einwände, das sei doch Sozialismus, habe noch nie funktioniert und führe direkt in die Staatspleite, lässt sie nicht gelten: „Die Prämisse des Neoliberalismus ist, dass der Staat dumm und inkompetent ist“, sagt sie, „dieser Prämisse folgend wurden die Intelligenz und Kapazität des Staates über Jahrzehnte outgesourct und der Staat an vielen Stellen erst dumm und inkompetent gemacht.“ Webers Schlussfolgerungen sind für viele eine Provokation, ihre Analyse aber in jedem Fall bedenkenswert – auch wenn Sie oft den Kopf schütteln werden. 

Denn ich würde Ihnen das alles nicht schreiben, wenn Webers Vorstellungen nicht drauf und dran wären, in Deutschland konkrete Politik zu werden. Linke, Grüne und SPD erklärten am gestrigen Donnerstag, man wolle bald ernsthafte Sondierungen über eine Koalitionsregierung in Berlin aufnehmen – die nächste Stufe auf dem Weg zu Koalitionsverhandlungen. Die Grundlage dieser Annäherung ist eine Vereinbarung zum künftigen Umgang mit Antisemiten in den eigenen Reihen, die tief blicken lässt. Demnach wollen die drei Parteien bei antisemitischen Vorfällen ein kompliziertes Verfahren aus Konsultationen und einer Expertenkommission zur Begutachtung möglicher Verstöße einrichten. Was eine Selbstverständlichkeit sein sollte – ‚Antisemiten haben bei uns keinen Platz‘ – wird zu einem bürokratischen und langwierigen Verwaltungsakt formalisiert. 

Der Staat überhebt sich

Zu den übrigen Knackpunkten dieser möglichen Links-Koalition in Berlin – Schwächung des Polizeiapparats und des Verfassungsschutzes, Vergesellschaftung großer privater Wohnungsbestände – findet sich in dem ersten Papier nichts. Aber man darf davon ausgehen, dass sich auch für diese Vorhaben umständlichste Prozesse finden lassen, die die Probleme der Stadt vor allem verwalten statt sie zu lösen. Und das ist einer der Knackpunkte, die sich aus der intuitiv so plausiblen Schlaglochtheorie oder Webers Theorie der essenziellen Güter ergeben: Statt wirklich endlich Schlaglöcher zu flicken und verstopfte Schulklos zu reinigen, verstrickt sich ein ohnehin überforderter Regierungsapparat in eine Beschäftigung mit sich selbst und manövriert sich immer tiefer in die selbst verschuldete Überforderung.

Man kann das wie Weber als Denken in neoliberalen Klischees abtun – ich würde es eher einen gesunden Realitätssinn nennen. Umgekehrt steckt in der Hybris eines Staates, der alle Probleme und Nöte seiner Bürger abfedert, bereits der Keim des Scheiterns und der späteren Enttäuschung, die dann nur umso größer ausfallen wird. Welches Programm sich eine von der AfD geführte Landesregierung mit Unterstützung des BSW in Sachsen-Anhalt ausdenken wird, ist noch vollkommen unklar. Aber man kann sich schon lebhaft vorstellen, dass es auch hier primär darum gehen wird, die Alltagssorgen der Menschen irgendwie aufzugreifen und allen ein besseres Gefühl zu geben – nur eben deutschtümeliger als in Berlin. Die Idee eines Staates, der alle Sorgen und Probleme lösen kann, ist jedoch auch hier schon erkennbar. 

Nun gibt es vielleicht einen kleinen Trost: So abstrus die absehbaren Regierungsbündnisse in Berlin und Sachsen-Anhalt sein mögen, beide Bundesländer sind klein genug, um nicht den maximal möglichen Schaden für das gesamte Land anzurichten. Sie sind das Ergebnis von demokratischen Wahlen und eben auch hier ein Experiment, das vier Jahre dauern wird. Im schlechtesten Fall werden sie sich verstricken in Selbstbeschäftigung und eben keine Schlaglöcher flicken oder das Wohnen bezahlbarer machen. Es sind vier wertvolle Jahre, aber wiederum auch: nur vier Jahre.

09.10.2026 15:30

Steigende Schulden, hohe Inflation und KI-Investitionen treiben die Renditen am Anleihemarkt hoch. Dort droht ein Teufelskreis, auch wegen der Aktivitäten von Hedgefonds

Hedgefonds könnten die derzeitige Krise am Markt für Staatsanleihen verschärfen. Diese Warnung kommt von der Fondsgesellschaft Pimco, einem der weltgrößten Anleiheinvestoren. Die Folge wäre ein weiterer Anstieg der Renditen für Staatsanleihen, was die Refinanzierung von Ländern, aber auch Unternehmens- und Immobilienkredite teurer machen würde. 

Pimco-Chefanlagestratege Dan Ivascyn schließt eine Rendite von sechs Prozent für zehnjährige US-Staatsanleihen nicht aus. „Das ist durchaus möglich, selbst aus kurzfristiger Handelsperspektive, da ein Teil der Aktivitäten, die wir in den vergangenen Wochen beobachtet haben, mit negativen technischen Faktoren sowie Stop-out-Aktivitäten von Hedgefonds auf der Plattform und anderen gehebelten Anlegern zusammenhängt“, zitiert die „Financial Times“ Ivascyn. 

Sechs Prozent Rendite?

Ein Wert von sechs Prozent entspräche dem höchsten Stand seit dem Jahr 2000, als der Schuldenstand der USA aber deutlich geringer war. Aktuell rentiert das Papier mit 5,25 Prozent.

Steigende Anleiherenditen gehen mit fallenden Kursen einher bei Anleihen. Grund dafür ist, dass diese einen fixen Zinskupon zahlen und Anpassungen an den Marktzins über Kursänderungen erfolgen. Der von steigenden Staatsschulden, hoher Inflation und hohen Investitionen in Künstliche Intelligenz ausgelöste Renditesprung bei Anleihen hat einen Kursrutsch ausgelöst. Das hat in den zurückliegenden Tagen Befürchtungen verstärkt, dass insbesondere Hedgefonds zur Deckung ihrer Verluste mit Anleihen gezwungen sind, diese zu verkaufen. 

„Der Bärenmarkt bei Anleihen hält weiter an“, sagt der für seinen Dauerpessimismus bekannte Société-Générale-Analyst Albert Edwards. Als Bärenmarkt wird eine Marktkonstellation bezeichnet, in der die Stimmung auf weiter fallende Kurse hindeutet – im Gegensatz zum Bullenmarkt.

Hedgefonds arbeiten oftmals mit geliehenem Geld, das sie höher rentierlich investieren und mit den Vermögenswerten die Kredite besichern. Verlieren diese Sicherheiten an Wert, verlangen die kreditgebenden Banken in der Regel einen Nachschuss, den sogenannten Margin Call. Um die Liquidität dafür zu beschaffen, müssen Hedgefonds dann Anlagen verkaufen. Ivascyns Äußerungen spiegeln insofern die Warnungen vor einem „Teufelskreis“ wider, in dem eine Verkaufswelle weitere Verkäufe nach sich zieht.

„Zerstörungsprozess“

Eine drastische Warnung vor einem weiteren Renditeanstieg kommt von Mohamed El-Erian. „Ab sechs Prozent beginnt der Zerstörungsprozess“, sagte er dem „Handelsblatt“. Das gelte sowohl für die USA als auch für den Rest der Welt. El-Erian hat früher selbst für Pimco gearbeitet und berät heute deren Eigentümer Allianz.

Was diese Entwicklung für Anleger bedeutet, erklärt Fondsmanager Alexis Bienvenu von der französischen Gesellschaft LFDE. „Bei der Länderauswahl bevorzugen wir Staaten mit soliden Staatsfinanzen gegenüber fiskalisch anfälligeren Ländern“, sagte er zu Capital. „Sie bieten angemessene Renditen und bleiben zugleich weitgehend von Schwankungen verschont. Dazu zählt zweifellos Deutschland, aber auch Japan und die USA – obwohl die US-Haushaltsdisziplin natürlich viel zu lax ist.“ 

Bienvenu erwartet nicht, dass US-Staatsanleihen in den kommenden Quartalen durch die sogenannten Bond Vigilantes unter Druck geraten – also durch Anleiheinvestoren, die auf mangelnde Haushaltsdisziplin mit Verkäufen reagieren. 

Allerdings würden diese „Wächter“ wohl weiter herumziehen, warnt Edwards. „Auch wenn Frankreich in jüngster Zeit im Fokus stand, verlagert sich der Blick der Bond Vigilantes lediglich von einem Markt zum nächsten. Im nächsten Monat könnte ihre Aufmerksamkeit wieder auf Japan, Großbritannien oder sogar die USA gerichtet sein.“ Es sei ihre Vorgehensweise, „jeden Markt zu testen, um herauszufinden, welcher der schwächste ist, bevor sie einen massiven Angriff starten“.

09.10.2026 14:30

Das ursprünglich eingeplante Budget für bestimmte Fördermittel im Wohnungsneubau wäre schon bald ausgeschöpft gewesen. Jetzt legt die Bundesregierung aber nach

Wer ein energieeffizientes Haus baut, kann bis Jahresende weiter mit Unterstützung vom Bund rechnen. Die Bundesregierung stockt den Fördertopf für Effizienzhäuser mit dem Standard EH55 auf. Das ursprünglich eingeplante Budget von 800 Mio. Euro wäre sonst schon vor Jahresende ausgeschöpft gewesen, erklärte das Bauministerium. Durch zusätzliches Geld werde verhindert, dass Bauherren leer ausgehen. 

Mit dem Programm wird der Neubau von Häusern gefördert, die nur 55 Prozent der Energie verbrauchen, die ein Standardhaus benötigt. Außerdem muss die Wärme zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien erzeugt werden. Häuser mit Öl- oder Gasheizungen sind damit ausgeschlossen. Gefördert wird über zinsverbilligte Kredite der KfW. Bei Antrag muss eine Baugenehmigung schon vorliegen. 

Bisher 52.100 geförderte Wohnungen 

Die Nachfrage nach der Förderung sei in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen, sagte Bauministerin Verena Hubertz. „Deshalb stellen wir zusätzliche Mittel bereit. Wer eine Baugenehmigung in der Tasche hat, kann weiter darauf setzen: Die Förderung kann bis zum Jahresende in Anspruch genommen werden.“ Wie viel Geld es zusätzlich gibt, teilte das Ministerium allerdings nicht mit. Offen ist auch, wie sich die Zinssätze der KfW bis Jahresende entwickeln. 

Die EH55-Förderung ist ein Dauerbrenner in der deutschen Wohnungspolitik. Die Ampel-Regierung hatte sie zwischenzeitlich eingestampft - mit der Folge, dass viele Investoren ihre Planungen auf Eis legten und überhaupt nicht bauten. Hubertz will nun erreichen, dass die vielen bereits geplanten Wohnungen tatsächlich gebaut werden. Das funktioniere, betonte sie: „Rund 52.100 Wohnungen, die genehmigt, aber nicht gebaut waren, sind jetzt in der Umsetzung.“

Wohnungswirtschaft geht von 250 Millionen Zusatzgeld aus

Die Baubranche lobte Hubertz' Pragmatismus. Das ursprüngliche Förderbudget wäre schon in der kommenden Woche ausgeschöpft gewesen, erklärte der Präsident des Verbands der Bauindustrie, Olaf Demuth. „Diese Förderlücke hätte zusätzliche Verunsicherung am ohnehin unruhigen Wohnungsmarkt ausgelöst.“ Der Wohnungsbau brauche eine verlässliche Förderlandschaft. 

Der Spitzenverband der Wohnungswirtschaft GdW geht davon aus, dass die Bundesregierung 250 Mio. Euro extra gibt. „Es ist entscheidend, dass bereits genehmigte Bauvorhaben auch realisiert werden können. Umso erfreulicher ist es, dass die Bundesregierung nun nachlegt“, sagte Präsident Axel Gedaschko. Die Förderung müsse möglichst ohne Unterbrechung zur Verfügung stehen, damit Wohnungsunternehmen langfristig planen könnten. 

Bauen wird immer teurer

Dabei müssen Bauherren inzwischen deutlich höhere Kosten vorsehen. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts lagen die Preise für den Neubau normaler Wohngebäude im August 5,5 Prozent über dem Niveau aus dem Vorjahr. Vor allem Dacharbeiten wurden teurer, aber auch Zimmer- und Holzbauarbeiten. Nicht ganz so stark stiegen die Preise für Mauer- und Betonarbeiten. Beim Innenausbau treiben Elektroanlangen und Heizanlagen die Kosten in die Höhe.

09.10.2026 13:41
Kürzlich soll Friedrich Merz mit SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig aneinandergeraten sein. Sie ist nicht die Einzige, die den Bundeskanzler zurzeit schwer nervt.
09.10.2026 12:21
Immer mehr Deutsche zieht es in der Rente für längere Zeit nach Spanien. Wer den Lebensmittelpunkt dauerhaft dorthin verlegen will, muss auf Steuern und Versicherungen achten
09.10.2026 11:31
Wenn es ums eigene Logo geht, dann verstehen die Sparkassen in Deutschland keinen Spaß. Aktuell bekommen das die Fondsgesellschaft Sauren und der Neobroker Scalable zu spüren
09.10.2026 11:02
Vermieten wird immer kostspieliger. Um so wichtiger ist es, die Steuerregeln optimal zu nutzen und möglichst viel abzusetzen. Hier ist besonders viel zu holen
09.10.2026 10:14

In den 1980ern war Ebel angesagt, danach versank die Uhrenmarke im Mittelmaß. Jetzt wollen F.P. Journe und Chanel die Schweizer Traditionsmarke übernehmen. Ein Neustart ohne Erfolgsgarantie

Die Phase der Mergers & Acquisitions in der Uhrenindustrie geht munter weiter. Nachdem sich zuletzt Breitling mit Universal Genève und Gallet verstärkte und Richemont Baume & Mercier an die Damiani Group weiterreichte, folgte nun der nächste Übernahmeknaller. Wie am Donnerstag bekannt wurde, trennt sich der US-Konzern Movado von seiner teuersten Marke. Für 66,5 Mio. Dollar, so die verbindliche Vereinbarung, sollen 95 Prozent von Ebel an eine Käufergruppe unter Führung von Montres Journe, der Firma hinter F.P. Journe gehen. Mit dabei sind das Modehaus Chanel, das mit 20 Prozent an F.P. Journe beteiligt ist, und Pierre Jacques, bis 2025 Chef der Uhrenmanufaktur De Bethune. Jacques soll Ebel operativ leiten, sobald der Verkauf finalisiert ist. Zum Paket gehört zudem die Villa Turque in La Chaux-de-Fonds, ein Frühwerk des Architekten Le Corbusier.

Movado selbst hatte Ebel im Jahr 2003/2004 vom Luxusgiganten LVMH gekauft, für 61,5 Mio. Franken (etwa 47 Mio. Dollar). Der jetzige Verkaufspreis liegt inflationsbereinigt deutlich darunter. Für die Amerikaner, die mit ihrem Portfolio aus Schmuck und (Lizenz-)Uhren der Einstiegsklasse zuletzt rund 670 Mio. Dollar Jahresumsatz erzielten, dürfte der Verkauf dennoch ein Befreiungsschlag sein. So wirklich warm geworden war Movado mit Ebel nie.

„Architekten der Zeit“

Erstaunlich ist die mangelnde Fantasie bei Movado, schließlich fertigte Ebel über Jahrzehnte einige der begehrtesten Uhren der Schweiz. Gegründet wurde Ebel 1911 von Eugène Blum und Alice Lévy und ihr Name besteht aus deren Anfangsbuchstaben: Eugène Blum et Lévy. Den Durchbruch schaffte ihr Enkel Pierre-Alain Blum, und ab 1972 fertigte Ebel auch Uhren für Cartier, darunter die „Must de Cartier“-Linie. Aufträge, die Ebel in der Quarzkrise das Überleben sicherten. 1977 stellte die Uhrenmarke die „Sport Classic“ mit Wellenarmband und fünf Lünettenschrauben vor, eine Sportuhr mit integriertem Band, zwei Jahre vor der „Polo“ von Piaget.

Auch sonst agierte die Ebel-Führung zunächst klug. Ab 1981 kaufte sie übrig gebliebene „El-Primero“-Werke von Zenith auf, sieben Jahre, bevor Rolex dieses Kaliber in der „Daytona“ verbaute. Der Chronograf „Sport Classic“ aus dem Jahr 1982 landete dann am Handgelenk von Don Johnson in „Miami Vice“, Boris Becker und Stefan Edberg gewannen Wimbledon mit Ebel am Arm. Der Umsatz kletterte auf 150 Mio. Franken, die Belegschaft wuchs von 40 Mitarbeitern anno 1970 auf 700 im Jahr 1988. Vollmundiger Werbeslogan damals: „Architekten der Zeit“.

Ein Eigner verzettelt sich

Der dann folgende Absturz war größtenteils hausgemacht. Pierre-Alain Blum steckte die Gewinne aus dem Uhrengeschäft in Skier, einen Fernsehsender, einen Filmverleih und in Immobilien. The sky is the limit. Fast. Laut Angaben des Auktionshauses Phillips häufte Blum Schulden von 195 Mio. Franken an. In einem Interview sagte er 1992, er sehe keinen Grund, warum Ebel für seine „verdammten Dummheiten“ zahlen sollte. 1994 übernahm die Investmentfirma Investcorp die Marke, 1996 schied Blum aus. Zwei Jahre später holte Cartier die Uhrenfertigung ins eigene Haus.

Ebel wurde zum Wanderpokal – und zum Verlustbringer. 1999 kaufte LVMH die Marke, im Paket mit Juwelier Chaumet, doch dem Luxusmarkenkonglomerat fand keine Strategie für die Uhren. Laut „Wall Street Journal“ fiel ein Kapitalverlust von 85,6 Mio. Euro an. 2003 gehörte auch Pierre-Alain Blum wieder zu den Kaufinteressenten, doch Modavo-Chef Efraim Grinberg setzte sich durch. Er versprach, die Marke Ebel mit „tender loving care“ zu pflegen. Stattdessen wurde Ebel nun zur (fast) reinen Damenmarke mit Quarzuhren im mittleren Preissegment. Der Versuch, eigene Werke zu fertigen, wurde rasch wieder beerdigt – samt einer Abschreibung von rund 24 Mio. Dollar an Materialkosten.

Uhrmacher, Modehaus, Branchenveteran

Die neuen Eigentümer von Ebel sind eine spannende Mischung. Da ist zum einen François-Paul Journe, der 1957 in Marseille geboren wurde und höchstes Ansehen als unabhängiger Uhrmacher genießt. Seine 1999 in Genf gegründete Manufaktur F.P. Journe stellt rund 900 Uhren pro Jahr her, darunter etliche Unikate für Versteigerungen, und gewann dreimal den Hauptpreis des Grand Prix d'Horlogerie. Eine so breit positionierte Marke wie Ebel ist für ihn Neuland.

Für Chanel ist der Einstieg bei Ebel der nächste Schritt einer langjährigen Strategie, und der bisher sichtbarste. Das von Gabrielle „Coco“ Chanel und Karl Lagerfeld geprägte Couturehaus  brachte 1987 seine erste Uhr heraus und kaufte sich seither eine industrielle Basis zusammen. 1993 übernahm Chanel den Gehäuse- und Bandhersteller G&F Châtelain in La Chaux-de-Fonds, Heimatstadt von Ebel. Es folgten Anteile an Bell & Ross und Romain Gauthier, 2018 dann 20 Prozent an F.P. Journe – Montres Journe wollte so seine Nachfolge absichern. 

Doch die Pariser waren noch lange nicht durch mit ihrer Shoppingtour. 2019 folgte der Kauf von 20 Prozent am Werkehersteller Kenissi, an dem die Rolex-Schwester Tudor 80 Prozent hält. Kenissi liefert die Automatikkaliber für Chanels bekannteste Uhr, die „J12“. 2024 kamen 25 Prozent an MB&F dazu, einem Atelier für wahnwitzige Projektuhren. 

Mit Ebel erwirbt das Modehaus nun eine historische Manufaktur mit breiter Kollektion und hoher Markenbekanntheit. Der Branchendienst „Miss Tweed“ wertet das als Signal für Chanels Ehrgeiz, zu einem wichtigen Akteur der Branche aufzusteigen. Das Comeback von Ebel könnte somit groß ausfallen.

Der neue CEO, Pierre Jacques, wiederum kennt solche Rettungsaktionen. Er führte bereits De Bethune von 2011 bis 2015, kehrte Ende 2017 an der Spitze eines Investorenkonsortiums zurück und verkaufte 2021 die Mehrheit an den US-Händler Watchbox (heute The 1916 Company). Laut „Miss Tweed“ soll er auch den Ebel-Deal eingefädelt und F.P. Journe als Investor gewonnen haben.

Rein technisch werden die Markenrechte, das geistige Eigentum, das Inventar, sowie bestimmte weitere Vermögenswerte und Personal zunächst in eine neu zu gründende Schweizer Movado-Tochter eingebracht; beim Closing gehen 95 Prozent dieser Gesellschaft an die Käufer.

Ein Neustart, kein Selbstgänger

Doch wohin geht jetzt die Reise? Nach oben, vor allem preislich, wo F.P. Journe und Chanel sich bestens auskennen? Ein klassisches „Upbranding“ mit eigenen Werken, einer Stärkung der Männermodelle und etwas weniger Kampagnengas auf den sportlich-eleganten Damenuhren? Das klang bis vor ein oder zwei Jahren absolut logisch. Jetzt aber, in Zeiten makroökonomischer Eintrübungen und Dauerkrisen, wäre ein zu angestrengtes Schielen in die Luxusklasse vielleicht weniger klug als gedacht. Immerhin wird anderswo gerade die Liebe für moderate Preise wiederentdeckt – etwa, nach jüngsten Aussagen von CEO Jean-Marc Pontroué, bei Breitling. Und auch die Juweliere dürften es schwer haben, ihren Kunden plötzlich Uhren von Ebel zum doppelten Preis zu verkaufen. 

Gleichsam tut sich die Mitte des Marktes bei den Schweizer Exporten historisch schwer, wenngleich sich die Ausfuhrzahlen insgesamt in den vergangenen Monaten erholt haben. Kommt eine Neuerfindung als Haute-Horlogerie-Marke in kleinerem Maßstab infrage? Dafür ist Ebel eigentlich zu lange im Mainstream unterwegs. Sonny Crockett sei Dank. Immerhin bekommt Ebel mit den neuen Eignern nun das, was ihr seit Pierre-Alain Blums Abgang fehlte: ein Management mit einer klaren Idee vom Produkt.

09.10.2026 09:01
Das italienische Unternehmen Mutti hat Dosentomaten zu einem Premiumprodukt gemacht. Ist das gutes Gemüse – oder nur geniales Marketing? Ein Ortsbesuch
09.10.2026 07:00
Der Ökonom Rüdiger Bachmann forscht seit 25 Jahren in den USA. Er erklärt, wie schlecht es um die US-Wirtschaft vor den Midterms steht – und warum er noch weniger Hoffnung für Deutschland hat
08.10.2026 18:20
Einen Monat im Jahr fehlen deutsche Arbeitnehmer, wenn die Psyche krank ist, zeigt ein Report der AOK. Psychiaterin und Mitautorin Steffi Riedel-Heller macht ein neuer Trend Sorge.
08.10.2026 16:45

Die Bundesnetzagentur wollte Konkurrenten mehr Platz auf überlasteten Bahnstrecken sichern. Das Verwaltungsgericht Köln stoppt die Regelung. Der italienische Anbieter Italo hält dennoch an seinen Deutschlandplänen fest

In der Debatte um mehr Wettbewerb auf der Schiene hat die Deutsche Bahn einen juristischen Erfolg errungen. Der marktbeherrschende Staatskonzern muss Konkurrenten im Fernverkehr auf stark belasteten Strecken doch nicht 25 bis 40 Prozent der Kapazitäten überlassen, wie das Verwaltungsgericht Köln zu einem Eilbeschluss vom Donnerstag mitteilte. Die von der Bundesnetzagentur geforderte Wettbewerbersklausel für die Bahninfrastruktur sei rechtswidrig und die Entscheidung unanfechtbar, hieß es weiter.

Die Bundesnetzagentur hatte die für das Schienennetz zuständige Bahn-Tochter DB InfraGO nach einer Beschwerde des italienischen Eisenbahnunternehmens Italo zu der Klausel verpflichtet. Diese sah vor, dass auf Strecken mit baustellenbedingt begrenzter Kapazität der DB Fernverkehr AG nur ein Anteil von maximal 60 bis 75 Prozent der verbleibenden Kapazitäten zugewiesen werden darf. Dies sollte gelten, sobald andere Verkehrsunternehmen dort auch vertaktet fahren wollen. 

Italo will trotz Urteil am Markteintritt festhalten

Der italienische Betreiber von Hochgeschwindigkeitszügen Italo plant, ab 2028 in den Markt einzusteigen. Das Urteil des Gerichts nehme das Unternehmen zur Kenntnis und warte nun auf die Veröffentlichung der Urteilsbegründung, teilte Italo mit. „Wir halten an unserem Ziel fest, in den deutschen Fernverkehrsmarkt einzutreten“, betonte der Konzern. „Italo hat die erforderlichen Investitionen für die Beschaffung und Wartung der neuen Zugflotte getätigt, treibt alle vorbereitenden Maßnahmen für den Markteintritt planmäßig voran und ist entschlossen, ab 2028 wirksamen Wettbewerb im deutschen Markt einführen.“

Die Netzagentur erklärte, sie halte eine solche Wettbewerbsklausel weiter für „sachlich geboten, um den Wettbewerb auf der Schiene im Interesse der Fahrgäste zu fördern“. Das Erstellen des Netzfahrplanes für 2028 werde allerdings ohne diese Einschränkung über die Bühne gehen. Von dem Beschluss der Bundesnetzagentur sollten primär die Fahrgäste profitieren. Die Behörde versprach sich niedrigere Ticketpreise durch mehr Wettbewerb im Fernverkehr. 

Wer in Deutschland einen Zug fahren will, benötigt eine sogenannte Trasse, also eine bestimmte Strecke zu einer bestimmten Zeit. Vergeben werden sie von der DB InfraGo. Doch der Platz auf der Schiene ist begrenzt. Insbesondere an großen Knoten wie Hamburg, Berlin oder Köln stauen sich die Züge – ein Grund für die vielen Verspätungen bei der Bahn. Die DB InfraGO begrüßte, dass das Urteil jetzt Klarheit schaffe: „Das ist auch angesichts der sehr knappen Kapazitäten auf dem deutschen Schienennetz gut.“ 

Die Bahn und die Eisenbahngewerkschaft EVG hatten wiederholt vor Nachteilen durch einen stärkeren Wettbewerb im Fernverkehr gewarnt. Sie argumentieren, dass Italo an gewinnträchtigen Verbindungen wie Hamburg–Berlin–München und München–Köln–Dortmund interessiert sei. Dies könne wiederum dazu führen, dass das Angebot zu weniger profitablen Strecken ausgedünnt werden könnte. EVG-Chef Martin Burkert sagte nun, das Gericht habe die Bundesnetzagentur vollkommen zu Recht in die Schranken verwiesen. Die Behörde habe im Sommer eine Entscheidung getroffen, die den meisten Bahnkunden in Deutschland nicht mehr Konkurrenzkampf gebracht, sondern sie vom Fernverkehr ausgeschlossen hätte. „Die Deutsche Bahn muss sich dem Wettbewerb stellen, aber nur ein fairer Wettbewerb kann ein Gewinn für die Bahnkunden sein.“

Die Deutsche Bahn war mit einem Eilantrag gegen den Beschluss der Netzagentur vorgegangen und argumentierte, dass dadurch die Zahl der Konflikte über die Nutzung bestimmter Trassen zu bestimmten Zeiträumen deutlich zunehmen werde. Daraus entstünden rechtliche und praktische Probleme für die Bewirtschaftung der Trassenkapazitäten durch die InfraGo. 

Das Gericht begründete seine Entscheidung nun damit, dass weder das europäische Recht noch das nationale Eisenbahnregulierungsrecht „eine Verpflichtung des Betreibers von Schienenwegen zur Aufnahme einer Wettbewerberklausel in seine Nutzungsbedingungen“ vorsehen. Außerdem sei die Klausel ungeeignet, den mit ihr verfolgten Zweck zu erreichen.

08.10.2026 16:30
Wegen des Kriegs im Nahen Osten steht der Goldpreis unter Druck. Aktien der Goldminenbetreiber könnten eine Alternative sein. Die derzeitigen Kurse verlocken zum Einstieg, aber lohnt sich das?