Capital Wirtschaftsnachrichten
Mode- und Luxusmarken reisen ihrer Klientel in die Ferien nach. So auch Longines, auf Sylt, und zwar bereits seit fünf Jahren. Was führt die Schweizer Uhrenmarke in Deutschlands hohen Norden?
Als Gabrielle „Coco“ Chanel einst Boutiquen in Deauville (1913) und Biarritz (1915) eröffnete, erfand sie damit quasi im Alleingang die saisonale Expansion der Couture. Fortan folgten auch andere Designer und Marken ihren Kunden in die Ferien. Heute bespielt das Modehaus Dior elitäre Beachclubs auf Capri, das Label Jacquemus ist in Bodrum vor Ort und Gucci macht sich am Strand in Ramatuelle breit.
In Deutschland führt beim Urlaubsgeschäft kein Weg an Sylt vorbei. Bereits 2022 eröffnete Louis Vuitton in Kampen den ersten Luxus-Pop-up-Store und fand rasch Nachahmer. Im selben Sommer machte auch die Schweizer Uhrenmarke Longines in den „deutschen Hamptons“ Station, damals noch im Rahmen einer Roadshow und in einem urigen Airstream.
Seit 2023 steht im Juli und August eine feste Installation aus blau-weiß gestrichenen traditionellen Badehäuschen am Wattweg 1, gleich gegenüber von zwei Partnerjuwelieren. Dort ist auch das jährliche Sondermodell erhältlich, eine „Sylt Edition“ aus wechselnden Kernkollektionen.
Zum fünften Jubiläum spricht Capital mit Christina Hentschel, Vice President Marketing von Longines, über die Anfänge dieser noblen „Guerilla-Aktion“, über Insulaner-Feedback und darüber, warum Luxusmarken ihrer Klientel hinterherreisen sollten.
Frau Hentschel, Longines wurde 1832 in Saint-Imier in der Schweiz gegründet. Wie kam es zu der Mission „Auf nach Sylt“?
CHRISTINA HENTSCHEL: 2022 startete das Team eine Roadshow durch Deutschland, um die Marke vor allem bei deutschen Uhrenliebhaberinnen begehrenswert zu machen. Die Route führte vom Titisee über Sylt bis nach Wiesbaden. Dabei wurde eine besondere Verbindung zwischen Longines und Sylt offenkundig, woraus die Idee für eine Sonderedition entstand. Im nächsten Jahr entwickelte sich daraus das Konzept eines Pop-ups, um die Marke erlebbar zu machen.
Warum Kampen – und nicht Sankt Peter-Ording oder Timmendorf? Gab es einen Plan B?
Nein, den gab es nicht. Sylt passt einfach perfekt: diese Natürlichkeit, Authentizität, aber auch die Eleganz und Lässigkeit. Für viele Deutsche ist die Insel ein Sehnsuchtsort. Sie verbinden damit Ferienerlebnisse, Traditionen und Werte, die den unseren nah sind. Wir sind keine laute Marke, wir krakeelen nicht herum. Und Sylt besitzt das gleiche Understatement, verbunden mit der Offenheit und Herzlichkeit der Einheimischen. Zudem stimmte mit unseren Partnern vor Ort – Wempe und Spleed – einfach die Chemie.
Beachclubs mit Logo-Handtüchern, Partys, Saison-Restaurants: Warum funktioniert es so gut, den Kunden in die Ferien zu folgen?
Im Urlaub sind Menschen aufnahmefähiger, entspannter, neugieriger auf Neues. Mit den Strand-Umkleidekabinen aus Holz, die unseren Pop-up bilden, haben wir eine traditionelle Architektur gewählt, mit der sich jeder identifiziert. Wir gliedern uns in die Umgebung ein, statt sie zu dominieren.
Nutzt sich so eine Präsenz irgendwann ab? Stichwort „Pop-up-Fatigue“.
Anfangs kamen vor allem Spontanbesucher. Doch inzwischen haben wir uns etabliert. Jetzt heißt es oft: „Longines ist wieder da mit einer neuen Uhren-Sonderedition.“ Ja, manche sagen, Wiederholung sei langweilig. Aber in dieser schnelllebigen Welt lohnt sich solche Kontinuität, gerade von einer Manufaktur mit knapp 195 Jahren Geschichte. Sie verstärkt Emotionen.
Sylt ist klein, die Zahl der Marken wächst. Ist da Kameradschaft oder werden die Ellenbogen spitzer?
Nein, die Ellenbogen müssen wir nicht ausfahren. Dafür haben wir uns diesen Platz am Wattweg 1 in Kampen wirklich gut erobert. Für uns geht es eher darum: Was können wir jedes Jahr anders machen, wie können wir das Konzept weiterentwickeln?
Wie eng sind die Grenzen im Swatch-Konzern, etwa für Projekte wie die Sylt Edition?
Wir haben sehr viel Gestaltungsfreiraum, weil wir als Team im Stammhaus gemeinsam mit den lokalen Märkten die Marke gestalten. Solange wir uns an unserer Geschichte und unseren Werten orientieren, stehen uns da alle Möglichkeiten offen.
Die Basis wechselt jedes Jahr: 2023 die „DolceVita“, 2024 die „Mini DolceVita“, 2025 die „Conquest“. Nach welchem Muster wird entschieden?
Das diskutieren wir jedes Mal neu. Dabei orientieren wir uns daran, was das Modellhighlight des kommenden Jahres ist – in diesem Fall, also 2026, war das die „HydroConquest“. Und zwar in zwei Größen. Anschließend überlegen wir, welche besondere Kombination aus Zifferblatt, Lünette und Armband einen Sinn ergibt. Dabei spielt auch das jeweilige Land eine Rolle: Welche Kollektion läuft dort gut? Möchten wir stärker Frauen ansprechen? Soll die Uhr unisex, sportlich oder elegant sein?
Ein paar hundert limitierte Uhren dürften kein Pop-up finanzieren. Woran messen Sie den Erfolg von Longines auf Sylt?
Es ist immer ein Mix: der erzielte PR-Wert, die Presse-Erwähnungen, die Besucherzahlen im Pop-up, der Durchverkauf bei den Partnerjuwelieren und die Reichweite auf Social Media. Wir bekommen mittlerweile auch viele Anfragen, wann denn die nächste Kollektion kommt. Die Sonderedition zeigt vor allem, dass Deutschland für uns ein wichtiger Markt ist. Wir denken langfristig und mehr qualitativ als bloß auf wenige Benchmarks fokussiert.
Nach fünf Jahren: Wäre eine feste Boutique auf Sylt der nächste Schritt, oder zieht die Longines-Karawane irgendwann weiter?
Da müssen Sie sich überraschen lassen, mehr möchte ich im Moment nicht sagen. Ob eine Boutique ein großes Risiko wäre, weiß ich nicht. Aber wir haben absoluten Respekt vor unseren Konzessionären und pflegen zu beiden enge, vertrauensvolle Beziehungen. Das sind Partnerschaften, auf die wir stolz sind. Insofern sehen wir aktuell keinen Bedarf.
Die Entwickler von ChatGPT wollen deutsche Unternehmen von ihrer Technik überzeugen. Zu den Kunden gehören die Telekom, Stadler und der VfL Wolfsburg
Als das US-Unternehmen OpenAI im Jahr 2022 das Sprachmodell ChatGPT vorstellte, war die Begeisterung groß: Technik, mit der man reden kann wie mit einem Menschen, könnte, so die Hoffnung, auch deutsche Unternehmen effizienter und erfolgreicher machen. Inzwischen ist bei vielen Managern Ernüchterung eingekehrt, in Studien bezweifeln Unternehmenschefs immer wieder, dass ihnen künstliche Intelligenz schnell weiterhelfen kann.
Bei OpenAI, das im Mai 2025 ein Büro in München eröffnet hat, setzt man jedoch nach wie vor darauf, deutsche Firmen für einen Einsatz der Modelle zu gewinnen. „Wenn ich einen Prozess automatisieren kann, ist es sehr klar, dass sich die Investition rentiert“, sagt Christoph Winter, der sich für OpenAI um deutsche Unternehmenskunden kümmert, im Capital Wirtschaftspodcast. „Das kann mehrere Millionen bis zu Milliarden von Dollar ausmachen.“
Der KI-Anbieter arbeitet dafür unter anderem mit der Deutschen Telekom, dem VfL Wolfsburg oder mit dem Anlagenbauer Stadler zusammen. Dabei geht es auch darum, in Zahlen zu zeigen, was die Technologie bringen kann. „Es kommt mehr in unseren Fokus, die Wirkung von KI messbar zu machen“, sagt Winter.
Zunehmend spielen allerdings auch Sicherheitsfragen eine Rolle – erst recht, nachdem bekannt geworden war, dass ein OpenAI-Modell in einer Testanordnung eigenständig eine andere Plattform gehackt hat. „Die Fähigkeiten der Modelle werden sehr groß“, sagt Winter, „und wir müssen uns natürlich die Frage stellen, wie wir sicherstellen können, dass wir uns gegen negative Aspekte schützen“.
Hören Sie in der neuen Folge von „Capital – der Wirtschaftspodcast“
- Wie OpenAI den Widerstand gegen Rechenzentren wahrnimmt
- Was im Münchner Büro passiert
- Was der KI-Anbieter mit dem VfL Wolfsburg zu tun hat
Vor Superlativen schreckt Elon Musk bekanntlich nicht zurück. Jetzt will er die größte Chipfabrik aller Zeiten bauen. KI-Chips und Rechenzentren für den Weltraum sollen dort produziert werden
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Früher haben Finanzminister ganze Regierungen geprägt. Lars Klingbeil dagegen verwaltet Konflikte, statt steuerpolitische Akzente zu setzen – obwohl Deutschland mehr denn je eine mutige Reform braucht
Früher war das Amt des Bundesfinanzministers der schönste Job im Kabinett, zumindest nach dem Kanzler. Und wenn nicht immer der schönste, dann auf jeden Fall der mächtigste. Als Herr über die Milliarden kann der Finanzminister qua Amt in jedes Ressort hineinregieren und Politik mitgestalten. Und über Steuern und Subventionen betreibt er zudem ganz nebenher die wohl wirkungsvollste Wirtschaftspolitik – im Guten wie im Schlechten.
In den vergangenen Jahrzehnten gab es einige mächtige Finanzminister – von Peer Steinbrück in der großen Finanzkrise über Wolfgang Schäuble, der Meister der schwarzen Null, bis zu Olaf Scholz, der das Amt nach der Coronapandemie als Sprungbrett ins Kanzleramt nutzte. Die Regel ist einfach: Wer das Geld hat, bestimmt nicht alles, aber doch ziemlich viel.
Diese Woche jedoch zeigte der amtierende Finanzminister Lars Klingbeil nicht seine ganze Macht, sondern seine ganze Ohnmacht.
Zuerst fand sein Gesetzesentwurf für die geplante Steuerentlastung im kommenden Jahr, um es milde auszudrücken, nicht ganz den Beifall, den sich der Minister selbst wahrscheinlich erhofft hatte. Dann machte er auch noch, weitgehend unerklärt, wieder einen Rückzieher und weckte damit erst recht Zweifel an seiner Amtsführung. Doch der Reihe nach.
Für den Ärger über den Gesetzentwurf gab es vor allem zwei Gründe: Die einen regten sich (zu Recht) noch einmal darüber auf, dass die vor der Sommerpause versprochene Steuerentlastung von rund 10 Mrd. Euro in den kommenden zwei Jahren nicht mal die Wirkung der kalten Progression ausgleichen wird. Unter diesem Begriff verstehen Steuerfachleute eine steigende Steuerbelastung durch Lohnerhöhungen, die jedoch nur der allgemeinen Inflation entsprechen – die also real gar keinen Gehaltszuwachs bringen. Im Endeffekt wird Klingbeils Mini-Entlastung also dazu führen, dass die Steuerbelastung in zwei Jahren dennoch größer ist als heute – weil diese Koalition, anders als in den letzten Jahren üblich, ganz bewusst damit bricht, den Inflationseffekt bei der Einkommensteuer regelmäßig auszugleichen.
Die anderen empörten sich über ein Detail der geplanten Gegenfinanzierung: Klingbeils Entwurf sah nicht nur die verabredete Steuererhöhung für Top-Verdiener vor, sondern auch eine Belastung für bestimmte Vereine – wichtig: nicht für die Sportfreunde von Wanne-Eickel, sondern für große Vereine und Verbände. Ganze 45 Mio. Euro wollte der Finanzminister so zusätzlich einnehmen – ein kleinlicher und kläglicher Betrag, der ohne Not für großen Ärger sorgte. Tagelang ließ Klingbeil die Meldung laufen, er wolle künftig praktisch alle Vereine einer härteren Steuerpflicht unterwerfen, eine Nachricht, die tausenden Schatzmeistern und Kassenwarten auf ihren Sportplätzen Schweißperlen auf die Stirn trieb.
Und bevor Klingbeil auch nur einmal öffentlich Stellung zu seinem Gesetzentwurf genommen hatte, kündigte er schon wieder einen Rückzug an: „Durch die öffentliche Debatte der letzten Tage“ sei „der Eindruck entstanden, wir würden es den Tausenden Ehrenamtlichen in unseren Vereinen schwer machen wollen“, räumte der Minister zerknirscht ein. Das wolle er nun ausräumen. Mag sein, möchte man entgegnen, aber nicht die öffentliche Debatte erweckte den Eindruck, sondern sein Gesetzentwurf und seine Nicht-Kommunikation. Mein Kollege Sven Afhüppe hat „Klingbeils Geisterfahrt“ treffend kommentiert: „Von einem Finanzminister erwarten die Menschen zu Recht, dass er weiß, welche Folgen bestimmte steuerpolitische Maßnahmen haben.“
Klingbeil agiert mut- und ideenlos
Das Problem mit Klingbeils Amtsführung reicht allerdings über den aktuellen Gesetzentwurf hinaus. Echte steuerpolitische Initiativen und Innovationen traut sich Klingbeil nämlich offenkundig kaum zu. Monatelang ließ er in diesem Frühjahr diverse Optionen für eine Steuerentlastung in seinem Haus durchrechnen, verwarf jedoch die meisten wieder. Vor den entscheidenden Koalitionsverhandlungen Ende Juni präsentierte er schließlich zwei Varianten, die beide schon zu ambitionslos waren. Und raus kam am Ende eine dritte, noch kleinere Lösung. Fairerweise muss man hinzufügen, dass auch CDU und CSU zu mehr nicht bereit waren.
Diese Mut- und Ideenlosigkeit ist umso tragischer, als sich in den kommenden Monaten eine echte wirtschaftspolitische Chance für Union und SPD auftut: Die Koalition könnte mit einer größeren Steuerreform einen zusätzlichen Impuls in einen beginnenden Aufschwung hineingeben. Um die nach wie vor schwachen privaten Investitionen im Land endlich anzukurbeln, wäre das ganz entscheidend.
Die Ausgangslage dafür ist so gut wie lange nicht: Viele große Konzerne jenseits der Autoindustrie vermelden seit Monaten deutlich steigende Aufträge und Bestellungen, bei Airbus, Siemens und Siemens Energy sind die Kapazitäten auf Monate, zum Teil Jahre ausgeschöpft. Von der Rüstungsindustrie ganz zu schweigen. Eigentlich die perfekte Lage, um jetzt in neue und größere Fabriken zu investieren. Was aber zu einem kräftigen und langfristigen Aufschwung fehlt, ist das Zutrauen der Unternehmen auf attraktive und verlässliche Rahmenbedingungen hierzulande – und dazu bräuchte es eine Entlastung beim Faktor Arbeit und mehr finanziellen Spielraum für Arbeitgeber und Konsumenten. Ich empfehle Ihnen dazu auch unser Interview mit dem Chefvolkswirt der Berenberg-Bank, Holger Schmieding, der Deutschland eine echte Chance voraussagt: „Es wäre dann ein Aufschwung wie aus dem Lehrbuch.“
Eine höhere Mehrwertsteuer schafft Spielraum für Entlastungen
Und genau hier kommt wieder Lars Klingbeil ins Spiel: Der einzige Schlüssel für eine echte Reform der Einkommensteuer und eine Senkung der Lohnnebenkosten ist und bleibt die Mehrwertsteuer. Sie zu erhöhen, mag zwar widersinnig klingen, wenn man eigentlich entlasten will. Aber mit den Mehreinnahmen ließen sich sowohl die Krankenkassenbeiträge deutlich senken als auch die Steuern auf Einkommen und Gewinne.
In der Union gibt es sogar etliche Befürworter einer solchen Reform. Traditionell schwer tut sich die SPD, weil sie eine Belastung von Familien und Geringverdienern fürchtet. Aber auch darauf gibt es Antworten: Man könnte etwa die Mehrwertsteuer auf Nahrungsmittel senken oder gar ganz abschaffen – dafür aber für den ganzen Rest der Warenwelt auf 21 oder 22 Prozent anheben. Man könnte auch, wie es Ifo-Präsident Clemens Fuest kürzlich vorgeschlagen hat, den ermäßigten Steuersatz für Lebensmittel ganz abschaffen, dafür aber mit den Mehreinnahmen (immerhin mehr als 40 Mrd. Euro pro Jahr), die allgemeinen Steuern senken und zusätzlich einen neuen Sozialausgleich für jene schaffen, die wirklich darauf angewiesen sind.
Optionen gibt es im Steuersystem viele – es wäre am Finanzminister, genau für solche Reformen Vorschläge auf den Tisch zu legen. Noch ist es dafür nicht zu spät.
Als CEO des Ventilbauers Bürkert bekommt Georg Stawowy Kennzahlen und Kundenfeedback zuhauf, persönliches Feedback dagegen kaum. Warum Führung an der Spitze einsam machen kann – und Nähe trotzdem unverzichtbar bleibt
Bürkert Fluid Control Systems sitzt in Ingelfingen und stellt unter anderem Ventile, Regler und Messgeräte für Flüssigkeiten und Gase her. Die Kunden kommen zum Beispiel aus der Pharma- und Lebensmittelindustrie, sind Raumfahrt- oder Energieunternehmen. Bürkert beschäftigt weltweit über 3700 Menschen und hat 2025 rund 680 Mio. Euro umgesetzt. Die Geschäfte führt seit 2023 Georg Stawowy.
Herr Stawowy, Sie waren Manager in bekannten deutschen Familienunternehmen wie Freudenberg und Lapp. Bei Bürkert sind Sie nun erstmals in der Rolle des CEO. Was hat sich dadurch für Sie verändert?
GEORG STAWOWY: In Unternehmen gibt es so eine Tendenz, dass Dinge hoch delegiert werden. Wenn der Audioguide fürs Unternehmensmuseum freigegeben werden muss, dann sagen alle: Keine Ahnung, wer das machen kann. Dann geben wir es mal dem CEO! Bei Lapp war ich Vorstandsmitglied, aber nicht Vorstandsvorsitzender. Da geht vieles an einem vorbei. Ich habe also Respekt davor entwickelt, was jetzt plötzlich alles auf meinen Tisch landet. Aber ich habe mich ja bewusst dafür entschieden, nach vielen Berufsjahren zu sagen: Jetzt möchte ich es mal so machen, wie ich es für gut erachte. Realistisch betrachtet würde ich sagen: Da wird kein weiteres berufliches Kapitel mehr kommen, sondern das ist jetzt das Finale.
Am Ende sind Sie es nun, der die Entscheidungen trifft. Erleben Sie das als Druck oder als Freiheit?
Definitiv als beides. Ich erinnere mich, wie ich als Berufsanfänger wichtige berufliche Meetings hatte. Da habe ich geschwitzt, war gestresst und habe vorher schlecht geschlafen. Wenn es so weitergegangen wäre, könnte ich den Job nicht machen. Aber man entwickelt eine Routine. Je höher man kommt, desto mehr Autonomie gewinnt man auch, weil man nicht nur getrieben ist, sondern selbst derjenige ist, der die Akzente und das Tempo setzt. Damit hat man es in der Hand. Das fühlt sich anders an, als wenn man getrieben wird.
Empfinden Sie es gleichzeitig als anstrengend, immer derjenige zu sein, der die anderen antreibt?
Ja. Ich sage immer: Es zupfen Menschen an mir. Es sind so kleine Sachen. Man geht in die Kantine und wird trotzdem noch mal kurz angesprochen und muss immer verfügbar sein. Dieses permanente Zupfen, das empfinde ich als anstrengend. Aber ich bekomme auch etwas zurück. Die entscheidende Frage ist: Wie ist die Balance? Ich hatte berufliche Phasen, in denen sie negativ war, in denen ich mehr reingesteckt als zurückbekommen habe. Das ist jetzt anders. Das ermöglicht mir, immer wieder reinzugehen, auch wenn ich ständig gepikst werde. Ich ermüde nicht dabei, sondern schöpfe viel Energie daraus.
Was hat sich noch verändert?
In der CEO-Rolle bekommt man sehr viel Rückmeldung über Kennzahlen oder Kundenfeedback. Persönliches Feedback gibt es dagegen wenig – oder man wertet es selbst ab. Wenn mir einer sagt: Du, Georg, toll gemacht, dann weiß ich nicht, ob er das ehrlich so meint. Ich glaube, ich kann gut auf Menschen in allen Funktionen und Hierarchieebenen zugehen. Das zu tun, ist wichtig, um Stimmungen aufzufangen und zu spüren, welches Thema ansteht. Ich habe für mich das Bild entwickelt, dass eine Führungskraft schwingen und dämpfen können muss. Man muss Dinge abfedern, die nicht durchregnen sollen. Man muss aber auch Akzente setzen und schwingen, damit andere Dinge stärker spürbar werden. Ich glaube, dafür braucht man ein Ohr an den Leuten.
Wenn Sie nie wissen, wie ehrlich ein Lob ist: Macht Ihre Rolle Sie einsam?
In gewisser Weise ist das so. Als ich noch bei Freudenberg war, habe ich mich gewundert, wenn der CEO allein in der Kantine saß. Heute bin ich es, der manchmal allein in der Kantine sitzt. Es ist schon so, dass man vorsichtiger wird. Das Feedback kann ja aufrichtig sein, aber man weiß es eben nicht. Die Schwierigkeit ist, dass ich auf der einen Seite für mich entschieden habe, einen Zaun um mich zu ziehen und eine gewisse Distanz zu halten. Ich lade Mitarbeitende zum Beispiel nicht zu mir nach Hause zum Essen ein. Aber umgekehrt braucht es Nähe, damit ich weiß: Dieses Feedback kann ich ernst nehmen und es ist mir wichtig. Diese Beziehung muss ich pflegen, das ist eine Energiequelle. Das ist eine schwierige Gratwanderung.
Was sind aktuell im Unternehmen die größten Herausforderungen?
Ich überzeichne immer ein bisschen, wenn ich sage: Bürkert ist wie ein Franchiseunternehmen groß geworden. Das gilt für andere deutsche Familienunternehmen genauso. Man entwickelt in Deutschland, produziert hier, das Marketing kommt aus Deutschland. Wir sehen aber, dass es weltweit Produkte in ähnlicher Qualität gibt, dass die Vertriebswege transparent sind, dass es Handelsbeschränkungen gibt, dass also „local for local“ natürlich der richtige Weg ist. Für uns bedeutet das eine Transformation, weil wir hier in Ingelfingen akzeptieren müssen: In Indien gibt es Menschen, die das genauso gut können und vielleicht sogar schneller. Wir müssen also eine dezentralere Organisation schaffen.
Welche Rolle spielt dann in Zukunft noch die Unternehmenszentrale?
Wir müssen definieren, was der europäische Markt braucht. So wird heute noch nicht unbedingt gedacht. In Ingelfingen sitzen noch immer alle und sagen: Ich muss für die Welt mitdenken. Und ich sage denen jetzt: Nein, ihr müsst den europäischen Weg definieren. Wir haben in Deutschland hervorragend ausgebildete Menschen und eine Tradition, weltoffen zu sein. Wir sprechen Englisch, wir sind es gewohnt zu reisen. Die Kompetenz, die wir im Headquarter brauchen, ist, dass wir ein internationales Netzwerk koordinieren können. Das ist ein komplett anderes Verständnis: Ich denke nicht für Indien vor, sondern ich beantworte die Frage: Was müssen wir für Indien tun, damit sie das selbst entwickeln können? Das ist das Skillset, aus dem wir ein stärkeres Selbstbewusstsein beziehen müssen.
Hört man manchen Unternehmern und Gründern zu, hat man das Gefühl, einige hätten den Standort Deutschland abgeschrieben. Zu denen scheinen Sie nicht zu gehören.
Das ist so. Wird das alles gut gehen? Weiß ich nicht. Haben wir hohe Risiken, dass hier alles den Bach runtergeht? Definitiv. Wenn ich mit Mitte 50 in meiner Blase unterwegs bin, dann unterhalten wir uns über Eltern, die pflegebedürftig sind, und über Kinder, die aus dem Haus sind. Dann stellt man fest: Wir sind jetzt diejenigen, die den Unterschied machen können. Auf wen soll ich schimpfen? Über wen lästern? Wir haben es jetzt in der Hand. Das verpflichtet. Meine Aufgabe verpflichtet mich natürlich auch zu einer gewissen Zuversicht. Aber ich bin davon überzeugt, dass es keinen Trend ohne Gegentrend gibt. Wenn wir sagen, die Arbeitskosten in Deutschland sind zu hoch, die jungen Leute wollen nicht mehr arbeiten – unabhängig davon, ob es wahr ist oder nicht – muss man fragen: Haben die jungen Menschen in China Lust, 70 Stunden die Woche zu arbeiten? Nein, haben sie nicht. Es gibt ja auch da eine gewisse Saturierung. Es gleicht sich alles irgendwie an, das ist nur eine Frage der Fristigkeit. Bei allen Pisa-Schwächen haben wir immer noch ein Top-Ausbildungsniveau und eine weltoffene Gesellschaft, die wir weiter pflegen sollten. Das sind die Fähigkeiten und Kompetenzen, die wir brauchen.
Bei den aktuellen Umfrageergebnissen der AfD fragt sich allerdings, ob es mit der Weltoffenheit in Deutschland wirklich so weit her ist.
Unternehmen kommt eine immer größere gesellschaftliche Verantwortung zu. Wir brauchen diese Weltoffenheit, weil wir jeden Tag mit Menschen aus der ganzen Welt zu tun haben. Wenn sie im Kontakt sind, geht es um das Fußballergebnis oder das Bier, nicht um Migrationsprobleme. Haben wir als Gesellschaft eine weltoffene Einstellung? Na ja, wir sind in einer Zerreißprobe. Aber für das Unternehmen kann ich sagen: Das sind das ganz praktische und gar nicht so sehr ethische Aspekte, wir brauchen das, weil es unser Tagesgeschäft ist.
Die deutsche Autoindustrie verliert Arbeitsplätze wie nie zuvor: 42.300 weniger binnen eines Jahres. Seit 2019 ist jeder sechste Job verschwunden. Das hat auch Auswirkungen auf andere Industriezweige.
In der deutschen Autoindustrie schwinden die Arbeitsplätze derzeit schneller als in jeder anderen Industriebranche. Zum Ende des ersten Halbjahres 2026 waren in der deutschen Leitbranche noch 691.500 Menschen beschäftigt und damit so wenig wie noch nie seit Beginn der vergleichbaren Statistikreihe im Jahr 2005, wie das Statistische Bundesamt berichtet. Weiterer Stellenabbau steht bevor.
Die aktuelle Zahl entspricht einem Rückgang von 42.300 Beschäftigten oder 5,8 Prozent innerhalb eines Jahres. Auch in anderen Industriezweigen gingen Arbeitsplätze verloren, wenn auch im geringeren Tempo. Im gesamten verarbeitenden Gewerbe sind in der Jahresfrist 144.000 Jobs verschwunden. Die Zahl der Beschäftigten ging damit um 2,7 Prozent auf 5,29 Millionen zurück.
Stellenabbau verschärft sich
Seit dem Vor-Corona-Jahr 2019 sind in der Autoindustrie 16 Prozent der Arbeitsplätze (142.400 Jobs) weggefallen, stellt die Beratungsgesellschaft EY in ihrem aktuellen Industriebarometer fest. Experte Jan Brorhilker erwartet weitere Stellenverluste:
„Viele Unternehmen haben ihren Restrukturierungskurs noch lange nicht abgeschlossen. Angesichts hoher Arbeitskosten, einer schwachen Produktivitätsentwicklung und zunehmenden internationalen Wettbewerbs planen viele Unternehmen, den Stellenabbau in Deutschland sogar weiter zu verschärfen.“
Die Automobilbranche bleibt hinter dem Maschinenbau (905.900 Beschäftigte) der zweitgrößte Industriezweig Deutschlands. Besonders stark fiel der Stellenabbau mit 7,6 Prozent bei den Zulieferern von Teilen und Zubehör für Kraftwagen aus. Bei den Herstellern selbst gingen 6,1 Prozent der Jobs verloren.
Ringen im VW-Konzern
In den Destatis-Zahlen noch gar nicht enthalten sind die neuesten Streichpläne der großen deutschen Autohersteller. Erst vor kurzem hat BMW den Abbau von rund 8000 Jobs weltweit angekündigt. Doch im Vergleich zu anderen Konzernen ist das gar nicht so viel:
Im VW-Konzern, zu dem auch Porsche und Audi gehören, wird – grob gerechnet – um eine Verdoppelung der bereits laufenden Kürzung um 50.000 Jobs gerungen. Bosch will weltweit bis zu 22.000 Stellen im Zuliefererbereich streichen, bei ZF sind es 14.000 in Deutschland. Auch Mercedes-Benz hat bereits tausende Jobs abgebaut.
„2030 wird die deutsche Automobilindustrie auf 500.000 Arbeitsplätze oder weniger geschrumpft sein“, sagt Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer. Er sieht mächtige Kostennachteile am heimischen Standort. Hierzulande investiere zu den bestehenden Kostenstrukturen niemand mehr, neue Produktionskapazitäten entstünden beispielsweise in Ungarn, Rumänien oder Spanien.
Dort seien neben den Arbeitskosten auch die steuerlichen Belastungen geringer und Energie billiger. Auch die Türkei steht bei Herstellern als Produktionsstandort hoch im Kurs. Zuletzt hat der koreanische Konzern Hyundai 250 Mio. Euro investiert, um im Werk Izmit das neue Elektroauto „Ioniq 3“ zu bauen.
VDA: Unternehmen verabschieden sich
Die Unternehmen müssten sich aus wirtschaftlichen Gründen zunehmend gegen den Standort Deutschland entscheiden, sagt die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie, Hildegard Müller. Investitionen und Arbeitsplätze wanderten ab. Die VDA-Chefin nennt hohe Kosten für Arbeit und Energie, langwierige Verfahren, Bürokratie und marode Infrastruktur als Investitionshemmnisse. Es müssten die richtigen politischen Schlüsse gezogen werden: „Alles, was den Standort stärkt, Wachstum schafft und hilft, Beschäftigung zu erhalten, muss in Berlin und auch in Brüssel ganz oben auf der Agenda stehen.“
Versuche, die Wettbewerbsfähigkeit mit Lohnkürzungen oder Einschnitten bei den Sozialleistungen zu verbessern, gingen am Problem vorbei, meint hingegen der Ökonom Sebastian Dullien vom gewerkschaftlichen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK).
Er sagt: „Wenn die Regierung in Peking beschlossen hat, dass möglichst keine Autos westlicher Hersteller mehr in China verkauft werden sollen oder dass das Energiesystem Chinas ohne ausländische Technologie auskommen soll, dann helfen ein paar Prozent niedrigere Lohnkosten in Deutschland wenig.“ Gefragt seien deshalb konsequente Local-Content-Klauseln, selektive Schutzzölle für Schlüsselbranchen und die gezielte Förderung von Zukunftstechnologien.
Die IG Metall verortet die Verantwortung für die Misere beim Management, das über Jahrzehnte plan- und ideenlos vorgegangen sei. „Die Branche braucht keine endlosen Sparprogramme, sondern Investitionen in Innovation, Forschung, Softwarekompetenz, Qualifizierung und moderne Produktionsanlagen“, verlangt die Gewerkschaft. Die Beschäftigten seien nicht länger bereit, dem schleichenden Sterben ihrer Branche zuzusehen. Für den 21. September ist ein bundesweiter Aktionstag geplant.
Aufträge fehlen
Die Autoindustrie sei für den Standort Deutschland weiterhin von zentraler Bedeutung, sagt EY-Berater Brorhilker. „Wenn diese Branche schwächelt, trifft das nicht nur die Hersteller, sondern auch zahlreiche Zulieferer und viele weitere Industriebranchen. Die anhaltend schwache Entwicklung der Autoindustrie kann sich daher wie ein Bremsklotz für die gesamte deutsche Industrie auswirken.“ Unter anderem sind Chemie, Maschinenbau oder Metallerzeugung auf Aufträge aus der Autoindustrie angewiesen.
„Erst wenn die Kosten sinken, werden Investitionen für die Unternehmen wieder attraktiver und somit Arbeitsplätze gesichert“, heißt es beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Der Beschäftigungsrückgang in der Metall- und Elektro-Industrie seit 2019 sei dramatisch, sagt Hauptgeschäftsführer Oliver Zander.
„Der Wegfall von 340.000 Arbeitsplätzen bedeutet einen Verlust von rund 40 Mrd. Euro Wertschöpfung für unser Land. Jeder verlorene Arbeitsplatz heißt auch weniger Steuereinnahmen und Sozialbeiträge.“
Die chinesische Firma Unitree baut Roboter, die tanzen können, momentan aber mehr in der Industrie eingesetzt werden. Mit seinen Börsenplänen hat das Unternehmen einen Hype ausgelöst
Die chinesische Firma Unitree baut Roboter, die tanzen können, momentan aber mehr in der Industrie eingesetzt werden. Mit seinen Börsenplänen hat das Unternehmen einen Hype ausgelöst
Ostdeutschland verliert Beschäftigte mit deutschem Pass – Zuwanderung federt die Lücke nur teilweise ab. Das IW warnt: Ohne zusätzliche Arbeitskräfte aus dem Ausland drohen Wohlstandsverluste
Ohne Zuwanderung gäbe es im Osten Deutschlands nach einer neuen Erhebung immer größere Lücken auf dem Arbeitsmarkt. Zwischen 2023 und 2025 haben die Ost-Bundesländer demnach rund 141.000 Beschäftigte mit deutscher Staatsangehörigkeit verloren – die Zahl der Beschäftigten ohne deutschen Pass stieg in der Zeit um 90.000, wie der Kurzbericht des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Betrachtet hat das IW die ostdeutschen Länder inklusive Berlin, also sechs Bundesländer.
In den nächsten Jahre drohten weitere Arbeitskraftverluste durch in den Ruhestand übergehende Beschäftigte, aber auch durch zurückwandernde Personen. Zwischen Ende 2023 und Ende 2025 habe der Rückgang der Beschäftigung Deutscher in den Ost-Ländern 2,5 Prozent betragen, der Rückgang der Gesamtbeschäftigung 0,8 Prozent. Deutschlandweit stieg die Beschäftigung insgesamt laut IW dagegen leicht um 0,2 Prozent, wobei die der Deutschen nur um 1,4 Prozent zurückging.
Institut: Ohne Zuwanderung droht Wohlstandsverlust
Die Studienautoren warnen vor den Folgen von verstärkter Rückwanderung nach Polen und in andere überwiegend osteuropäische Länder. „Substanzielle Lücken an den Arbeitsmärkten“ in Ostdeutschland könnten in den nächsten Jahren auch durch Rückwandernde entstehen. Daher müsse die Zuwanderung von Arbeitskräften aus Drittstaaten gestärkt werden – sonst „könnte sich das sehr negativ auf den Wohlstand auswirken“, so das IW.
Die Wirtschaftsexperten warnen: „Damit einhergehend könnte sich auch die Versorgung der Bevölkerung mit Waren und Dienstleistungen, etwa im pflegerischen Bereich, verschlechtern.“
7800 Beschäftigte aus EU-Ländern verloren
Seit 2024 sei eine zunehmende Rückwanderungsbewegung in die seit 2004 der EU beigetretenen Länder zu beobachten – auch weil es dort wirtschaftlich inzwischen besser sei. 7800 Beschäftigte von dort habe Ostdeutschland bis vergangenen Dezember schon verloren, so das Institut unter Berufung auf die Bundesagentur für Arbeit und eigene Berechnungen.
Der Anteil der nicht deutschen Staatsangehörigen an der Beschäftigung in Ostdeutschland stieg laut IW von 4,8 Prozent 2015 auf 13,3 Prozent 2025. 845.000 ausländische sozialversicherungspflichtig Beschäftige gab es Ende vergangenen Jahres in Ostdeutschland, darunter mit 16,2 Prozent die meisten aus Polen, gefolgt von 7,4 Prozent aus der Ukraine.
Die acht außereuropäischen Hauptherkunftsländer Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien machen 12,7 Prozent aus. „Hier zeigt sich im letzten Jahr ein starker Rückgang der Zuzüge“, so das IW. Gründe: eine schärfere Migrationspolitik, aber auch der Machtwechsel in Syrien.
Großer Anteil der Wertschöpfung
Das IW untersuchte auch, wer wie viel zur Wertschöpfung im Osten beigetragen hat. Ergebnis: Bei Beschäftigten ohne deutsche Staatsangehörigkeit waren es 2025 rund 68,3 Milliarden Euro (10,5 Prozent der Wertschöpfung). Geringfügige Beschäftigung ist hierbei mitberücksichtigt. Rund zwei Drittel entfallen demnach auf erst in den letzten zehn Jahren hinzugekommene Beschäftigte.
Konkreter ins Detail ging das Institut beim Ländervergleich und untersuchte, wie groß der Anteil des Beitrags der seit 2015 hinzugekommenen ausländischen Arbeitskräfte an der Gesamtwertschöpfung ist. Es sind in Berlin 10,2 Prozent, in Brandenburg 7,1 Prozent, in Thüringen 5,4 Prozent, in Sachsen 5,1 Prozent, in Sachsen-Anhalt 4,9 Prozent und in Mecklenburg-Vorpommern 4,4 Prozent – in ganz Ostdeutschland: 6,9 Prozent.
Wenn Lohnarbeit nicht mehr möglich ist, kann die Erwerbsminderungsrente ein Rettungsanker sein. Wer berechtigt ist und wie man sie bekommt, lesen Sie hier.
Es gibt Dinge, die man bei der Lebensplanung schlicht nicht vorhersehen kann: Wenn Krankheit oder ein Unfall dazu führen, dass jemand dauerhaft nicht mehr oder nur noch eingeschränkt arbeiten kann, soll die Erwerbsminderungsrente das wegfallende Einkommen zumindest teilweise auffangen und Betroffene absichern.
Für einen Anspruch auf die Erwerbsminderungsrente müssen in der Regel zwei versicherungsrechtliche Voraussetzungen erfüllt sein: Man muss mindestens fünf Jahre in der gesetzlichen Rentenversicherung versichert gewesen sein und in den letzten fünf Jahren vor Eintritt der Erwerbsminderung mindestens drei Jahre lang die Pflichtbeiträge gezahlt haben.
Es gibt allerdings Ausnahmen, etwa für Berufseinsteiger. Hier besteht unter Umständen bereits Anspruch, wenn die Erwerbsminderung innerhalb von sechs Jahren nach Ausbildungsende eintritt und in den letzten zwei Jahren mindestens ein Jahr lang die Pflichtbeiträge gezahlt wurden. Bei einem Arbeitsunfall oder einer Berufskrankheit gelten für Berufseinsteiger ebenfalls besondere Regeln.
Erwerbsminderungsrente: Wenn Arbeit nicht mehr möglich ist
Generell gilt für alle Betroffenen: Welchen Beruf man bisher ausgeübt hat, ist für die Erwerbsminderungsrente unwichtig. Für die Beantragung ist nur relevant, wie viele Stunden unter den „üblichen Bedingungen des Arbeitsmarktes“ noch täglich gearbeitet werden kann. Eine teilweise Erwerbsminderung trifft dann zu, wenn noch mindestens drei, aber weniger als sechs Stunden Arbeit pro Tag möglich sind. Wer weniger als drei Stunden täglich arbeiten kann, gilt als voll erwerbsgemindert.
Neben körperlichen Einschränkungen gilt die Möglichkeit einer solchen vorzeitigen Verrentung auch für Menschen mit psychischen Erkrankungen wie beispielsweise Depressionen. Auch diese können grundsätzlich zu einer Erwerbsminderungsrente berechtigen. Entscheidend ist nicht die Diagnose selbst, sondern wie stark die Erkrankung die Arbeitsfähigkeit einschränkt.
Nebenbei arbeiten ist erlaubt – mit Einschränkungen
Trotz Erwerbsminderungsrente darf grundsätzlich gearbeitet und hinzuverdient werden. Die Grenzen werden jährlich angepasst: 2026 dürfen bei voller Erwerbsminderung maximal 20.763,75 Euro im Jahr hinzuverdient werden, bei teilweiser Erwerbsminderung 41.527,50 Euro. Wichtig ist dabei, dass der Umfang der Tätigkeit zur festgestellten Erwerbsminderung passt.
Seit 2024 können Rentner zudem im Rahmen einer Arbeitserprobung etwa sechs Monate testen, ob eine Rückkehr oder Ausweitung der Arbeit möglich ist, ohne dadurch zunächst den Rentenanspruch zu gefährden.
Wie bekommt man die Rente?
Wer eine Erwerbsminderungsrente erhalten will, muss sie aktiv beantragen. Die erforderlichen Formulare stellt die Deutsche Rentenversicherung online bereit, die dortigen Auskunfts- und Beratungsstellen helfen auch bei der Antragstellung. Häufig soll zuvor eine medizinische Rehabilitation versucht werden – fordert die Krankenkasse dazu auf, einen Reha-Antrag zu stellen, müssen Versicherte dieser Aufforderung nachkommen.
Wie hoch die monatliche Zahlung am Ende ausfällt, hängt unter anderem vom bisherigen Versicherungsverlauf ab. Eine wichtige Rolle spielt die sogenannte Zurechnungszeit: Sie soll verhindern, dass Menschen wegen einer frühen Erwerbsminderung eine niedrige Rente erhalten, weil sie ja noch nicht lange einzahlen konnten. Hier wird so gerechnet, als hätten sie bis zu einem bestimmten Alter weiter Beiträge auf Grundlage des bisherigen Durchschnittsverdienstes gezahlt.
Wird der Antrag auf die Rente abgelehnt, ist das nicht zwingend das letzte Wort. Gegen einen Ablehnungsbescheid kann innerhalb eines Monats Widerspruch eingelegt werden. Bleibt auch dieser erfolglos, ist eine Klage vor dem Sozialgericht möglich.
Die Dürre zwingt Landwirte im Südwesten zu drastischen Schritten: Weil das Futter knapp wird, müssen sie ihre Viehherden verkleinern. Anruf bei einem Landwirt, der schon erste Kühe geschlachtet hat
Harald Gronbach führt einen Bauernhof im baden-württembergischen Crailsheim bei Schwäbisch-Hall. Zu seinem Betrieb zählten bisher 130 Milchkühe – für die nun das Futter knapp wird.
Herr Gronbach, Sie betreiben einen landwirtschaftlichen Betrieb in Baden-Württemberg. Dort stiegen die Temperaturen in den vergangenen Wochen deutlich über 30 Grad Celsius. Wie kühlen sich Ihre Tiere ab?
HARALD GRONBACH: In den Ställen haben wir Ventilatoren und Kuhduschen installiert, so können sie die Hitze gut überstehen. Wir tun alles dafür, dass es unseren Tieren auch bei diesen Temperaturen gut geht.
Haben Sie genug Futter?
Nein. Meine Vorräte sind vollständig aufgebraucht. Deshalb muss ich jetzt vorsorgen, damit das Futter auch über den Winter reicht. Erst heute war ich bei einem anderen Landwirt und habe Mais gekauft, der jetzt ins Silo kommt und später als Futter für meine Kühe dient.
Was ist mit dem Mais auf Ihren Feldern, ist der vertrocknet?
Ja, aber das ist nicht das Hauptproblem. Zum einen haben wir zwar wirklich deutlich weniger Mais: Die Pflanzen sind kleiner, die Kolben nicht so groß und auch die Qualität ist schlechter. Das wirklich große Problem ist aber, dass es seit Juni kaum geregnet hat und deshalb kein Gras mehr wächst. Normalerweise hätten wir das Gras in diesem Jahr noch mindestens zweimal mähen können. Im Moment sieht es allerdings nicht danach aus, dass wir noch einmal mähen können.
Was bedeutet das für Ihre Tiere?
Ich musste bereits 15 meiner 130 Kühe schlachten. Das sind rund zehn Prozent meines Bestands.
Das sind außergewöhnlich viele Tiere für diese Jahreszeit.
Das stimmt. Wir mussten in diesem Jahr mehr Tiere als in den Vorjahren schlachten, weil sie bereits jetzt vom Winterfutter fressen. Dadurch bleibt weniger Futter für die anderen Kühe übrig. Gras haben wir ja keines mehr. Bei den geschlachteten Tieren handelte es sich um ältere Kühe, die durchaus noch zwei bis drei Jahre hätten leben können. Weitere Tiere möchte und kann ich jetzt nicht schlachten. Deshalb muss ich dafür sorgen, dass die Tiere, die noch auf dem Hof sind, diesen Sommer und den kommenden Winter überleben.
Wie sehr belastet Sie die aktuelle Situation?
Sorge macht mir das schon. Aber irgendwann wird es auch wieder regnen. Ich bin jetzt 59 Jahre alt und habe als Betriebsleiter schon mehrere Trockenperioden erlebt, etwa 2003 und 2013. Damals war es vielleicht nicht ganz so warm und nicht ganz so lange trocken. Aber irgendwann hat es im Spätsommer oder Herbst wieder geregnet, das Gras ist nachgewachsen und wir konnten noch einmal mähen. Darauf hoffe ich auch diesmal.
Was, wenn es nicht bald regnet?
Irgendwann muss es regnen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich kaufe jetzt so viel Futter zu, dass ich meine Kühe auch ohne Regen durchfüttern kann. Regnet es doch noch, kann ich das Futter aufbewahren und habe einen Vorrat für das nächste Jahr. Kommt dann wieder eine Trockenperiode, hilft mir dieser.
In der Schweiz sind die Futterhändler schon völlig überfordert, Landwirte können nicht mehr genug Futter zukaufen und müssen noch mehr Tiere schlachten. Wie ist das bei Ihnen?
Bei uns gibt es Landwirte, die Körnermais anbauen und ihn normalerweise dreschen. Ich konnte einige von ihnen inzwischen davon überzeugen, mir den Mais stattdessen als Silomais zu verkaufen. Den kann ich dann aufbewahren und als Futter für meine Kühe verwenden. Dafür muss ich zwar einen höheren Preis bezahlen, und auch die Transportwege sind etwas länger. Aber letztlich ist mir das egal. Hauptsache, ich bekomme irgendwo genügend Futter, damit ich über den Winter komme.
Kommt Ihr Betrieb trotz der zusätzlichen Ausgaben für das Futter noch über die Runden?
Ja, das tun wir. Was aber schwierig ist: Ich kann jetzt keine Investitionen tätigen, die ich sonst gemacht hätte. Irgendwann brauche ich zum Beispiel einen neuen Futtermischwagen oder eine Grünlandmaschine für die Heu- und Silageernte. Mein Geld fließt im Moment aber vollständig in den Futterzukauf. Wird es in den nächsten ein bis zwei Jahren wieder so heiß, können wir als Bauernhof nur schwer überleben. Ein landwirtschaftlicher Betrieb muss laufend investieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Wenn sich solche Investitionen über mehrere Jahre aufstauen, kommen schnell große Summen zusammen, die irgendwann nicht mehr finanzierbar sind. Deshalb hoffe ich, dass diese Trockenheit eine Ausnahme bleibt und nicht jedes Jahr wiederkommt.
