Capital Wirtschaftsnachrichten


19.09.2026 09:00
Capital hat wieder die besten Immobilienmakler Deutschlands ermittelt. 983 Makler erzielten dabei eine Bewertung von vier oder fünf Sternen. Die genauen Ergebnisse im Überblick
19.09.2026 07:00
Stuart Russell ist einer der wichtigsten KI‑Forscher. Er sieht die Berichte über KI-Agenten, die sich selbstständig machen, als allerletzten Warnschuss. Und nur einen Ausweg.
18.09.2026 20:09

Friedrich Merz ist angezählt, doch womöglich kann er sich noch im Amt halten. Seine größte Aufgabe nach dem Wahlsonntag: Klarzumachen, wohin er das Land führen will

Es gibt Wochen, in denen sich auf wundersame Weise vieles verdichtet – das gilt in den ganz großen Dimensionen und im ganz Kleinen. Um mit dem Kleinen zu beginnen: Der Zufall wollte es, dass ich in dieser Woche eine kleine Tournee im Kalender hatte, mit Stationen in Köln, Zürich und München. In all diesen Städten traf ich Unternehmerinnen und Unternehmer, mehr als ein halbes Dutzend insgesamt, aus Deutschland, der Schweiz, Österreich und Italien. Und alle sagten im Laufe des Gesprächs sinngemäß denselben Satz: Meine Güte, was ist nur los, wohin steuert dieses Land?!

Es war nur pro forma eine Frage, tatsächlich war es ein Stoßseufzer. Wenn in dem Satz eine Frage steckte, dann vielleicht eher: Wie konnte es so weit kommen? Worauf wahrscheinlich jeder und jede eine andere Antwort hätte. Aber der Blick zurück auf Fehler und Versäumnisse trieb meine Gesprächspartner gar nicht so sehr um. Vielmehr steckte in dem Stoßseufzer ein geballtes, wohl auch wütendes Unverständnis über die allgemeine Orientierungslosigkeit, die sich schon seit einer ganzen Weile über das Land gelegt hat und die sich so hartnäckig hält. Ein Unternehmer sagte: „Wir brauchen Leadership, das ist doch Führungsverantwortung.“

So fügte sich die kleine Reise auf eben wundersame Weise in die große allgemeine Stimmung in diesen Tagen: Alle Augen richten sich gebannt auf Friedrich Merz. Vor kaum 18 Monaten kam er ins Amt mit der großen Erwartung, dem Land wieder die Orientierung zurückzugeben, die es irgendwo zwischen Pandemie und dem Chaos der Ampel-Koalition verloren hat, vielleicht auch noch früher.

Alle schauen gebannt auf Kanzler Merz

Und wenn nicht gleich dem ganzen Land, dann wenigstens einem großen Teil. Oder, man wird ja bescheiden in diesen Zeiten, dass er zumindest eine Idee davon vermittelt, was wir in den kommenden Jahren mit dem Land, den Fähigkeiten seiner Arbeitnehmer und den Kapazitäten seiner Unternehmen, die es ja unzweifelhaft hat, anstellen sollten.

Leider ist Merz diese Orientierung bislang schuldig geblieben – und das ist vielleicht seine größte Schwäche. Er sagt zwar immer wieder, er wolle das Land zurückführen zu Wachstum und Zuversicht – aber diese Versprechen bleiben hohl und leer. Er will die Sozialsysteme reformieren, was richtig und überfällig ist, aber diese Reformen bleiben unverbunden mit dem großen Ganzen: Was hat er mit Deutschland vor, wo sieht er das Land in zehn oder 15 Jahren, wie will er das erreichen und wozu – man wüsste es gerne vom Kanzler, aber er sagt es nicht.

Stattdessen: Verspricht Merz in dieser so wichtigen Woche vor den beiden Landtagswahlen, die womöglich über sein Amt und seine Koalition entscheiden, erneut eine Entlastung der Autofahrer. Verständlich, angesichts der enormen Preise, die inzwischen an den Tankstellen aufgerufen werden.

Doch statt das konkrete Mittel der Entlastung vorab innerhalb der eigenen Regierung und vielleicht in Absprache mit den Ministerpräsidenten geklärt zu haben, lässt Merz die Dinge danach einfach wieder tagelang laufen. Die Folge: Jeder und jede hat eine Idee – Mehrwertsteuersenkung, Preisdeckel, Übergewinnsteuer, direkte Geldtransfers – alles scheint möglich. Minister widersprechen sich und Abgeordnete melden Bedenken an – eine Regierungskoalition wie eine Schießbude auf dem Jahrmarkt.

Kann Friedrich Merz seine Amtszeit retten?

Der Vorwurf des Führungsversagens, das ist vielleicht noch schlimmer, trifft den Kanzler gar nicht allein. Der Mangel an Klarheit, Mut, Verbindlichkeit und einer gewissen Konfliktfähigkeit gegenüber den eigenen Wählern ist inzwischen eine erstaunliche Gemeinsamkeit beim Spitzenpersonal der einst großen Volksparteien Union und SPD. Er öffnet genau das Einfallstor für Populisten, die Konzepte durch dröhnende Aggressivität ersetzen. Wer nichts mehr wagt, wird in dieser Auseinandersetzung nur verlieren.  

Es scheint immerhin, dass Merz begriffen hat, wie ernst die Lage ist. Er kämpft um sein Amt und will das Vakuum wieder füllen, das er in den vergangenen Wochen geschaffen hat. Die Ministerpräsidenten der CDU, wie auch die übrigen Mitglieder des CDU-Präsidiums, hat er dazu verpflichtet, am frühen Sonntagabend im Konrad-Adenauer-Haus zu sein. Und in vorauseilendem Gehorsam, so wirkte es zunächst, stärkten die acht CDU-Ministerpräsidenten ihm wiederum in einem gemeinsamen Brief den Rücken.

Doch ganz sicher kann sich Merz auch jetzt nicht sein. Zum einen, weil ein Mächtiger aus der Unionsfamilie seinen Namen nicht unter den Brief setzte: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Und zum anderen, weil Merz selbst in dem Brief gar nicht erwähnt wurde, sondern nur „der Bundeskanzler“, mit dem die Ministerpräsidenten auch künftig gut zusammenarbeiten wollen. Aus einer ersten Version des Briefs soll der Name Merz sogar getilgt worden sein, wie nach der Veröffentlichung durchsickerte.  

Und so entpuppt sich die Aktion, die Merz vermeintlich stärken soll, eher als Bewährungsfrist. Oder schlicht als Zeitgewinn für jene, die ihn in den kommenden Wochen doch ersetzen wollen und sich nur noch nicht einig sind, wie genau und durch wen. Politik kann unerbittlich sein. 

Sollte sich Merz über den Sonntag im Amt halten können, wird er nicht nur beweisen müssen, dass er seine vollmundig verkündete Reformagenda, auf die zumindest die eine Hälfte des Landes immer noch wartet, nun auch um- und durchgesetzt bekommt.

Sondern er muss auch endlich erklären, wozu wir, jenseits von Parolen wie „Lohnnebenkosten senken“ (was die Reformen nicht schaffen) und „Wettbewerbsfähigkeit stärken“, all diese Reformen machen. Oder anders gefragt: Wohin will Merz, was ist seine Idee von Deutschland in zehn oder 15 Jahren: wirtschaftlich, geopolitisch und gesellschaftlich. Und wie will er sie erreichen?

Es scheint sich zu lohnen, sich von ihm zu distanzieren

Was man auch schon sagen kann: Leichter wird diese Aufgabe für ihn nach den beiden Wahlen am Sonntag nicht. In Berlin wird sich die CDU vielleicht nur mit Ach und Krach an der Macht halten, in Mecklenburg-Vorpommern bestenfalls knapp über die Fünf-Prozent-Hürde kommen.

Die SPD dagegen wird nach einem Anti-Merz-Wahlkampf vielleicht sogar noch mal stärkste Kraft in Schwerin – und daraus wahrscheinlich die Lehre ableiten, dass die Sozialdemokratie besser fährt, wenn sie Merz Contra gibt. Die CDU wiederum wird den Eindruck gewinnen, dass sie mit der SPD nichts zu gewinnen hat, und erst recht auf „CDU pur“ dringen.  

Die Fliehkräfte in der Koalition werden nach dem Sonntag wahrscheinlich größer und nicht kleiner. Und ebenso die Führungsaufgabe, die der Kanzler ausfüllen muss. 

18.09.2026 14:45
Erratische Interventionen, riesige US-Schulden, ein rätselhafter Notenbankchef: Die USA verlieren den Anker-Status für Investoren – die Folgen erschüttern die ganze Welt
18.09.2026 14:33

Der legendäre Investor gibt nun doch schon den Verwaltungsratsvorsitz von Berkshire Hathaway ab. Nachfolger wird sein Sohn, flankiert von Buffetts Tochter. Der Schritt kommt überraschend

Es ist wieder einmal einer dieser typischen Buffett-Sätze, voller Selbstironie, aber auch voller Lebensfreude: Er habe nun jüngst seinen 96. Geburtstag gefeiert, schreibt der legendäre Investor an einem aktuellen Brief an seine Aktionäre. Am 30. August war das, da sei er umringt gewesen von seiner Familie und Freunden, und auch sein Urenkel sei dabei gewesen: „Er ist gerade ein Jahr alt geworden und bewegt sich etwas schneller als ich dieser Tage.“ Als er das erkannte, wurde ihm offenbar klar: Die Zeit ist reif, um die Übergabe an die nächste Generation nun endgültig zu vollziehen. 

Warren Buffett, der legendäre Investor tritt mit sofortiger Wirkung auch als Verwaltungsratsvorsitzender der Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway ab, so teilen er und das Unternehmen in einer offiziellen Meldung mit. Er werde weiter einen Direktorenposten im Verwaltungsrat bekleiden, den Vorsitz aber übernehme sein Sohn Howard Buffett.

Warren Buffett hatte Berkshire über 60 Jahre lang geleitet, seit 1965. „Und ich habe noch immer den besten Job der Welt“, betont er in seinem Brief an die Aktionäre, „das können nicht viele Menschen von sich sagen.“ Den Vorstandsvorsitz übergab der Starinvestor bereits zum Ende 2025 an seinen designierten Nachfolger Greg Abel, der seit Januar der operative Chef (CEO) des Unternehmens ist. Buffett selbst betonte aber bisher stets, dass er noch als Berater und Mitglied des Verwaltungsrats im Unternehmen beteiligt bleiben wolle. Auch wenn nun andere die Entscheidungen träfen, die im Kopf bereits sehr viel schneller seien als er. Er werde jedenfalls noch regelmäßig im Büro herumlungern und seine Meinung einbringen.

Einer der Gründe ist Greg Abel

Ein Grund für Buffetts kompletten Rückzug von allen Leitungsposten, den er überraschend verkündet, ist Greg Abel. Seine eigenen Erwartungen an seinen Nachfolger seien „himmelhoch“ gewesen, „aber er hat sie sogar noch übertroffen“, schreibt Buffet. Er habe Entscheidungen für das Unternehmen gefällt, die Berkshire für eine ganze Weile gut aufstellen würden – „und über keine davon musste ich auch nur zweimal nachdenken“. 

Zu Greg Abels Amtshandlungen gehörten bisher die Übernahme eines US-Hausbau-Unternehmens, ein Aktienrückkauf im großen Stil, der die gigantischen Barmittel von Berkshire abschmolz und dem Wunsch vieler Aktionäre entsprach – und überdies den Kurs stützte. Er versorgte außerdem den Google-Alphabet-Konzern mit frischem Kapital und will mehr in Japan investieren.

Die Aktionäre sind nicht ganz überzeugt

Buffett tritt also ab und verteilt große Vorschusslorbeeren an seinen Nachfolger, von dem zumindest noch nicht alle Investoren restlos überzeugt sind: Als 2025 der Rücktritt Buffetts vom Vorstandsposten feststand, gab die Aktie deutlich nach und verlor rund 20 Prozent. Seit seinem offiziellen Amtsantritt hat Greg Abel erst die Hälfte des Rückgangs wieder wettgemacht. Der Kurs der Aktie bewegt sich aber seitdem eher seitwärts, unter großen Schwankungen. Der große Aufwärtstrend der vergangenen fünf Jahre davor ist vorerst gebrochen. Der scheidende Altmeister Buffett aber bekräftigt: „Das Unternehmen ist in exzellenten Händen und ich freue mich darauf, ein Aktionär zu bleiben, an Eurer Seite.“

Sein Sohn Howard habe auch eine sehr lange Lehrlingszeit hinter sich, witzelt der Altmeister. Er sei schließlich bereits seit 33 Jahren einer der Direktoren von Berkshire. Er werde dafür sorgen, dass der Geist der Firma, ihre Unternehmenskultur und ihre Werte erhalten blieben, gibt der Vater ihm mit auf den Weg. Buffett und Berkshire, diese beiden Namen standen für extrem langfristiges Investment. Für die Suche und das Festhalten an Substanzunternehmen, die der Starinvestor kaufte, wenn sie an der Börse stark unterbewertet waren. Und es entsprach bisher der erklärten Firmenkultur, dass jene Unternehmen, die sich Berkshire komplett einverleibte, auch danach noch eigenständig weiterarbeiten konnten, ohne dass das Konglomerat ihnen zu sehr hineinregierte.

„Wir sind dankbar für die Sorge, die Disziplin und das tiefe Verständnis von Berkshire, das Howard in seine neue Rolle einbringt“, so kommentiert Greg Abel offiziell den Wechsel vom Vater zum Sohn. Warren Buffet selbst schließt seinen Brief an die Aktionäre mit diesen Sätzen: „Euch als Vorsitzender zu dienen, war lebenslänglich mein Privileg. Aber Vater Zeit gewinnt immer.“ Berkshire sei nun an einem Punkt, an dem er so zuversichtlich sei wie nie zuvor, dass das Unternehmen in eine gute Zukunft steuere.

18.09.2026 14:30

Nach der Ankündigung von Friedrich Merz, die Bürger wegen der hohen Spritpreise entlasten zu wollen, herrscht die gewohnte Kakophonie in der Bundesregierung. An Vorschlägen mangelt es nicht, nur gibt es keine Entscheidung

Es war nicht das mangelnde politische Gespür, als Bundeskanzler Friedrich Merz Anfang der Woche feststellte, dass die Bundesregierung angesichts der hohen Spritpreise handeln müsse. „Für viele Menschen, die täglich das Auto brauchen, ist eine Belastungsgrenze erreicht“, sagte Merz bei einer Veranstaltung des Außenhandelsverbands BGA. Es blieb ein vages Versprechen. Merz konstatierte, dass das „genaue Instrumentarium“ noch nicht feststehe.

Drei Tage später herrscht immer noch Ratlosigkeit, wie der Bundeskanzler die Bürger bei den hohen Spritpreisen entlasen will. Drei Tage ist ziemlich viel Zeit für Politik-Profis, um einen seriösen Vorschlag zu präsentieren. Schließlich ist das Thema ja nicht neu. Schon im Frühsommer standen die hohen Spritpreise als Folge des Iran-Kriegs auf der politischen Agenda. Man sollte denken, dass Union und SPD die Vor- und Nachteile sämtlicher Instrumente dokumentiert haben, um jetzt zu einer schnellen Entscheidung zu kommen. Doch weit gefehlt.

Seit Tagen erleben wir die übliche Kakophonie zwischen den Koalitionspartnern. Statt hinter verschlossenen Türen in Ruhe zu beraten, preschen die Protagonisten unabgestimmt mit Vorschlägen vor, die vom jeweils anderen Koalitionspartner lautstark öffentlich abgelehnt werden. Wer gedacht hatte, dass die Große Koalition ihre Lehren aus dem Wahldebakel in Sachsen-Anhalt zieht und endlich professionell zusammenarbeitet, wurde aufs Neue enttäuscht.

So favorisiert die Union eine Senkung der Mehrwertsteuer für Kraftstoffe von 19 auf 7 Prozent. Zuletzt haben CDU-Generalsekretärin Hoppermann, Wirtschaftsministerin Reiche und Unions-Fraktionschef Frei dieses Instrument vorgeschlagen. Auch Bundeskanzler Merz soll eine solche Steuerentlastung bevorzugen. Man kann also davon ausgehen, dass die Mehrwertsteuersenkung der bevorzugte Weg für die Union ist.

Die SPD liebäugelt dagegen mit einem Spritpreisdeckel, gleichzeitig wollen die Sozialdemokraten Milliarden bei den Mineralölkonzernen über eine Übergewinnsteuer abschröpfen. SPD-Finanzminister Klingbeil hat die Forderung nach einer Übergewinnsteuer bereits beim Treffen der EU-Finanzminister auf die Agenda gesetzt.

Abgesehen davon, dass Union und SPD beim Kampf gegen die hohen Spritpreise nicht an einem Strang ziehen, sind beide Vorschläge ziemlich bedenklich. Bei der Übergewinnsteuer stellen sich vor allem rechtliche Fragen, weil nicht einfach zu klären ist, was normale und was übermäßige Gewinne von Mineralölkonzernen sind. Die betroffenen Unternehmen werden sicher gegen die Bundesregierung klagen.

Ein fester oder flexibler Preisdeckel hat den Vorteil, dass die Maßnahme den Staat kein Geld kostet, weil er den Mineralölkonzernen einen maximal zulässigen Preis vorgibt. Ein solcher Eingriff hat aber den Nachteil, dass die Marktfunktion von Preisen außer Kraft gesetzt - mit dem Ergebnis, dass die Menschen ihr Fahrverhalten kaum anpassen werden, die Nachfrage nach Benzin und Diesel hoch bleibt und der Preisdruck zunimmt.

Von der Senkung der Mehrwertsteuer sollte die Bundesregierung ebenfalls die Finger lassen – und zwar aus mehreren Gründen. Erstens entlastet eine solche Steuersenkung alle Autofahrer – unabhängig vom Einkommen und unabhängig von der Frage, ob man zwingend auf das Auto zum Pendeln zur Arbeit angewiesen ist. Das Prinzip Gießkanne, bei dem alle Autofahrer entlastet werden, ist zudem ziemlich teuer.

Die Mehrwertsteuersenkung würde, so die Angaben der CDU, den Spritpreis um bis zu 25 Cent pro Liter Kraftstoff senken. Der Tankrabatt, den die Regierung für die Monate Mai und Juni verabschiedet hatte, sah nur eine Senkung des Spritpreises von 17 Cent vor und hat 1,6 Mrd. Euro gekostet. Eine Mehrwertsteuersenkung für Kraftstoffe dürfte die öffentlichen Kassen um mehr als eine Milliarde Euro pro Monat kosten. Angesichts der angespannten Haushaltslage beim Bund keine einfache Übung, weshalb die Union bisher noch keinen Vorschlag zur Finanzierung der Steuerausfälle gemacht hat.

Zudem müssen Änderungen an der Mehrwertsteuer von den Bundesländern abgesegnet werden. Ein entsprechendes Gesetz müsste also nicht nur durch den Bundestag, sondern auch noch durch den Bundesrat gebracht werden. Wie die Union einen Start der Mehrwertsteuersenkung für Kraftstoffe ab Anfang Oktober für realistisch hält, ist nicht nachzuvollziehen. Zusätzlich verstößt eine Reduzierung der Mehrwert gegen EU-Recht. Brüssel hatte deshalb vor einigen Monaten die spanische Regierung von ihrem Vorhaben, die Mehrwertsteuer auf Kraftstoffe zu reduzieren, abgehalten. Mit der Bundesregierung dürfte sie ähnlich kritisch verfahren.

Sinnvoll erscheinen deshalb vor allem Direktzahlungen an einkommensschwache Familien und besonders belastete Speditionen. So könnte der Fiskus Pendler, die auf ihr Auto angewiesen sind, mit 100 oder 150 Euro pro Monat entlasten. Die Zahlungen könnten direkt mit der Gehaltsabrechnung überwiesen werden, solange direkte Transfers vom Bund an einzelne Bürger über deren Bankkonten technisch noch nicht funktionieren. Solche Direktzahlungen wirken ausgesprochen gezielt, weil sie die wirklich Betroffenen entlasten und weitaus günstiger sind als eine pauschale Senkung der Mehrwertsteuer. Zudem können direkte Transfers schnell umgesetzt werden.

Mit Blick auf die Landtagswahlen am Sonntag in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sollten sich Union und SPD jetzt auf eine gemeinsame Lösung verständigen. Im Vergleich zu den Reformen bei Steuern, Rente oder Gesundheit sind die hohen Spritpreise ein vergleichsweise einfaches Thema, um als Regierung Handlungsfähigkeit und Lösungskompetenz zu beweisen. Die Zeit drängt – und die Zeit der Ausreden ist vorbei.

18.09.2026 12:29

Zwischenwahljahre in den USA sind speziell an der Börse. Doch alle Statistik hilft wenig, wenn der Präsident Donald Trump heißt und für Wählerstimmen sogar Bares auslobt.

Eigentlich ist der September kompliziert in Mid-Term-Jahren in den USA. Aber bei Donald Trump ist alles anders und Gesetze des Wählens und der Märkte werden da sogar mit in Aussicht gestellten Barzahlungen bei Wahlsieg infrage gestellt. Da hilft der nüchterne Blick aufs große Ganze.

Denn in den USA blicken Investoren jeden Monat auf frische Daten und überreißen dabei die Stimmung. Abgebildet über den bekannten Fear&Greed-Index sind die Börsianer Mitte September eher ängstlich bis sehr ängstlich gestimmt – ein Fear&Greed an der Schwelle zu großer Angst ist deutlich.

Die neue Fondsmanagerumfrage der Bank of America zeigt aber ungewöhnlich viel Zuversicht: „Die Cash-Quote ist auf extrem niedrige 3,5 Prozent gefallen, den sechstniedrigsten Wert seit Beginn der Erhebung 1998“, so die Experten vom Lynx-Broker. Zugleich erwarten 56 Prozent der Befragten ein Durchstarten der Weltwirtschaft. Noch vor vier Monaten waren es gut 30 Prozent.

Kein Wunder also, dass die globale Aktienallokation den höchsten Stand seit November 2021 erreicht hat. So viel Einigkeit ist an der Börse allerdings mit Vorsicht zu genießen. Wenn die Mehrheit bereits positioniert ist, fehlt später ein Teil der Käufer, die für weitere Kursgewinne sorgen könnten. Genau deshalb dürften die kommenden sieben Wochen wichtiger werden, als es die Nähe zu den Rekordständen vermuten lässt.

Bis Oktober bleibt das Umfeld anspruchsvoll

Dazu passt die Tatsache, dass wir uns im vierjährigen US-Präsidentschaftszyklus noch in einer saisonal schwachen Phase befinden. „August und September weisen in Zwischenwahljahren wie 2026 historisch negative Durchschnittsrenditen auf“, rechnet Andreas Lipkow von CMC Markets vor. Ein ähnliches Bild zeigt die Statistik für den DAX – aber auch dort eben nur statistisch auf lange Sicht.

Gleichzeitig halten sich viele Indizes weiterhin über ihrer 21-Tage-Linie, wie das Welt-Aktien-Klima zeigt. Das ist ein Zeichen von Stärke, erhöht nach der langen Aufwärtsbewegung aber auch die Wahrscheinlichkeit einer Konsolidierung. „Für Entwarnung ist es daher noch zu früh, zumal sich auch Volatilitätsbarometer wie VIX und VDAX-New mit Werten um 15 auf historisch niedrigen Niveaus bewegen“, erklärt Thomas Soltau vom Smartbroker.

Das spricht für eine ungewöhnlich entspannte Marktverfassung, macht Absicherungen über Puts aber vergleichsweise günstig. Wer kurzfristig Risiken reduzieren möchte, kann deshalb mit überschaubarem Kapitaleinsatz einen Teilschutz einziehen, statt größere Aktienpositionen vorschnell aufzulösen.  

Schwäche könnte zur Chance werden

Entscheidend ist aber der Blick über den September hinaus. Ab Oktober beginnt im Präsidentschaftszyklus historisch die stärkste siebenmonatige Phase. „Jeder einzelne Monat von Oktober im Zwischenwahljahr bis April im Vorwahljahr weist im Mittel eine positive Rendite auf. Zusammen kommen rund 17 Prozent zustande, die Gewinnquote liegt bei etwa 77 Prozent“, rechnen die Analysten um Andreas Lipkow vom Zertifikatehaus CMC Markets vor.

Eine Korrektur im August oder September wäre vor diesem Hintergrund daher eher eine interessante Gelegenheit. Auch das technische Fundament spricht gegen übertriebene Vorsicht. Nahezu alle wichtigen Indizes notieren weiterhin in Reichweite ihrer Rekordstände und oberhalb ihrer meist steigenden 200-Tage-Linien. Das durchschnittliche Polster beträgt gut neun Prozent.

Selbst eine deutlichere Korrektur würde damit nicht automatisch den mittelfristigen Aufwärtstrend infrage stellen. Fundamental erklärt Ann-Katrin Petersen von Blackrock, dass „die Zeichen der Kapitalmärkte weniger widersprüchlich sind, als sie auf den ersten Blick scheinen: Höhere Renditen – zuletzt ein größeres Diskussionsthema am Markt gemeinsam mit der Inflation – müssen für Aktien nicht zwangsläufig negativ sein. Sie spiegeln neben hartnäckigem Inflationsdruck einen strukturell höheren Kapitalbedarf“. Gemischte Signale eben im September – wie auch bei der Stimmung.

18.09.2026 12:07

Mehrwertsteuer-Senkung? Spritpreis-Deckel? Übergewinnsteuer? Die Bundesregierung will Autofahrer bei den hohen Spritpreisen entlasten – streitet aber noch über das Wie

Die Tankstellenpreise für Benzin und Diesel liegen auf historischen Höchstständen. Nun rückt offenbar eine Entlastung für Autofahrer durch die Bundesregierung näher. Sowohl die Union um Bundeskanzler Friedrich Merz als auch Koalitionspartner SPD wollen eine schnelle politische Entscheidung, ringen aber noch um den richtigen Weg.

Bundesfinanzminister und SPD-Co-Chef Lars Klingbeil erklärte am Freitag, die Bundesregierung arbeite mit den Ländern intensiv daran, eine Lösung zu finden. „Ich bin optimistisch, dass das jetzt auch sehr schnell gelingen kann, dass es zu einer Entlastung kommt“, so Klingbeil vor dem Treffen der europäischen Finanzminister in Dublin. An den Zapfsäulen brauche es ein spürbares Signal. Die Belastung für die Bürgerinnen und Bürger sei groß, vor allem für jene, die auf das Auto angewiesen seien.

Auf Details ging Klingbeil nicht ein. Im Gespräch ist in der Bundesregierung unter anderem eine zeitweise Senkung der Mehrwertsteuer auf Kraftstoffe von 19 auf 7 Prozent. Das würde den E10-Rekordpreis von 2,31 Euro im Tagesdurchschnitt vom Mittwoch bei vollständiger Weitergabe rechnerisch um rund 23 Cent auf etwa 2,08 Euro je Liter verringern.

Kommt die Mehrwertsteuersenkung?

Klingbeil betonte, er sei nicht gegen eine Mehrwertsteuersenkung. „Ich hab' mir nur angewöhnt, erst dann rauszugehen und Sachen öffentlich zu machen, wenn sie beschlossen sind“, sagte der Finanzminister. „Aber ich will jetzt ein klares, schnelles Signal an den Zapfsäulen.“ Er sei guter Dinge, „dass wir das jetzt sehr zügig hinbekommen“.

Ähnlich hatte sich am Donnerstagabend schon CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann in der ZDF-Sendung „Maybrit Illner“ geäußert. „Eine Entlastung um irgendwie 21, 23, 25 Cent der Liter, finde ich, ist schon eine spürbare Entlastung“, sagte Hoppermann. „Und das ist das, was wir jetzt angehen werden zu Anfang Oktober.“ 

Zugleich sprach sich gegen eine Übergewinnsteuer für die Mineralölkonzerne aus, wie sie Klingbeil gefordert hatte. Eine Einführung bringe „kein Cent Entlastung für die Menschen, die an diesen 2,50 Euro, drei Euro Spritpreisen vorbeifahren“, kritisierte die CDU-Politikerin.

Spritpreise heißes Wahlkampfthema

Die hohen Sprit- und Energiepreise dominieren auch die letzten Debatten vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) forderte am Freitag im ZDF-„Morgenmagazin“ die rasche Einführung eines Spritpreisdeckels. Schwesig sagte, ihr Bundesland stehe bereit, schon nächste Woche im Bundesrat ein Modell für niedrigere Spritpreise zu unterstützten.

Ein Preisdeckel wird allerdings in der Union kritisch gesehen. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plädierte zunächst für eine Direktzahlung für Menschen mit wenig Einkommen – doch das kann der Bund technisch noch nicht. Dann brachte sie eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Benzin und Diesel von 19 auf 7 Prozent ins Spiel.

Doch lieber die Strompreise senken?

Eine ganz andere politische Maßnahme befürwortet der ADAC: Der Verband fordert eine Senkung der Stromsteuer. Dies würde private Haushalte entlasten und zugleich einen Anreiz für den Kauf von Elektroautos schaffen, sagte eine ADAC-Sprecherin der „Rheinischen Post“ vom Freitag. Neben fehlenden Lademöglichkeiten sei der hohe Anschaffungspreis ein Grund, warum Verbraucher beim Umstieg auf E-Autos zögerten. Die aktuelle Förderung von Neufahrzeugen vergrößere lediglich die Gruppe der Menschen, die sich ein solches Auto leisten könnten.

Handwerkspräsident Jörg Dittrich sprach sich ebenfalls für eine geringere Stromsteuer sowie für eine Senkung der Lohnzusatzkosten aus. Politische Mittel zur Senkung des Spritpreises sollten allenfalls temporär eingesetzt werden, sagte der Chef des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Währenddessen sprach sich der Wirtschaftsweise Gabriel Felbermayr im Deutschlandfunk dafür aus, lieber gezielt bedürftige Haushalte zu unterstützen. Das sei die treffendere Maßnahme und am Ende günstiger für den Staat. Auch Felbermayr hält es für sinnvoller, den Strompreis zu senken als die Spritpreise.

18.09.2026 11:54

Der Bundestrainer beschert dem Hotelportal Trivago als Werbefigur starken Zulauf. Dessen Chef Johannes Thomas spricht über das Google-Problem und die Wirkung von KI

Das Düsseldorfer Hotelportal Trivago hat sich von einem tiefen Einbruch erholt und legt beim Umsatz inzwischen deutlich zu. „In den letzten sechs Quartalen haben wir zweistelliges Wachstum gehabt“, sagt Trivago-Chef Johannes Thomas im Capital Wirtschaftspodcast. Das war deutlich über dem Markt.“ 2025 hatte das Unternehmen erstmals seit langem wieder einen Nettogewinn ausgewiesen. Trivago ist eine Metasuchmaschine, auf der Preise von Unterkünften und Buchungsportalen wie Booking verglichen werden können.

Für eine Reisebuchung kassiert das Portal eine Gebühr vom jeweiligen Anbieter. Damit die Nutzer auf die Seite gelockt werden, investiert Trivago Hunderte von Millionen Euro in Werbung, für die als zentrale Figur schon vor längerem der Fußballtrainer Jürgen Klopp engagiert wurde.

Als Klopp nach der WM neuer Bundestrainer wurde, steigerte dies seine Werbewirkung noch. „Jürgen Klopp ist für uns als Marke auf jeden Fall ein Gewinn“, sagt Thomas, für den wichtig ist, dass die Kunden direkt auf die Plattform kommen: „Wir haben die Abhängigkeit von Google reduziert.“

Der Trivago-Chef beschreibt im Podcast, wie sein Unternehmen künstliche Intelligenz nutzt um Kosten zu senken. Und er berichtet, welche Länder im Jahr 2026 die stärksten Einbrüche bei Hotelbuchungen erlebten.

Hören Sie in der neuen Folge von „Capital – der Wirtschaftspodcast“

  • Wie Trivago wieder in die schwarzen Zahlen kam
  • Wie das Unternehmen sich gegen KI-Chatbots wehrt
  • Weshalb das Trivago-Team nach Warschau gefahren ist

Alle Folgen finden Sie direkt bei RTL+, Apple oder Spotify

18.09.2026 11:30
Privatversicherte und freiwillig gesetzlich Krankenversicherte können Beiträge für mehrere Jahre im Voraus zahlen. Das spart tausende Euro an Steuern. So funktioniert es
18.09.2026 09:33
Steigende Ölpreise treiben die Kurse von Energiekonzernen in die Höhe. Fernab des Spotlights verdienen aber auch Ausrüster und Dienstleister ordentlich mit. Wo sich Chancen bieten
18.09.2026 06:00
Ökonom Michael Wyrwich analysiert die Wirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern, erklärt, wo die AfD in Ost wie West am schnellsten wächst – und spricht über Unternehmergeist in der DDR
17.09.2026 18:30
Wir müssen uns nicht vor einer Machtübernahme fürchten, sagt Intelligenz-Forscher James Fodor. Die Gefahren durch KI müsse man sich eher wie Industrie-Unfälle à la Tschernobyl vorstellen
17.09.2026 18:00
Wirtschaftsjuristin Jankovska begleitet Menschen beim Kündigen ihres Jobs. Hier spricht sie über dringend benötigte Auszeiten, schlechtes Gewissen – und das richtige Timing
17.09.2026 15:09
Entwickler und Forscher warnen vor dem Weltuntergang durch KI. Sie nennen sogar Wahrscheinlichkeiten. Was folgt daraus? Unser Autor hat da eine Idee.
17.09.2026 14:50

Bluthochdruck erkennen, bevor er gefährlich wird: Huawei will die Smartwatch zum Gesundheitswächter ausbauen – und Millionen Daten für die Forschung nutzbar machen

Bluthochdruck ist die deutsche Volkskrankheit Nummer 1. Laut Zahlen des Robert-Koch-Instituts sind jede dritte Frau und jeder dritte Mann zwischen 18 und 79 betroffen, jeder fünfte Bundesbürger weiß nichts von seiner Hypertonie. 

Zuverlässig diagnostizieren lässt sich ein hoher Blutdruck nur über einen Zeitraum von 24 Stunden, meist mit in einer Arztpraxis ausgeliehenem Messgerät. Doch wo Termine und Equipment so knapp sind wie Forschungsgelder, könnten Smartwatches und andere Wearables sowie Plattformen für „crowd data sourcing“ eine Lücke schließen. Und womöglich langfristig Leben retten. 

Capital sprach mit Andreas Zimmer, Head of Product für Europa bei Huawei, über Medizin und Marketing, „Volksgesundheit“ und kleine Wunder-Gadgets.

CAPITAL: Andreas Zimmer, der Markt für Smartwatches wirkt seit Jahren aufgeteilt, im Wesentlichen zwischen Apple und Samsung. Ist da genug Platz für Huawei?

ANDREAS ZIMMER: Richtig, Apple und Samsung kommen in Deutschland zusammen auf etwas weniger als 50 Prozent Marktanteil. Doch da bleibt noch ausreichend Platz.

Wie verteilt sich der Rest?
Garmin, Xiaomi, Amazfit und Huawei, wobei wir mit Garmin und je zwölf Prozent zu den Großen gehören. Anders als die zwei Platzhirsche verlangen wir jedoch keine Paarung aus Smartwatch und Smartphone der gleichen Marke. Das sind für uns jeweils komplett eigenständige Geschäfte.

Huawei steht spätestens seit 2019 unter „politischer Beobachtung“, etwa zu Stichworten wie Entity List, 5G-Debatte und Korruptionsermittlungen im EU-Parlament. War und ist dieser Gegenwind am Point of Sales zu spüren (gewesen)?
Da wir weiterhin wachsen, scheint es den Abverkauf nicht nachhaltig beeinträchtigt zu haben. Die Nachfrage ist dennoch eine, die häufiger gestellt wird. Wir haben daraus abgeleitet, dass wir uns erst recht wie ein Musterschüler verhalten wollen, wenn es um Themen wie Datenschutz geht. Und mit dem Thema Daten muss sich am Ende unsere ganze Branche beschäftigen, nicht nur die chinesischen Marken. Deswegen speichern wir alle Gesundheitsdaten ausschließlich in Deutschland, auch die anderer europäischer Länder, weil hier die höchsten Standards gelten.

Sie waren gerade auf einem wichtigen Kardiologen-Kongress. Warum?
Wir sind vertreten, weil wir europaweit mit vielen Fachärzten zusammenarbeiten, die medizinisch zertifizierte Produkte wie die „Watch D“ für ihren vielseitigen, einfachen Einsatz schätzen.

Das neueste Modell ist die „Watch D3“. Was kann die, das mein Blutdruckmessgerät aus dem Sanitätsgeschäft oder vom Discounter nicht kann?
Die Frage ist eher, was diese Uhr mit Manschette nicht kann. Sie ermittelt ja nicht nur in Ruhephasen oder in Intervallen während der Nacht, ob sehr wahrscheinlich ein Bluthochdruck vorliegt. Komplett mit Datenexport als PDF zur Vorlage beim Arzt. Sie kann ihrem Träger zudem helfen, im richtigen Pulsbereich Sport zu treiben, was als effektivste Therapie gilt.

Ein EKG kann sie auch erstellen?
Ja, am Handgelenk. Allerdings ein Ein-Kanal-EKG, weil es nur einen Kontaktpunkt gibt, während es klinisch bis zu zwölf rund ums Herz sind. Doch für eine erste Einschätzung, etwa zu Vorhofflimmern, reicht das.

Das „TruSense“-System erfasst über 60 Werte. Wann sagt die Uhr: „Mach einen Termin bei einem Arzt dieser Fachrichtung. Gleich morgen.“
Gute Produktidee, aber die Uhr soll den Arzt nicht ersetzen. Ihr Potenzial liegt darin, dass sie kontinuierlich misst und Trends erkennt. Beim ersten Anzeichen von Abweichungen in den Gesundheitsdaten würde ich nicht in die Praxis rennen, bei mehrfacher Meldung von z.B. Vorhofflimmern definitiv.

In China nehmen rund 76.000 Menschen mit der „Watch D“ an einer Blutdruckstudie teil. Wäre so etwas zur „Volksgesundheit“ auch hierzulande denkbar?
Wir haben in München genau so eine Plattform für Europa angekündigt. Sie heißt Terve, was auf Finnisch „gesund“ bedeutet, und wird mit dem Berliner Unternehmen Thryve umgesetzt, das die Corona-Datenspende fürs RKI gebaut hat. Wir führen auf Terve eigene Studien durch und Forschende können mit ihren Projekten dazukommen, ohne dass Probanden in ein Studienzentrum müssen.

Und meine Daten?
Die werden anonymisiert und nur im Rahmen des Projektes eingesetzt, das Sie vorher ausgewählt haben. Die App ist nirgends vorinstalliert: Ich lade sie bewusst, wähle die Studie und gebe meine Daten allein dafür frei. Und jede Studie wird von einer Ethikkommission begutachtet.

Wo könnte die Zukunft bei den Wearables liegen? Apple verspricht beispielsweise seit Jahren eine nicht-invasive Blutzuckermessung. Ist Huawei schneller?
Da muss man vorsichtig sein: Wir messen den Blutzucker nicht, dafür bleibt der Pieks in den Finger das Mittel der Wahl. Durch die über mehrere Tage hinweg erfassten Messdaten – z.B. durch eine „Watch D3“ – lässt sich aber über die Herzfrequenzvariabilität und Pulswellenanalyse abschätzen, wie eine Mahlzeit sich auf den Zuckerspiegel auswirkt. Dazu läuft gerade unter anderem eine Studie in Dubai.

Warum nicht in Europa?
Die regulatorischen Auflagen machen das zu kompliziert.

Wo führt der weitere Entwicklungsverlauf hin?
Zur retrospektiven Analyse. Wird eine Diagnose gestellt, kann der Arzt mit KI-Unterstützung etwa die letzten drei Jahre an Smartwatch-Daten auswerten, um zu wissen, welche Indikatoren für eine Erkrankung übersehen wurden. Und irgendwann können diese Modelle dann in die Zukunft blicken. In Deutschland starten wir gerade mehrere Pilotprojekte zum Telemonitoring: Die Patienten bleiben dabei zu Hause statt im Krankenhaus, ihre Vitalwerte laufen in eine Plattform und die triagiert den Datenfluss. Nur bei signifikanten Abweichungen von Normwerten wird ein Arzt oder Gesundheitsexperte eingeschaltet. So ein System könnte zusammen mit zertifizierten Wearables die Kosten in ganz Europa massiv senken.

17.09.2026 13:29

Kanada und die Europäische Union wollen ihre Partnerschaft vertiefen. Details sind noch unklar, aber Donald Trump droht vorsorglich mit der Zoll-Kanone

Kanada befindet sich in einem schweren Handelskonflikt mit den USA. Die Europäische Union leidet ebenfalls unter den vom US-Präsidenten verhängten Zölle. Nun sprechen die beiden von Donald Trump gegängelten Mächte über eine Vertiefung der eigenen Partnerschaft.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte am Mittwoch vorgeschlagen, Kanada einzuladen, das „erste assoziierte Mitglied“ der EU zu werden. Am Donnerstag reagierte der kanadische Premierminister Mark Carney im Europäischen Parlament in Straßburg auf die Einladung: Sein Land begrüße die Idee.

Umfragen zeigten, dass eine überwältigende Mehrheit der Kanadierinnen und Kanadier deutlich engere Beziehungen unterstützten, ergänzte der Premier. „Europa und Kanada sind jeweils für sich stark. Gemeinsam sind sie noch stärker“. Zahlreiche Abgeordnete standen nach Carneys Rede auf, um zu applaudieren. Das rechtspopulistische Lager im Parlament hielt sich dagegen auffallend zurück – wie schon bei von der Leyens Rede am Mittwoch.

Darum geht es:

Was hat Ursula von der Leyen vorgeschlagen?

Die EU-Kommissionspräsidentin will Kanada zum ersten „assoziierten Mitglied“ der Europäischen Union machen und die Beziehungen damit auf „das höchstmögliche Niveau“ bringen. Als konkrete Bereiche für eine mögliche engere Zusammenarbeit nannte sie Technologiefragen, die Rüstungsgüterproduktion sowie die Künstliche Intelligenz und die Arktispolitik.

Woher kommt die Idee einer „assoziierten Mitgliedschaft“?

In der aktuellen europäischen Debatte wurde der Begriff zuletzt vor allem durch Bundeskanzler Friedrich Merz prominent. Der CDU-Politiker hatte im Juni für die Ukraine eine „assoziierte Mitgliedschaft“ als Zwischenschritt auf dem Weg zum regulären EU-Beitritt vorgeschlagen. Nach seinen Vorstellungen könnte die Ukraine schon vor dem Beitritt regelmäßig an Treffen des Europäischen Rates und der Fachminister teilnehmen. Denkbar seien außerdem ein ukrainischer Kommissar ohne Geschäftsbereich und Stimmrecht sowie ukrainische Abgeordnete, die ohne Stimmrecht an den Beratungen des Europäischen Parlaments teilnehmen. Merz betonte zugleich, dass dieser Status kein Ersatz für die Vollmitgliedschaft sein solle, sondern eine Vorstufe dazu.

Was will von der Leyen?

Bislang: nichts klar Definiertes. Einen offiziellen Status als „assoziiertes Mitglied“ kennt das EU-Vertragswerk nicht. Es gibt Vollmitglieder, Beitrittskandidaten und zahlreiche Formen enger Partnerschaft mit Drittstaaten – aber keine Mitgliedschaft zweiter Klasse mit diesem Namen. Die EU-Verträge erlauben allerdings sogenannte Assoziierungsabkommen mit Drittstaaten, die gegenseitige Rechte und Pflichten sowie gemeinsame Verfahren festlegen können. 

Wie weit von der Leyen darüber hinausgehen will, muss sie noch erläutern. Denkbar wäre eine Konstruktion, bei der Kanada bei bestimmten Themen systematisch konsultiert wird oder an ausgewählten EU-Programmen und -Formaten teilnimmt. Solche Beteiligungen von Drittstaaten gibt es allerdings schon heute. Eine reguläre Mitgliedschaft ist nach den geltenden Verträgen nicht möglich, weil sie laut Artikel 49 des EU-Vertrags europäischen Staaten vorbehalten ist.

Würde Kanada überhaupt in die EU wollen?

Carney erklärt, Kanada strebe nicht danach, Mitglied der Europäischen Union zu werden. Kanada und Europa sollten ihre strategische Autonomie durch eine enge Zusammenarbeit sichern. „Wir wollen widerstandsfähiger werden, damit niemand unsere offenen Märkte kontrollieren, unsere Souveränität beeinträchtigen, unsere territoriale Unversehrtheit bedrohen oder unsere Freiheiten, unsere Demokratien und unsere Rechtsstaatlichkeit untergraben kann“, erklärte er vor dem Europaparlament. Carney betonte, es gehe nicht darum, einen dritten Block zu schaffen. 

Ist das Vorhaben gegen die USA gerichtet?

Von der Leyen sagte, die angestrebte Partnerschaft richte sich nicht gegen andere, sondern solle die gemeinsame Stärke Europas und Kanadas erhöhen. Auch Carney stellt seine Politik als Diversifizierung dar und nicht als Abkehr von den USA. Man strebe nicht nach Macht, um andere zu beherrschen, sagte Carney am Donnerstag in Straßburg. Man wolle kein Rivale der Großmächte werden. Die schwierigen Beziehungen zu Washington erklären allerdings mit, warum Kanada seine Verbindungen nach Europa derzeit besonders schnell vertieft.

Wie reagiert US-Präsident Trump? 

Auf von der Leyens Vorschlag einer „assoziierten Mitgliedschaft“ für Kanada angesprochen, sagte Trump: „Ich halte das für lächerlich.“ Falls er das Vorgehen als „feindseligen Akt“ empfinden sollte, würde er „sehr hohe Zölle“ verhängen oder den Handel mit Europa in vielen Bereichen einstellen, warnte Trump vor Reportern. Der Präsident sagte allerdings auch, dass das Vorgehen in Ordnung sei, falls die Absicht dahinter gut sei – ohne genauer zu erläutern, woran er das festmachen würde. 

Wie eng sind Kanada und die EU schon heute verbunden?

Erheblich enger als der neue Begriff zunächst vermuten lässt. Seit 2017 wird das Freihandelsabkommen Ceta vorläufig angewendet. Kanada ist zudem seit 2024 an einem wichtigen Teil des EU-Forschungsprogramms Horizon Europe beteiligt. 2025 schlossen beide Seiten eine umfassende Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft. Seit Juni dieses Jahres ist Kanada außerdem das erste nichteuropäische Land, das am EU-Verteidigungsinstrument Safe beteiligt ist. Kanadische Unternehmen und Produkte können damit unter erleichterten Bedingungen bei gemeinsamen Beschaffungen berücksichtigt werden.

Um Ceta gab es jahrelang in der EU Streit. Könnte sich das jetzt wiederholen?

Das ist zumindest nicht ausgeschlossen. 17 der 27 EU-Staaten haben Ceta vollständig ratifiziert; in zehn Ländern – darunter Belgien, Frankreich, Irland, Italien und Polen – ist das nationale Zustimmungsverfahren allerdings bislang nicht abgeschlossen. Das verhindert den Großteil des Handelsabkommens nicht, zeigt aber, wie schwierig die politische Zustimmung zu weitreichenden Verträgen mit Drittstaaten sein kann.

Wie geht es nun weiter?

Zunächst müssen EU-Kommission und Kanada klären, wie aus dem politischen Vorschlag ein konkretes Modell werden kann. Welche Bereiche sollen dazugehören? Welche Mitspracherechte bekommt Kanada? Welche Verpflichtungen übernimmt es? Und welche Rechtsgrundlage wird genutzt? Eine erste wichtige Wegmarke dürfte der nächste EU-Kanada-Gipfel am 29. und 30. Oktober sein. Schon vor von der Leyens Rede hatte die Kommission diesen Termin als nächsten wichtigen Schritt in den Beziehungen hervorgehoben.

Transparenzhinweis: Dieser Text wurde mehrfach aktualisiert.

17.09.2026 10:30
Müllermilch-Milliardär Theo Müller ist mit Alice Weidel befreundet und feiert die Erfolge der AfD. Boykottaufrufe können seinem Molkerei-Imperium bisher nichts anhaben
17.09.2026 08:00

Europäische Chemie-Aktien schlagen 2026 bislang sogar den S&P 500. Dabei steckt die Branche noch immer in schwierigem Fahrwasser. Anleger dürfen trotzdem auf weitere Kurssprünge hoffen

Bei Chemie-Aktien liegen Gewinner und Verlierer derzeit weit auseinander. Trotzdem zeichnet sich an der Börse ein bemerkenswerter Trend ab: Nach mehreren schwierigen Jahren setzen viele Titel zur Erholung an. Europäische Chemieaktien haben seit Jahresanfang rund 15 Prozent zugelegt. Verglichen mit dem S&P 500 mit plus 10,8 Prozent und dem Euro Stoxx 50 mit plus 6,3 Prozent ist das ein respektabler Wert.

Bemerkenswert ist die Entwicklung vor allem deshalb, weil die eigentliche Chemiekonjunktur noch immer schwach ist. Die europäischen Chemiefabriken sind nach Angaben des Branchenverbands Cefic derzeit nur zu rund 75 Prozent ausgelastet und damit deutlich schlechter als im langjährigen Durchschnitt. Die Nachfrage bleibt verhalten, besonders die Grundstoffchemie und die Kunststoffproduktion leiden unter weltweiten Überkapazitäten.

An der Börse wird aber die Zukunft gehandelt. Und offenbar setzen Anleger zunehmend darauf, dass die jahrelange Krise viele Unternehmen gezwungen hat, Kosten zu senken, Werke umzubauen und sich von weniger rentablen Geschäften zu trennen. Wer dabei schnell vorankommt, wird belohnt. Wer hinterherhinkt, bekommt das Gegenteil zu spüren.

Der Standort wird immer wichtiger

Wie unterschiedlich es innerhalb des Sektors zugeht, zeigt die Kursentwicklung von BASF und Lanxess. Während die BASF-Aktie um gut 16 Prozent zulegte, verlor Lanxess fast 20 Prozent. BASF profitierte zuletzt von seiner Größe und dem Verbund seiner Standorte. Zudem weckt die geplante Veräußerung des Agro-Geschäfts Hoffnungen bei Anlegern. Lanxess belastet dagegen unter anderem der größere Anteil der Produktion in Deutschland, wo die Energiekosten besonders hoch sind.

Die Chemiebranche benötigt viel Energie. Entsprechend wichtig sind günstige Produktionsbedingungen. Gerade hier hat Europa gegenüber den USA weiterhin einen erheblichen Nachteil: Erdgas ist für europäische Chemieunternehmen deutlich teurer als für ihre amerikanischen Konkurrenten. Vor diesem Hintergrund erscheint die jüngste Übernahme von Covestro aus Leverkusen durch den Ölkonzern Adnoc aus Abu Dhabi strategisch schlüssig. Covestro bringt führende Chemietechnologie mit, Adnoc den Zugang zu günstigen Rohstoffen. Dieses Modell könnte Schule machen.

Gut entwickelte sich in diesem Jahr auch die Aktie von Wacker Chemie. Bessere Geschäftszahlen und Prognosen gaben dem Kurs Auftrieb. Noch stärker lief es bei Evonik aus Essen. Dort zeigen Kosten- und Sparmaßnahmen Wirkung. Die Geschäftszahlen dürften ihren Tiefpunkt hinter sich gelassen haben. Der Börsenliebling der vergangenen Jahre, Alzchem aus Trostberg, legte dagegen eine Pause ein. Das Unternehmen musste zunächst seine Produktionskapazitäten für Kreatin und andere Nahrungsergänzungsmittel ausbauen.

Talsohle bei Chemie-Aktien durchschritten

Auch außerhalb Deutschlands gehen die Kurse weit auseinander. Stark präsentierten sich die in der Schweiz notierten Chemiekonzerne Clariant, EMS-Chemie und DSM-Firmenich. Dafür waren vor allem Entwicklungen bei den einzelnen Unternehmen verantwortlich. Schwierigere Monate erlebten dagegen AkzoNobel, UCB und Solvay aus den Benelux-Staaten. Auch einige amerikanische Chemiespezialisten wie Eastman Chemical und Westlake mussten in den vergangenen neun Monaten Kursverluste hinnehmen.

Zu den stärksten Chemieaktien des Jahres zählt dagegen LyondellBasell aus Houston. Dem Basischemie-Konzern helfen unter anderem die gute Versorgung mit Erdgas und die vergleichsweise niedrigen Gaspreise in den USA. Damit zeigt sich auch hier, wie wichtig der Standort für die Chemiebranche geworden ist. Andere Chemieunternehmen werden dagegen von geopolitischen Konflikten belastet. Borouge aus den Vereinigten Arabischen Emiraten etwa leidet unter den Problemen beim Transport durch die Straße von Hormus.

Insgesamt spricht einiges dafür, dass die Chemiebranche nach schwierigen Jahren die Talsohle durchschritten hat. Trotz geopolitischer Konflikte und höherer Rohstoffpreise senken viele Unternehmen ihre Kosten und bauen ihre Strukturen um. Damit könnten sie gestärkt in einen neuen Aufschwung starten.

17.09.2026 06:00
Porsche plant einen Luxus-Sportwagen in einer deutlich höheren Preisklasse. Mit dem neuen Modell wollen die Stuttgarter zur exklusiven Konkurrenz von Ferrari und Co. aufschließen